Berliner Wirtschaft

Autozulieferer Brose entdeckt in Berlin das Fahrrad

Das fränkische Unternehmen Brose baut in Moabit mit 120 Mitarbeitern Antriebe für E-Bikes und rechnet mit weiterem Wachstum.

Thomas Leicht ist im Berliner Brose-Werk Leiter für die E-Bike-Antriebe. Zur Arbeit geht er allerdings jeden Morgen zu Fuß.

Thomas Leicht ist im Berliner Brose-Werk Leiter für die E-Bike-Antriebe. Zur Arbeit geht er allerdings jeden Morgen zu Fuß.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Berlin. Roman Misch ist Fertigungsplaner im Werk des fränkischen Unternehmens Brose in Berlin. In zwei Produktionslinien bauen in den Hallen im Ortsteil Moabit rund 120 Mitarbeiter Antriebe für Elektro-Fahrräder, sogenannte E-Bikes, zusammen. Brose, im Hauptgeschäft Automobilzulieferer entdeckt in Berlin das Fahrrad. Im Drei-Schicht-System setzen die Mitarbeiter aus 80 Teilen den Antrieb zusammen. Mehr als 750.000 E-Bike-Antriebe sind seit 2014 bereits produziert worden. Erst im vergangenen Jahr hatte Brose die Produktionskapazität in dem Segment verdoppelt.

Misch hält ein Bauteil für den E-Bike-Antrieb in der Hand. Die bronzefarbene Spule sei mit der sogenannten Lagenwickel-Technik verbaut worden. Brose lege also den Draht sauber nebeneinander. „Wilde Wicklung bringt nicht die Effizienz“, sagt Misch. Das Bauteil, das Brose mit kleineren Änderungen in die E-Bike-Antriebe verbaut, sei eigentlich eine Entwicklung für die Autoindustrie gewesen, erzählt der Mitarbeiter. Man habe das gesamte Expertenwissen innerhalb der Brose-Gruppe verwenden können.

Automobilindustrie befindet sich in einer Absatzkrise

Für den Automobilzulieferer ist die E-Bike-Antriebs-Fertigung in Berlin in schwierigen Zeiten ein Lichtblick. Brose hat wie die Fahrzeugindustrie insgesamt keine leichte Zeit hinter sich. Der Jahresumsatz von sechs Milliarden Euro blieb zwar nahezu konstant. Doch Stillstand gilt in der Wirtschaft gemeinhin als Rückschritt. „Wir sehen, dass die klassische Automobilindustrie stagniert und auch durch die Diskussion rund um den Diesel in eine Absatzkrise geraten ist“, sagt der Leiter für die E-Bike-Antriebe in Berlin, Thomas Leicht.

Brose beliefert alle großen Automobilhersteller mit Systemen für Türen und Sitze und baut auch Antriebe, zum Beispiel für elektrische Fensterheber. 25.000 Mitarbeiter an 65 Standorten in 24 Ländern sind insgesamt für das Unternehmen, das noch immer in Familienhand ist, tätig. Die breite Streuung rund um den Globus ist den Anforderungen vieler Autobauer geschuldet. Volkswagen, Daimler und Co. hat es in den vergangenen Jahrzehnten verstärkt ins Ausland gezogen. Und Zulieferer sollten gewissermaßen gleich vor den Werken die notwendigen Bauteile produzieren.

Brose beliefert von Berlin aus weltweit an über 50 E-Bike-Marken

Das Geschäftsfeld E-Bike ist Teil der Antriebssparte des Zulieferers und kann als eine Folge der Wirtschafts- und Finanzkrise 2009 interpretiert werden. Bereits damals habe es Stimmen gegeben, die das Unternehmen unabhängiger von der Autoindustrie aufstellen wollten, erzählt Thomas Leicht. Brose probierte in den folgenden Jahren viel aus. Unter anderem fertigte das Unternehmen zeitweise Haustürantriebe oder überlegte sich Lösungen für das automatische Öffnen und Schließen von Küchenschränken. Geblieben sind lediglich die E-Bike-Antriebe.

Mittlerweile liefert Brose das Bauteil an mehr als 50 E-Bike-Marken weltweit. Der Antrieb ist gewissermaßen das Herzstück des Elektro-Zweirads. Das Bauteil von Brose, das in die Rahmen der jeweiligen Hersteller integriert wird, gilt etwa als besonders leicht, leise und gleichzeitig kraftvoll. Bosch gilt im weltweiten Markt für E-Bike-Antriebe als Marktführer. Brose will mit weiteren Anbietern – unter anderem Shimano und Yamaha – in den nächsten Jahren aufholen.

E-Bike-Segment soll weiter wachsen

Das E-Bike-Segment ist ein Wachstumsfeld. Deutschlandweit werden jedes Jahr etwa vier Millionen Fahrräder verkauft, der Anteil an abgesetzten E-Bikes lag im vergangenen Jahr bei 30 Prozent. In fünf Jahren sollen die Hälfte der verkauften Fahrräder in Deutschland E-Bikes sein, sagt Thomas Leicht. Zuversichtlich macht ihn etwa der Blick nach Belgien, in die Niederlande oder nach Österreich. Da liege der E-Bike-Anteil bereits bei 50 Prozent, so Leicht. Andere Länder hätten mitunter aber auch durch Subventionen der öffentlichen Hand dafür gesorgt, dass der Verkauf der Akku-Bikes steige.

In den Aufbau der zweiten Linie in der Brose-Halle in Moabit sind nach Angaben von Thomas Leicht im vergangenen Jahr mehrere Millionen Euro geflossen. Eine weitere Kapazitätserhöhung sei denkbar, so der Leiter der E-Bike-Sparte. Man beobachte den Markt. Schon heute aber hat die Antriebsfertigung für E-Bikes konzernweit einen Sonderstatus. „Wir wollen in diesem Jahr 15 bis 20 neue Mitarbeiter dazunehmen und planen das in einer ähnlichen Größenordnung auch für das nächste Jahr. Und das, obwohl bei vielen Firmen aufgrund der aktuellen Krise Einstellungsstopp ist. Das E-Bike Geschäft bietet weiter großes Wachstumspotenzial“, erzählt Leicht.

Brose wurde einst in Berlin gegründet

Brose ist seit 2008 zurück in Berlin. Damals übernahm das Unternehmen den Standort von dem Konkurrenten Continental. Für die Franken war der Erwerb auch eine Rückkehr zu den Wurzeln. Max Brose hatte das Unternehmen Brose 1908 in Kreuzberg gegründet. Von Berlin aus handelte Brose damals mit Fahrzeugteilen. Nach dem Ersten Weltkrieg zog Max Brose mit seiner Firma nach Coburg, noch heute hat der Konzern in der fränkischen Stadt seinen Unternehmenssitz.

Für das E-Bike-Segment bietet Brose neben dem Antrieb auch Akkus und Display an. Allerdings: Batterie und auch Digital-Anzeiger lässt das Unternehmen von einem Fertigungspartner in China herstellen. Alle Komponenten werden aber gemeinsam vermarktet. Brose bietet darüber hinaus auch für Fahrradwerkstätten ein Diagnose-Tool an. Mit der Software können die Mechaniker ähnlich wie beim Auto Fehlerquellen auslesen und beheben sowie Hilfetexte auslesen. Brose, sagt Thomas Leicht, kann nun in Sachen E-Bikes „alles aus einer Hand“ anbieten. Denn sowohl Fahrradhersteller als auch Mechaniker in den Werkstätten würden sich mitunter manchmal noch schwer tun, wenn Strom ins Spiel komme.

Verbesserungspotenzial sieht Leicht auch noch in Sachen Fahrradinfrastruktur – nicht nur in Berlin. In der deutschen Hauptstadt waren in den letzten Monaten zwar zahlreiche Pop-up-Bike-Lanes entstanden. Und auch sonst ist die Politik daran interessiert, dem Fahrrad mehr Raum im Straßenverkehr zu geben. Unter anderem sollen künftig vermehrt Lastenfahrräder etwa bei der Auslieferung von Paketen zum Einsatz kommen. Viele Fahrradfahrer fühlten sich aber noch immer unsicher und hätten Angst, sagt Leicht.

Er selbst fährt vor allem in seiner fränkischen Heimat mit dem E-Bike. In Berlin hingegen setzt er sich nicht auf das Fahrrad: Leichts Wohnung liegt lediglich ein paar Minuten Fußweg vom Werk entfernt.