Politik

Studie: Berlins Grüne sind die Besserverdienenden

Berlins Grüne wollen Vielfalt widerspiegeln – doch in den eigenen Reihen hapert es, wie die Diversity-Umfrage der Partei zeigt.

Nina Stahr und Werner Graf von den Grünen haben am Dienstag die Ergebnisse der Diversity-Umfrage vorgestellt.

Nina Stahr und Werner Graf von den Grünen haben am Dienstag die Ergebnisse der Diversity-Umfrage vorgestellt.

Foto: RubyImages/F. Boillot

Berlin. Alle Berliner Parteien müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, dass sie die Vielfalt der Berliner Bevölkerung in ihren eigenen Reihen nicht ausreichend widerspiegeln. Das gilt auch für die Grünen, wie eine eigens entwickelte „Diversity-Umfrage“ unter allen Funktionsträgern der Partei in Berlin jetzt ergeben hat. Am Dienstag stellten die beiden Landesvorsitzenden Nina Stahr und Werner Graf die Ergebnisse vor.

An der Umfrage nahmen knapp 80 Prozent (252 Personen) derjenigen teil, die für die Berliner Grünen etwa im Kreis- oder Landesvorstand, als Mandatsträger im Bundestag, Berliner Abgeordnetenhaus oder in den Bezirksverordnetenversammlungen vertreten sind oder als Stadträte, Bezirksbürgermeister, Staatssekretäre oder Senatoren ein Amt ausüben. Besonders bei den Senatoren und Staatssekretären war die Teilnehmerquote deutlich niedriger als im Durchschnitt. So hat beispielsweise von den drei grünen Senatoren nur einer, beziehungsweise eine, den Fragebogen ausgefüllt. „Die Zurückhaltung erklärt sich durch die Sorge, ob die Anonymität der Angaben gewahrt wird“, erklärte Werner Graf. „Da wir die Umfrage ja zum ersten Mal durchgeführt haben, waren einige offenbar nicht sicher, ob ihre Angaben nicht doch Rückschlüsse auf ihre Person zulassen würden.“

Intime Details wurden in einem Fragebogen abgefragt

Schließlich wurden in dem Fragebogen intime Details wie die sexuelle Ausrichtung, das Einkommen, der Bildungsgrad, die Herkunft sowie Alter und das Vorhandensein einer Behinderung abgefragt.

„Als Bündnis 90/Die Grünen Berlin sind wir ganz klar die Partei der Frauen. Mehr als die Hälfte der Umfrage-Teilnehmer sind weiblich“, sagte Nina Stahr zu den Ergebnissen. „Darauf können wir – über 30 Jahre nach Einführung des Frauenstatuts inklusive der Frauenquote – zu Recht stolz sein“, betonte die Landesvorsitzende.

In anderen Bereichen gelingt ein Abbild der Berliner Stadtgesellschaft unter den Funktionsträgern der Partei jedoch weniger gut: Mit 187 Personen stammen ungefähr Dreiviertel der Teilnehmer aus dem Westteil der Stadt oder den alten Bundesländern. In Ost-Berlin oder den neuen Bundesländern sind lediglich 42 Personen (17 Prozent) groß geworden.

Bei den Einkommen gibt es deutliche Ost-West-Unterschiede

Auch bei den Einkommen – die insgesamt über dem Berliner Durchschnitt liegen, gibt es noch deutliche Ost-West-Unterschiede: Ein monatliches Nettoeinkommen von 3001 Euro bescheinigen sich knapp 30 Prozent der Teilnehmer mit West- und zwölf Prozent mit Ost-Biografie. Ausgewogener geht es in der Einkommensgruppe 2001 bis 2500 Euro zu: Hier gruppieren sich 21 beziehungsweise 18 Prozent der Befragten ein. „Das Etikett als Partei der Besserverdienenden ist sicher nicht ganz falsch, erklärt sich aber auch daher, dass zu den Funktionsträgern ja auch Senatoren und Staatssekretäre mit ihren Bezügen gehören“, so Stahr.

36 Prozent mit familiärer Migrationsgeschichte

Auch bei der Einbindung von Menschen mit Migrationshintergrund gibt es noch Nachholbedarf: „Fast 80 Prozent haben sich selbst als ,weiß‘ definiert. Die Berliner Stadtgesellschaft ist an dieser Stelle zweifellos pluraler“, so Stahr. Positiv sei jedoch die Tatsache, dass mehr als ein Drittel – 36 Prozent – der Teilnehmer eine familiäre Migrationsgeschichte angeben.

„An der Wahrnehmung, wir seien eine Partei mit hohem Anteil von Menschen mit formalhöheren Bildungsabschlüssen, ist zweifellos etwas dran“, ergänzte Werner Graf. Mehr als 90 Prozent der Teilnehmer haben Hochschulreife, über 80 Prozent sogar einen Studienabschluss. „Künftig wollen wir mehr Menschen mit Ausbildungsberufen ansprechen“, sagte Stahr. „Mit dieser Umfrage wagen wir den Schritt, öffentlich und ehrlich unsere Situation zu beleuchten“, so Graf. Auch wenn die Zahlen zeigten, dass die Grünen noch lange nicht dort sind, wo sie hin wollten.