Kampfkandidatur

Siewer greift Mittes Bezirksbürgermeister von Dassel an

Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bezirk Mitte fordert Bürgermeister von Dassel heraus. Der sieht seine Arbeit noch nicht beendet.

Tilo Siewer verpasste zuletzt den Einzug ins Abgeordnetenhaus.

Tilo Siewer verpasste zuletzt den Einzug ins Abgeordnetenhaus.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Berlin. Ein leichter Stoß gegen die Bierbank und die Flasche fällt – bevor Tilo Siewer nur einen Schluck von der Limonade nehmen kann, verläuft sie auf dem Asphalt des ehemaligen Betriebshofs vor der Ex-Rotaprint-Kantine in Gesundbrunnen. „Ist schon okay“, sagt Siewer. Die Miene des großen blonden Mannes bleibt freundlich. Er kann noch zwei Minuten länger warten, bevor er es zum ersten Mal öffentlich selbst ausspricht. „Ich will Bezirksbürgermeister werden.“

Worte, die bei den Grünen im Bezirk Mitte nachhallen. Wenn man so will, haben sie nun einen ähnlichen Machtkampf wie die SPD in Charlottenburg-Wilmersdorf – nur zwei politische Ebenen tiefer. Bei den Sozialdemokraten tritt die Staatssekretärin Sawsan Chebli gegen den formal mächtigsten Mann in der Berliner SPD und gleichsam ihren Chef an: den Regierenden Bürgermeister Michael Müller. Beide Bewerben sich um eine Kandidatur für den Bundestag. In Mitte fordert nun der Fraktionsvorsitzende der Grünen in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Tilo Siewer den amtierenden Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel, einen der bekanntesten Grünen-Politiker Berlins, heraus.

Bislang haben die beiden versucht, miteinander für den Bezirk Mitte Politik zu machen. Tilo Siewer, 45, aufgewachsen in Olpe in Nordrhein-Westfalen, später in Marburg in Hessen wohnhaft, ist seit 2006 Bezirksverordneter in Mitte. Bei den vergangenen Wahlen im Jahr 2011 und 2016 verpasste er den Einzug ins Berliner Abgeordnetenhaus. Erst deutlich, dann knapp. Als Direktkandidat für den Wahlkreis Tiergarten-Hansaviertel-Südliches Moabit fehlten dem Grünen-Politiker im Jahr 2016 vier Stimmen. Abgehakt.

Siewer hat die Zukunft seiner Kanzlei schon geregelt

Das Ziel sei nicht mehr das Abgeordnetenhaus, das sei nicht einmal Plan B. Die Zeit des Mitkreierens sei vorbei. Dann verschluckt der Lärm einer einfahrenden Müllabfuhr Siewers Worte. Er setzt noch einmal an und erklärt in einer Lautstärke, so als müssten Menschen auf den Bierbänken hören, was er zu sagen hat: „Ich will gestalten.“

Die Weichen dafür hat der Rechtsanwalt Siewer früh in diesem Jahr gestellt, politisch und beruflich. Bei den Vorstandswahlen der Grünen in Mitte haben ihn die Mitglieder zu Beginn des Jahres zusammen mit Laura Neugebauer zum Fraktionsvorsitzenden der BVV gewählt. Auch die Zukunft seiner Anwaltskanzlei ist geregelt, für den Fall, dass er tatsächlich für eine Amtsperiode aus den Gerichtssälen in Mittes Rathäuser wechselt. Da ihm seine Mitarbeiter wichtig seien, hätten erst alle eine Weiterbeschäftigung gebraucht. Abgehakt.

Als eine Wespe von der Limonadenflasche um ihn herumsurrt, verzieht Siewer sein Gesicht als habe er in eine Zitrone gebissen. „Ich mag das nicht“, sagt er, wartet aber einfach ab, ohne zu fuchteln. An Geduld mangelt es Siewer nicht, die wird er für seine Vorhaben auch brauchen, sollte er tatsächlich Bezirksbürgermeister im kommenden Jahr werden.

Tilo Siewer will sich für mehr Diversität in der Verwaltung einsetzen

Er wolle sich beispielsweise für mehr Diversität in der Verwaltung einsetzen. Er habe in den 90er Jahren sein Coming-out gehabt. Deshalb könne er sich zumindest vorstellen, was Diskriminierung bedeute. „Die Verwaltung muss auch die Möglichkeiten haben, die Bedarfe der Bevölkerung besser zu kennen.“ Da könne Vielfalt wichtig sein, um weiterzukommen. Wenn Siewer an diesem Vormittag vor dem Ex-Rotaprint-Gebäude über seine Bewerbung zur Kandidatur spricht, entsteht der Eindruck, da habe sich einer vorbereitet – wie ein Schüler auf eine Klassenarbeit.

Dabei kommen seine Ambitionen nicht ganz überraschend. Bürgermeister Stephan von Dassel hatte die Konkurrenz öffentlich gemacht. In einem Interview Mitte Juli sagte von Dassel, er bekomme parteiinterne Konkurrenz von Siewer, fügte aber an: „Ich bin mit dem Bezirk noch nicht am Ende. Es gibt noch viel zu tun.“ Beraubt um die Chance, selbst zu entscheiden, wann er an die Öffentlichkeit geht, blieb Siewer erst einmal stumm – keine Stellungnahme, keine öffentliche Äußerung.

Von Dassel ist keiner der lange abwartet, er handelt

Moabit. Rathaus Tiergarten. Raum 248. Das Büro des Bezirksbürgermeisters in Mitte. Zu Beginn seiner Amtszeit zog von Dassel in das Zimmer mit Blick auf den Mathilde-Jacob-Platz im zweiten Stock des Gebäudes. Es ist kleiner als das Büro in dem alle seine Vorgänger waren, dafür aber kein denkmalgeschützter Raum aus der NS-Zeit. Von Dassel ist keiner der lange abwartet, er handelt. Das zeigte er auch bei der Räumung eines Obdachlosencamps im vergangenen Jahr und auch mit seinen Vorschlägen, um Probleme in der Kurfürstenstraße zu beheben – auch wenn außer der Aufstellung einer Toilette nicht viel passiert ist.

Mit dieser Art eckt der 53-Jährige an , auch manchmal innerhalb seiner Partei. „Es wird sich zeigen, ob die Art wie ich mich Problemen nähere, mehrheitsfähig ist. Davon gehe ich aber aus“, sagt er. Draußen vor den Fenstern zwitschern Vögel in den Bäumen.

„Spekulationen in der Politik zu betreiben macht wenig Sinn“

Vor wenigen Wochen war aus der Basis der Grünen in Mitte zu hören, von Dassels Amtszeit ende im kommenden Jahr. Der Rückhalt für von Dassel innerhalb der Partei schwinde und man sei froh mit Tilo Siewer einen Gegenkandidaten zu haben. Von Dassel will sich damit nicht aufhalten und sagt: „Spekulationen in der Politik zu betreiben macht wenig Sinn.“ Angesprochen auf Tilo Siewer sagt er, er kenne ihn als Bezirkspolitiker schon lange. Er habe aber noch keine Erfahrung, exekutiv Entscheidungen treffen zu müssen, wo man sich zwischen dem geringeren Übel entscheiden könne.

Aus Spitzenkreisen in Mitte heißt es, von Dassel habe bei den rund 1600 Parteimitgliedern die Mehrheit sicher und würde erneut als Kandidat für das Amt des Bezirksbürgermeisters in Frage kommen. Siewer hingegen würde argwöhnisch betrachtet werden, da er die Kampfkandidatur gegen von Dassel gemeinsamen Vereinbarungen vorzieht. Andere rechnen Tilo Siewer realistische Chancen ein.

Bei einer parteiöffentlichen Mitgliederversammlung am 26. September im Poststadion in Moabit soll sich die Zukunft von Tilo Siewer entscheiden. Fällt er am Ende doch schneller als erwartet oder muss er sich einfach nur etwas gedulden?