"Querdenken 711"

Anti-Corona-Proteste: Die Mobilisierung erfolgt im Internet

Die Initiative „Querdenken 711“ ist gut vernetzt. Rechtsanwälte versorgen Corona-Leugner mit Tipps zum Umgehen der Maskenpflicht.

Mit solchen martialischen Bildern mobilisieren Rechtsextremisten.

Mit solchen martialischen Bildern mobilisieren Rechtsextremisten.

Foto: bm / BM

Berlin. Das Video beginnt mit einem Lächeln. Dann spricht der Mann mit dem weißen T-Shirt und dem pausbäckigen Gesicht in das Mikrofon und sagt: „Achtung, Achtung! Das Freiheitsvirus hat Berlin erreicht.“ Dezente Musik, etwas aufgehübschte Bilder von demonstrierenden Massen – dann folgt der Schriftzug „Berlin invites Europe“ (Berlin lädt Europa ein). Es folgt das Datum: 29.08.2020.

Die Initiative „Querdenken 711“ hat europaweit mobilisiert. Ihre neuerliche Demonstration könnte der Höhepunkt der Proteste gegen die Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus werden. 22.000 Teilnehmer hat die Initiative angemeldet. Wie viele tatsächlich kommen? Verlässliche Angaben wird es angesichts des Hin und Her bei der Genehmigung wohl erst am Sonnabend geben.

Bewegung hat ihren Ursprung in Stuttgart

Klar ist schon jetzt: Michael Ballweg – der Mann mit dem weißen T-Shirt und dem pausbäckigen Gesicht aus dem Mobilisierungsvideo – dürfte den Tag in jedem Fall als großen Achtungserfolg verbuchen dürfen. Ballweg ist der Gründer von „Querdenken 711“, jener Initiative, die zwar nicht die einzige, aber wohl die zurzeit wirkmächtigste Gruppierung der Proteste gegen die gesundheitlichen Präventionsmaßnahmen zur Corona-Eindämmung ist. Die Bewegung kommt aus Stuttgart. Eine Demonstration in Berlin hatten die Wortführer aber bereits am 1. August angemeldet. Dem Aufruf waren nach Polizeiangaben rund 30.000 Menschen gefolgt.

Wie professionell die selbst ernannten Querdenker mittlerweile agieren, zeigt sich vor allem Internet. In einem Info-Kanal auf der Kommunikationsplattform Telegram können Interessierte ein Info-Blatt herunterladen, Querverweise zu den Kanälen des Verschwörungsideologen Ken Jebsen inklusive. Außerdem gibt es Tipps für die Anreise mit dem Bus, Empfehlungen für den Demo-Rucksack und natürlich jede Menge Informationen – wobei die große Mehrheit der Bevölkerung diese „Informationen“ wohl schlicht als wirres Geschwätz oder gefährlichen Unsinn bezeichnen würde.

Allein sind die „Querdenker“ aber nicht. Sie sind vernetzt und werden unterstützt von Gruppierungen, die sich in vielem unterscheiden mögen, aber doch eines gemein haben: die Ablehnung der Eindämmungsmaßnahmen. Darunter sind Rechtsextremisten und Reichsbürger, selbst ernannte Verfechter des Grundgesetzes, die eher als Einzelkämpfer unterwegs sind, sowie Menschen, die vor einer vermeintlich bevorstehenden Machtübernahme durch Bill Gates oder – wenn die Verschwörungsideologie sich mit Antisemitismus vermengt – durch George Soros oder nicht näher benannte mächtige „Banker von der (US-amerikanischen) Ostküste“ warnen.

Tipps von Anwälten zur Umgehung der Maskenpflicht

Psychiater haben den Geisteszustand eines Teils der Protestierer angesichts ihrer oft wahnhaften Argumentationen längst zum Gegenstand wissenschaftlicher Abhandlungen erhoben. Man solle sich aber nicht täuschen, warnen Beobachter der Proteste und Extremismus-Experten. Denn die Corona-Leugner seien nicht nur gut vernetzt. Es gebe auch gut ausgebildete Köpfe unter ihnen – etwa Ärzte aus dem Spektrum der Impfgegner oder auch Anwälte, die ihre Kenntnisse ebenfalls für die vermeintlich gemeinsame Sache einsetzen.

Die „Klagepaten“ zum Beispiel versorgen die Gemeinde der Corona-Leugner und Maskenmuffel mit Tipps, wie sich Verordnungen der Eindämmungsverordnungen in den Bundesländern umgehen lassen. Die Demonstration von „Querdenken 711“ unterstützen die Klagepaten nach eigenen Angaben mit einem Team von 50 Rechtsanwälten, um die Teilnehmer vor „unrechtmäßigen Maßnahmen“ der Polizei zu schützen. Tipps liefern die „Klagepaten“ auch für die Anreise nach Berlin. Falls ein Bus gestoppt werden sollte, sollten die Reisenden gegen etwaige polizeiliche Maßnahmen schnell eine Spontandemonstration anmelden. Falls die Fahrt kurz vor dem Eintreffen in die Hauptstadt beendet werde, möge man doch einen „Aufzug“ anmelden. Der Marsch könne dann ja zum Beispiel zur Siegessäule führen.