Tiere

In Berlins Gärten gibt es einen Hühner-Hype

Vor allem Familien entdecken die Liebe zur privaten Haltung der Vögel. In Kleingartenanlagen dürfen die Tiere allerdings nicht leben.

Inka Seidel-Grothe und Axel Lüssow wollen die Gesetzgebung zur Hühnerhaltung verändern.

Inka Seidel-Grothe und Axel Lüssow wollen die Gesetzgebung zur Hühnerhaltung verändern.

Foto: Killian Bayer

Früh geht es los im Hühnerstall. Gegen 8.30 Uhr kommt die Schließerin und öffnet die Festung. „Das Ding ist wie Alcatraz“, sagt Sabine Burre mit einem Lachen. Keiner kommt hier rein oder raus, wenn sie das nicht will. Dabei fürchtet sich die 62-jährige nicht so vor Fluchtversuchen, wie vor ungebetenen Gästen – Fressfeinden. Mit anderen Worten: Füchsen. „Die erste Generation der Hühner war nach drei Wochen ausgeräumt“, erzählt die gebürtige Bielefelderin. Das war vor 16 Jahren, als Burre noch unerfahren war. Ihr Zaun war nicht hoch genug und das Gehege nicht abgedeckt. Das Resultat: Mord und Totschlag im Hühnerstall, mitten in Berlin-Charlottenburg. Sieben Hühner gerissen – der Fuchs hatte leichtes Spiel.

Den Wunsch Hühner zu halten, verspürte Burre das erste Mal auf der anderen Seite der Welt, weit abseits der Zivilisation. Drei Monate lebte sie damals im Busch von Paraguay. In einem Zimmer mit nicht viel mehr als einem Bett und einem Schreibtisch, schaute sie durch ein Fenster ohne Glas und konnte die Hühner auf dem Hof beobachten. „Das ist so friedlich, so gemütlich, da kommst du runter, wenn du das siehst,“ dachte sie sich damals. Jahre später, erfüllte sie sich den Traum. Die Hühner waren spannend für die Kinder. Und das frische Ei am Morgen, war auch verlockend. Doch dann kam der Fuchs.

Familie Burre verändert den Hühnerstall

Familie Burre lernte aus den Fehlern. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion veränderten sie den Hühnerstall in

ihrem Garten. Während Herr und Frau Burre im Dunkeln werkelten, die Oktobersonne war untergegangen, saß Sohn Flori auf der Leiter und hielt Ausschau. „Und plötzlich schrie er: „Mama, der Fuchs ist da!“ Und tatsächlich, da lag er, kurz außerhalb des Lichtkegels. „Er hat uns beobachtet“, sagt Burre, fast noch mit Empörung. Dann lacht sie und sagt: „Ich habe jede Menge Fuchs-Stories.“

Solche Geschichten hat Wolfgang Fürch schon häufiger gehört. Als Züchter vermittelt er regelmäßig Hühner. In diesem Jahr waren es bereits zwölf. Fast immer warnt er die neuen Halter. Doch es kommt immer wieder einmal vor, dass ihn nach einer kurzen Zeit ein Anruf erreicht mit der traurigen Botschaft: Der Fuchs war da. „Viele unterschätzen die Gefahr für die Tiere. Aber die Füchse sind schlau.“

Wolfgang Fürch züchtet deutsche Zwerg-Wyandotten

Fürch ist 77 Jahre alt, zweiter Vorsitzender der Rasse-Geflügelzüchter im Kreisverband Berlin und überzeugtes Nabu-Mitglied. Seit Jahrzehnten züchtet er deutsche Zwerg-Wyandotten – eine alte Rasse ursprünglich aus Nord Amerika. „Der Name Wyandotten kommt von einem Indianerstamm,“ erzählt Fürch. Das Siedlungsgebiet der Ureinwohner lag an der Ostküste der heutigen Vereinigten Staaten und Kanada. „Die Wyandotten domestizierten Hühner. Im 19. Jahrhundert brachten die Niederländer diese Hühner auf ihren Schiffen zurück nach Europa. Seitdem züchtet man sie auch in Deutschland.“

15 Euro kostet so ein Rassehuhn beim Züchter – das reicht in etwa um die Futterkosten wieder rein zubekommen. Der Trend zur privaten Hühnerhaltung werde stärker, sagt Fürch. „Die, die bei mir anrufen sind hauptsächlich Frauen ab 25 Jahren – mit Familie. Fast alle sind Akademiker und Intellektuelle. Lehrer, Ärzte, usw.“ Einer der schönsten Momente für ihn sei, wenn sich die Kunden nach Monaten wieder melden: „Herr Fürch, die haben das erste Ei gelegt! Das ist noch so klein und die Kinder freuen sich so sehr.“ Das sei „herrlich“, sagt er.

Vor allem mache Fürch dies aber, um die Biodiversität zu erhalten: „Man muss darauf achten, dass die alten Rassen nicht aussterben.“ Gegenüber der Industrie äußert er sich kritisch. Die Bodenhaltung und das Töten der Bruderhähne (der männlichen Küken) lehne er ab: „Wir sind doch Christen! Das ist doch unmöglich, dass wir zusehen wie die Küken geschreddert werden.“

Nicht alle dürfen Hühner in der Klein-Gartenkolonie halten

Früher war er Gas-Wasser-Installateur, Meister und Lehrer an der Berufsschule. Heute ist Fürch Rentner und hat – wie immer – wenig Zeit. Jeden Tag findet man ihn in seinem Schrebergarten am Flughafen Tegel mit seinen Hühnern. Die Düsenturbinen dröhnen so laut, dass sich kein Nachbar ernsthaft über das Hahnkrähen beschweren könnte. Trotzdem darf er nur wegen seines alten Pachtvertrages das, was Anderen Mittlerweile verwehrt ist – Hühner in einer Klein-Gartenkolonie halten.

Grund hierfür ist das Bundeskleingartengesetz aus dem Jahr 1983, dass Tierhaltung in Kleingartenkolonien nicht vorsieht, sagt Marion Kwart, Pressesprecherin für den Landesverband Berlin der Gartenfreunde. „Das hat sowohl hygienische als auch Tierschutzgründe“, sagt Kwart. „Die Menschen wussten zum Teil nicht, wie man die Tiere richtig hält. Deswegen wurde das verboten.“ Kwart glaubt nicht, dass sich auf Bundesebene der Wille findet das Gesetz zu ändern.

Doch genau das wollen Inka Seidel-Grothe und Axel Lüssow verändern. Die beiden sind Hühneraktivisten und wünschen sich mehr Gesetzgebung, die eine naturgetreue Haltung ermöglicht. Auch sie sprechen von einem regelrechten „Hühnerhype“, der gerade bei jungen Familien losbricht. Beide sind ehrenamtliche Politiker bei Bündnis 90/Die Grünen. Seidel-Grothe hat 2017 erfolglos für den Bundestag kandidiert, Lüssow war damals ihr Wahlkampf-Manager, heute ist er Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft für Tierschutzpolitik in Berlin.

Tragen die Hühner erst einen Namen, hängt man an ihnen

Seidel-Grothe, in ihrer Nachbarschaft auch bekannt als „die Hühnerfrau aus Biesdorf“, lebt in einem Mehrgenerationenhaus im Ostteil der Stadt. Ihre selbstauferlegte Mission: Private Hühnerhaltung zu verbreiten und Naturverbundenheit zu lehren. In ihrem Garten bietet ein abgezäunter Bereich großzügig Platz für den selbstgebauten Hühnerstall und weiten Auslauf für die Tiere.

Uno ist der Hahn im Korb. Er und seine vier Hennen, Flotte Lotte, Mona Lisa, Rötchen und Sophie sorgen fast täglich für frische Eier – anfänglich einer der Hauptmotivationen für die Haltung, gesteht Seidel-Grothe. „Man hängt persönlich an den Tieren, sobald sie einen Namen haben“, erzählt sie. Am Anfang ekelte sie sich vor den Hühnern, als eine Freundin ihr einen Pappkarton mit drei Tieren in den Arm drückte. „Dabei sind Hühner hygienisch, die haben den Drang, sich sauber zu halten,“ sagt Seidel-Grothe. Und mit der Zeit entwickelte sich daraus eine Leidenschaft. Hühnerhaltung macht ihr Freude. „Ich habe eine völlig neue Haltung gegenüber Tieren gewonnen.“ Genau diese Haltung möchte sie mit ihrem Parteifreund Axel Lüssow vermitteln. Gemeinsam halten sie Bildungsseminare für Kinder und Erwachsene. Über 500 Teilnehmer haben sie bereits „missioniert.“

Dabei geht es ihnen um Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Verantwortung gegenüber dem Tier und der Natur. „Ich glaube: Der entscheidende Hebel für den Tierschutz, ist das Tier-Erleben. Mehr Menschen müssen sehen, wie Tierhaltung sein sollte“, sagt Axel Lüssow. Auch Seidel-Grothe sagt: „Das Ziel ist es, pädagogisch bei den Kindern anzusetzen und ihnen die Augen zu öffnen, was Tierhaltung bedeutet und wo Lebensmittel eigentlich herkommen.“

Hühnerhaltung ist nichts Teures

Hühnerhaltung ist an sich nichts Teures, einen Garten sollte man allerdings haben. Ein Sack Futter kostet um die 15 Euro und hält etwa sechs Monate. Zusätzlich Fressen die Hühner Bio-Abfall, Salatblätter, Kräuter und halten den Garten von Nacktschnecken frei. Für den obligatorischen Tierarztbesuch zum Impfen bezahlt Seidel-Grothe etwa 70 Euro. Auch über Schallschutz müssen sich neue Halter Gedanken machen, denn das Hahnkrähen kann für Unmut in der Nachbarschaft sorgen. Dafür gebe es aber schallgedampfte Ställe mit Zeitschaltmechanismen. Trotzdem wünschen sie sich eine Gesetzgebung, die eine naturgetreue Haltung ermögliche: „Wir brauchen mehr Hahnkrähen und weniger Autolärm“, sagt Lüssow.

Das Hahnkrähen war für Sabine Burre, in Charlottenburg ebenfalls ein Problem. Sie hatte probeweise einen Hahn, musste ihn aber wieder abgeben aufgrund der Nachbarn. Menschen, die sich Hühner anschaffen wollen rät sie, den zeitlichen Aufwand nicht zu unterschätzen. „Hühner brauchen Regelmäßigkeit und Verlässlichkeit, auch wenn man in den Urlaub fährt. Man muss sich ganz genau überlegen, wer zum Hühnerfanclub gehört.“

Dafür hat Burre mittlerweile ihr eigenes Schichtsystem entwickelt. Wenn sie weg ist, rotieren ihre Nachbarn alle drei Tage. Sie füttern die Hühner, lassen sie kurz raus und machen das Brett sauber. „Die Nachbarn finden das witzig und die Kinder können sich was angucken.“ Die Eier, die sie finden, gibt es oben drauf. Ihre Hühner dürfen weiterleben, auch wenn sie keine Eier mehr legen. Solange bis womöglich mal wieder der Fuchs kommt.