Gastbeitrag

Rettet den Einzelhandel

Der Präsident des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg fordert Wettbewerbsgleichheit zwischen den Geschäften und den Online-Plattformen.

Der Online-Handel bringt viele Einzelhandelsgeschäfte in Existenznot – die Innenstädte drohen zu veröden.

Der Online-Handel bringt viele Einzelhandelsgeschäfte in Existenznot – die Innenstädte drohen zu veröden.

Foto: Jens Büttner / dpa

Vor wenigen Tagen noch konnten die Berlinerinnen und Berliner aufatmen – es bleiben doch weitere Karstadt-Kaufhäuser in Berlin geöffnet. Doch die Freude sollte nicht lange anhalten. Von einem „dreckigen Deal“ ist nun die Rede, von Erpressung und unbändigem Kapitalismus, den es zu überwinden gilt.

Der stationäre Einzelhandel hat es nicht leicht in der heutigen Zeit. Die aktuelle Pandemie beschleunigt gesellschaftliche Trends und ändert Konsum und Kaufverhalten nachhaltig. Der Onlineeinkauf ist dabei für viele zum Alltag geworden. Für die großen Kaufhäuser bedeutet das einen hohen Verlust von Kundenfrequenz und Umsatz. Da stationäre Einzelhandelsgeschäfte traditionell geringere Umsatzrentabilitäten als beispielsweise Industrieunternehmen aufweisen, bedeutet ein Umsatzverlust von 20-30% oft schon wirtschaftlich desaströse Verhältnisse. Viele Textil- und Hartwarenhändler kämpfen derzeit mit noch höheren Umsatzrückgängen von bis zu 60 Prozent Verlust zum Vorjahr. Das ist tragisch und wird auf Dauer nicht auszuhalten sein.

Die Pandemie wird vorübergehen, doch das Online-Shopping bleibt. Daran ist grundsätzlich auch nichts

auszusetzen. Die Kunden versuchen ihre Bedürfnisse zu stillen und können innerhalb einer sozialen, marktwirtschaftlichen Grundordnung auch selbst entscheiden, bei wem und wie sie einkaufen wollen. Beim „Wann“ wird es schon interessanter. Während die stationären Geschäfte in Deutschland an Sonntagen nur sehr selten und unter unsicheren Bedingungen öffnen dürfen, macht das Online-Shopping am Sonntag erst so richtig Spaß. Dies haben andere europäische Länder besser gelöst und lassen die Kunden entscheiden, wann sie einkaufen gehen wollen.

Aber das „Warum“ zeigt die ganze Tragödie: Trotz aller guten Vorsätze geht es der Konsumentin oder dem Konsumenten am Ende immer ums Geld. Und das ist auch gut so, würde der Berliner sagen. Denn das ist die Grundlage von volkswirtschaftlicher Effizienz. Angebot und Nachfrage regeln Verfügbarkeiten und Preise. Der Staat soll dabei für gleiche und faire Wettbewerbsbedingungen sorgen. Faire Wettbewerbsbedingungen für Berliner Kaufhäuser hieße, die großen Onlineplattformen endlich an die Steuerketten zu legen, den Mehrwertsteuerbetrug zu stoppen und aus Drittländern eingeführte Waren bei diesem Geschäftsmodell zu kontrollieren. Nur wenn es wieder möglich ist, dass Bekleidung, Multimediageräte, Haushaltswaren oder andere Konsumgüter im Kaufhaus zu gleichen Preisen wie im Onlinegeschäft angeboten werden können, erleben wir einen Wettbewerb auf Augenhöhe – und keine Verödung der Innenstädte.

„Wir stoppen den Bau von Logistikzentren“ war auf dem Parteitag der Linken im Berliner Estrel jedoch nicht zu hören. Wohl aber die Forderung, Unternehmen, die in unsere Stadt investieren wollen, mit dem Schwert des Kapitalismus zu stigmatisieren und für geächtet zu erklären. Das große Kaufhaus am Hermannplatz, so wie es nun von der Fassadengestaltung her wiedererrichtet werden soll, wurde schon einmal in der Geschichte gehasst und am Ende sogar gesprengt. Die Nationalsozialisten konnten diesen schrecklich modernen Bau der späten 1920er-Jahre nach amerikanischem Vorbild nicht gutheißen.

Doch über den architektonischen Geschmack hinaus werden auch alle volkswirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten ignoriert und ohne Reflektion der Geschichte Wünsche freigesetzt, die einem bei näherer Betrachtung große Angst machen: Staatliche Konsum-Kaufhäuser als Lösung des Problems. Im gleichen Satz wurden auch Genossenschaften genannt. Auch diese scheinen nach Ansicht der Linken in der Lage zu sein, ohne ein funktionierendes Geschäftsmodell überleben zu können. Diese Sichtweise hat weniger mit Zuversicht zu tun, sondern viel mehr mit dem Verschließen der Augen vor rationalen Realitäten. Anstatt an den großen Problemen des „Wann“ und „Warum“ zu arbeiten und nach nationalen oder europäischen Lösungen zu suchen, werden Visionäre verprellt und Unternehmer unter Generalverdacht gestellt. Damit verschließt sich Berlin vor der Lebenswirklichkeit. Die Geschichte hat gezeigt, dass niemand gegen den Markt gewinnt – und das ist auch gut so. Erst durch freie Märkte und die soziale Marktwirtschaft konnte die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt in Deutschland gesteigert und Arbeitsplätze geschaffen werden. Vielleicht werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Karstadt-Kaufhof einmal nach ihrer Meinung gefragt.