Corona-Krise

Corona: Charité warnt Wissenschaftler vor Einzelmeinungen

Der Dekan weist die Mitarbeiter an: Einzelmeinungen zur Corona-Pandemie sollen nicht mehr unabgestimmt veröffentlicht werden.

Das Bettenhochhaus der Berliner Charité hinter dem Charité-Logo an der Zentralen Notaufnahme.

Das Bettenhochhaus der Berliner Charité hinter dem Charité-Logo an der Zentralen Notaufnahme.

Foto: Christoph Soeder / dpa

Berlin. Die Spitze der Charité möchte verhindern, dass Einzelmeinungen von Wissenschaftlern zur Corona-Pandemie in der Öffentlichkeit als Meinung oder Einschätzung der Universitätsklinik insgesamt verstanden werden. Der Dekan der Fakultät Axel Pries hat die Forscher aufgefordert, sich mit öffentlichen Äußerungen mit dem Vorstand abzustimmen.

Anlass für das interne Schreiben, das der Morgenpost vorliegt, war die Berichterstattung mehrerer Medien zu einer Studie über den „Publikumsbetrieb von Konzert- und Opernhäusern unter COVID-19“. Charité-Forscher empfehlen darin, Veranstaltungen mit klassischer Musik auch wieder in voll besetzten Sälen stattfinden zu lassen.

Die Besucher solcher Konzerte seien sehr diszipliniert und redeten nicht miteinander während der Darbietungen, argumentierten die Wissenschaftler. Wenn die Bars in den Pausen geschlossen blieben und eine ausreichende Lüftung sichergestellt sei, ließen sich Konzerte und Opernaufführungen auch vor mehr Publikum rechtfertigen. Der Vorstand hatte sich von diesen Einschätzungen distanziert.

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Charité als gefragte Beraterin in der Pandemiebekämpfung

Dass diese Äußerungen als Aussagen „der Charité“ wahrgenommen wurden, sei „sehr problematisch und hat negative Auswirkung auf die Reputation der Charité“, schreibt Pries. „Ganz unabhängig von der wissenschaftlichen Validität der Ausführungen bedarf eine Kommunikation nach außen, die als Charité-Stellungnahme interpretiert werden kann, einer frühzeitigen Information des Vorstands sowie der Einbindung des internen Expertenboards“, so der Dekan. „Nicht nur, weil sonst das von Ihnen allen mit aufgebaute nationale und internationale Renommee der Charité als wissenschaftliche Einrichtung beschädigt wird. Vor allem untergraben unkoordinierte Stellungnahmen von führenden Einrichtungen wie der Charité das Vertrauen einer nach Orientierung suchenden Bevölkerung in die Wissenschaft!“, heißt es in dem Brief, der auf den 21. August datiert ist.

Der oberste Wissenschaftler der Charité lobte seine Kollegen aber auch für ihren Einsatz während der Pandemie und hob die Doppelrolle der Universitätsklinik als Erkenntnislieferantin und als Beraterin der Politik hervor.

Einerseits trage „die Faculty“ der Charité zur Weiterentwicklung der wissenschaftlichen Analyse bei. Andererseits habe sich die Institution Charité in den vergangenen Monaten zur gefragten Beraterin in der Pandemiebekämpfung für alle wesentlichen gesellschaftlichen Gruppen entwickelt, angefangen von der Politik über die Kultur bis hin zum Sport.

Gerade für die „gesellschaftliche Beratungsfunktion der Charité“ sei „eine Integration und Abstimmung von Positionen in der Institution sowie die vertrauensvolle Interaktion mit den verantwortlichen Stellen Voraussetzung“, so der Charité-Dekan.

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