Danke, Tegel!

Warum Kleingärtner das Ende vom Flughafen Tegel fürchten

Viele Kleingärtner rund um TXL freuen sich auf die Ruhe nach der Schließung - und sorgen sich zugleich um die Zukunft ihrer Parzellen.

Rüdiger und Birgitt Hübbe haben sich längst an den Fluglärm vom Flughafen Tegel gewöhnt. Gespräche mit Nachbarn am Gartenzaun werden regelmäßig von startenden Flugzeugen unterbrochen. Als die Concorde der Air France 1995 in Tegel gelandet ist, haben in ihrem Häuschen die Gläser geklirrt, berichten sie. Das Ehepaar macht sich keine Sorgen um die Zukunft ihrer Parzelle. „Bis hier etwas passiert, sind wir 80“, sagen sie. „Dann ist das egal.“

Rüdiger und Birgitt Hübbe haben sich längst an den Fluglärm vom Flughafen Tegel gewöhnt. Gespräche mit Nachbarn am Gartenzaun werden regelmäßig von startenden Flugzeugen unterbrochen. Als die Concorde der Air France 1995 in Tegel gelandet ist, haben in ihrem Häuschen die Gläser geklirrt, berichten sie. Das Ehepaar macht sich keine Sorgen um die Zukunft ihrer Parzelle. „Bis hier etwas passiert, sind wir 80“, sagen sie. „Dann ist das egal.“

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Serivces

Berlin. „Mein letzter Weg wird in ein Altenheim sein. So lange möchte ich noch in meinem Garten bleiben, ob mit oder ohne Fluglärm.“ Gabriele Dräger schiebt an einem Sommermorgen den Rasenmäher über das sehr gepflegte Grün ihrer Parzelle. Seit neun Jahren verbringt die 64-Jährige Frühling, Sommer und Herbst in der Kleingartenkolonie „Vor den Toren 1“ in Tegel. Näher dran am Flughafen, als in dem kleinen Garten der Rentnerin kann man kaum sein. Nur wenige Gartennachbarn, eine schmale geteerte Straße und ein hoher Zaun mit einer Stacheldrahtkrone trennen sie vom südlichen Teil des Flughafengrundstücks. „Was ist das denn für eine Hauptstadt mit nur einem Flughafen“, sagt die Rentnerin.

Sie habe selbstverständlich beim Volksbegehren für den Weiterbetrieb von Tegel gestimmt. „Es war schon erschreckend ruhig, als wegen Corona überhaupt keine Flugzeuge mehr gestartet und gelandet sind“, sagt Dräger. Eine Ruhe, die bestimmt Vorteile mit sich bringen würde.

Die Angst vor einer ungewissen Zukunft überwiegt aber. „Ich habe mich in den vergangenen neun Jahren so an den Lärm gewöhnt, dass er mich überhaupt nicht stört“, sagt Dräger. „Wir wissen doch überhaupt nicht, was mit unseren Grundstücken passieren wird. Wir werden und wurden komplett im Dunkeln gelassen.“

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Flughafen Tegel: Kleingarten-Pächter sorgen sich um Einstellung von Buslinien

Sie hat eine Insektenwiese angelegt, möchte noch mehr Bäume pflanzen und das Häuschen renovieren. „Wenn ich in den Garten investiere, dann aber richtig. Mit Blick in die Zukunft, weiß ich nicht, was nach der Tegel-Schließung passieren wird.“ Sorgen macht sie auch um die Anbindung der Gärten an die öffentlichen Verkehrsmittel, wenn Tegel schließt. „Wenn keine Passagiere mehr kommen und niemand mehr hier arbeitet ist doch zu befürchten, dass die BVG die Buslinien einstellt“, sagt die 64-Jährige. „Ich wohne in Lichtenberg und habe kein Auto“, sagt Dräger. „Wie ich dann zu meinem Garten kommen soll, kann ich mir noch nicht vorstellen.“

Nur ein paar Wege entfernt packen Wolfgang Pepke und Kurt Schmidt Baumaterial und Werkzeug in ihren Pkw. Pepke verbringt seit 31 Jahren jeden Sommer in seinem Garten in dem Dauerkleingartenverein „Vor den Toren 4“. Die Kolonie ist angesiedelt zwischen dem Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal und dem westlichen Ende der Start- und Landebahnen. „Die Ruhe hier seit Corona ist schon sehr schön“, sagen die beiden Handwerker. „Wir stehen aber vor einer ungewissen Zukunft.“

Es gebe seit Jahren Bebauungspläne, die aber gefühlt regelmäßig wieder geändert würden. „Wenn ich richtig informiert bin, dann haben wir noch einen Bestandsschutz bis 2030“, sagt Pepke. „Das kann sich aber auch schnell ändern.“ Die Straße C trennt die Wohnsiedlung „Hoka 3“. Hoka steht für den Hohenzollernkanal, der die südliche Grenze der Wohnsiedlung bildet, und die Kleingartenkolonien „Vor den Toren 3 und 4“.

Die Straße C trennt aber auch die Meinungen zur Flughafenschließung. Denn die Bewohner von „Hoka 3“ leben das ganze Jahr über in Einfamilienhäusern. Dort wird nicht, wie in den Gärten im Winter das Wasser abgestellt, die Menschen leben dort zum Teil seit Jahrzehnten im Grünen. Das ganze Jahr über. Und die Meinung der Hausbesitzer zur Schließung unterscheidet sich ganz deutlich zu den Aussagen der meisten Kleingartenpächter. „Ich zähle die Tage bis zur Schließung und freue mich auf die dauerhafte Ruhe“, sagt Rudolf Klimek. „Ich bin hier aufgewachsen und später wieder in mein Elternhaus gezogen. Das ist jetzt auch schon wieder 30 Jahre her.“

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Der 82-Jährige ist auf dem Weg zu einem Nachbarn. Der arbeitet mit schwerem Gerät in seinem Garten. Als er seinen Freund sieht, zieht dieser zwei Schaumstoffstöpsel aus den Ohren. „Der Bohrer ist sehr laut“, sagt Jürgen Huxol. „Normalerweise stecke ich mir die Dinger vor sechs Uhr früh, bevor die ersten Flugzeuge starten und landen, in die Ohren, damit ich weiterschlafen kann.“ Huxol erzählt von der Party vor zwölf Jahren, als er mit Freunden und Nachbarn schon die baldige Schließung gefeiert hatte. „Wenn Tegel im November nicht schließt, dann werde ich als einer der ersten auf einer Demo dabei sein“, sagt der 78-Jährige. „Eine Party ist nicht geplant, ich werde wohl in meinem Haus auf Mallorca sein. Das liegt auch in der Einflugschneise. Da fliegen die Maschinen aber noch in einer Höhe von 1500 Metern. Die hört man kaum.“

In der Kolonie „Vor den Toren 4“ sitzt Rüdiger Hübbe vor seinem Häuschen, seine Frau Birgit jätet auf allen vieren Unkraut. „Jeder der hier einen Garten gepachtet hat wusste, dass es laut ist“, sagt der 70-Jährige. „Wir haben unseren Garten gepachtet, als es den Flughafen schon gab.“ Zudem seien die Flugzeuge vor 35 Jahren viel lauter gewesen. Hübbe und seine Frau erzählen vom April 2010, als der Vulkanausbruch in Island für die Einstellung des Flugverkehrs sorgte. „Da haben wir uns schon an die Ruhe gewöhnt“, sagen sie. „Genauso schnell haben wir uns wieder an den Fluglärm gewöhnt. Als die Concorde 1995 in Tegel gelandet ist, haben sogar die Gläser in unserer Laube geklirrt.“ Sorgen um die Zukunft machen sie sich nicht. „Bis hier irgendetwas passiert sind wir mindestens 80“, sagen sie. „Dann kann uns das auch egal sein.“

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Die Berliner Morgenpost hat ein Sonder-Magazin herausgebracht, das sich ganz dem Flughafen Tegel widmet. Auf mehr als 100 Seiten zeigen wir die schönsten Bilder aus der Geschichte des Flughafens, bieten spannende Interviews mit Architekten, Piloten und Prominenten. Berlinerinnen und Berliner erzählen von den schönsten und skurrilsten Begebenheiten, die sie in Tegel erlebten. Der Preis liegt bei 8,90 Euro. Das Tegel-Magazin ist erhältlich im Handel und im Morgenpost-Shop unter: shop.morgenpost.de