Clan-Kriminalität

Das brutale Ende einer Freundschaft

Vor dem Berliner Landgericht beginnt das Verfahren mit Rapper Bushido als Nebenkläger.

Bushido am Montag im Gericht.

Bushido am Montag im Gericht.

Foto: Paul Zinken / AFP

Berlin. Die zwei Männer schienen ein Herz und eine Seele zu sein, und sie wähnten sich auf der Gewinnerseite. Perfekt sitzende Designeranzüge, die kurzen Haare des Borstenschnitts szenetypisch nach oben gegelt, im Gesicht ein Siegerlächeln: Das Foto des Gangster-Rappers Bushido und des seinerzeit als sein „Manager“ titulierten Arafat A.-C. ist gut zehn Jahre alt. Bushido und Arafat A.-C. liegen sich darauf in den Armen. Den Fotografen zeigen sie die ausgestreckten Mittelfinger. Die Botschaft: Uns scheint die Sonne aus dem Allerwertesten – und Ihr könnt uns alle mal.

Die Zeiten ändern sich. In dem gleichnamigen Song aus dem Jahr 2007 glorifizierte Bushido, geboren in Berlin-Tempelhof, seinen Aufstieg vom angeblichen „Ghettojungen“ zum Superstar der deutschen Gangster-Rap-Szene. Der Titel passt aber auch auf die Entwicklung, die das Verhältnis des Anis Ferchichi, so Bushidos bürgerlicher Name, zu dem als „Clan-Boss“ titulierten Arafat A.-C. nahm: Von der Geschäftsbeziehung und der Freundschaft blieben nur Streit – und eine Anklage, in der die Staatsanwaltschaft Arafat A.-C. schwere räuberische Erpressung, Freiheitsberaubung, gefährliche Körperverletzung, Nötigung, Beleidigung und Untreue vorwirft.

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Personenschützer der Polizei für Bushido

Der Saal 500 des Kriminalgerichts Moabit am Montagvormittag: Journalisten müssen ihre Taschen in einem Vorraum abgeben. Fünf Personenschützer der Polizei haben sich vor dem Gerichtssaal mit Sturmhauben und Sicherheitswesten postiert. Es sind Vorkehrungen, wie sie sonst nur in Terrorprozessen oder Verfahren der organisierten Kriminalität getroffen werden, in denen es um Mord und Totschlag geht. Doch dem Vorsitzenden Richter schienen die Maßnahmen angezeigt zu sein – und wer der Anklage zuhörte, bekam eine Ahnung, warum er damit Recht haben könnte.

Oberstaatsanwältin Petra Leister warf Arafat A.-C. darin vor, er habe das von dem als „Sprechgesangskünstler“ bezeichneten Bushido verkündete Ende der Geschäftsbeziehung der beiden Männer nicht akzeptieren wollen. Der 44-Jährige habe von Bushido verlangt, er solle nicht näher bezeichnete Schulden begleichen. Der Vorschlag: Bushido solle ihm doch einfach seine Villa in Kleinmachnow verkaufen, aber nicht für den vermuteten Marktwert von 1,8 Millionen Euro, sondern für 1,3 Millionen Euro.

Im Dezember 2017, genauer gesagt am ersten Weihnachtsfeiertag, bestellte A.-C. Bushido laut Anklage in die Büroräume des Labels „Ersguterjunge“. Er habe die Tür abgeschlossen und den Schlüssel in seine Hosentasche gesteckt. „Hüte deine Zunge, du Stück Schei*e, bevor ich sie die abschneide“, schimpfte A.-C., laut Anklage. Ferchichi habe gehen wollen. Doch die Tür blieb zu.

Nun rächte sich, dass die Männer auch privat miteinander verbandelt waren. In Kleinmachnow gehörten ihnen ein gemeinsames Grundstück mit mehreren Häusern. Arafat A.-C. habe Bushido nun „verboten“, sein Haus zu beziehen. Bei einem weiteren Treffen habe A.-C. Bushido verkündet: „Du wirst hier erst wieder lebend rauskommen, wenn du uns die Wahrheit gesagt hast.“

Bushido sollte einmalig zwei bis drei Millionen zahlen

Yasser und Nasser A.-C. sollen ihrem Bruder zur Seite gestanden haben. Die Kraftausdrücke, die sie dabei genutzt haben sollen, musste Staatsanwältin Petra Leister beim Verlesen der Anklageschrift wiedergeben, weil auch der Tatvorwurf der Beleidigung im Raum steht. An dieser Stelle sollen sie nicht wiederholt werden. Dann unterbreiteten sie Bushido – um den Mafia-Klassiker „Der Pate“ zu zitieren – ein „Angebot, das er nicht ausschlagen konnte“. Bushido solle einmalig eine Zahlung von zwei bis drei Millionen Euro leisten – oder bis an sein Lebensende zahlen. So jedenfalls stellte es Staatsanwältin Leister in der Anklage dar. Bushido habe sich akut bedroht gefühlt und vor allem um die körperliche Unversehrtheit seiner Kinder gefürchtet.

Die Angst mag gerechtfertigt gewesen sein. Bei einem der Treffen soll A.-C. jedenfalls gezeigt haben, dass er bereit war, den Worten Taten folgen zu lassen. Laut Anklage schlug er Bushido eine Wasserflasche aus Hartplastik ins Gesicht. Bruder Yasser habe dies mit den Worten ergänzt: „Die Flasche ist noch zu wenig für dich, du Schwein, du Verräter.“

Die mutmaßlichen Drohungen zeigten offenbar Wirkung. Bushido, der sich in seinen Songs gerne als harter Gangster-Rapper inszeniert, flüchtete nach den Auseinandersetzungen laut Anklage für rund zehn Tage nach Kenia und Thailand. Der Streit um eine aus Sicht der Familie A.-C. offenbar gerechtfertigte „Abfindung“ ließ sich indes auch bei einem letzten Treffen im März 2018 nicht schlichten. Bushido soll dabei rund 2,5 Millionen Euro und eine dreijährige Beteiligung an den Einnahmen aus seinen Musikgeschäften angeboten haben. Arafat A.-C. habe entgegnet, Bushido könne sich mit dem Angebot sein Hinterteil abwischen – wobei er für das in Rede stehende Körperteil einen anderen Ausdruck benutzt haben soll.

Nun hatte Bushido offenbar genug – und beschloss mit jenem System zu kooperieren, über das er sich in seinen Songtexten bestenfalls abfällig oder herablassend äußert: dem Rechtsstaat. In dem am Montag gestarteten Verfahren vor dem Landgericht tritt der als Nebenkläger auf. Den ersten Verhandlungstag verfolgte er – weißes T-Shirt, Corona-Maske meist korrekt über Mund und Nase gestreift – dem Augenschein nach hochkonzentriert.

Die Brüder wollten sich zunächst nicht zu den Vorwürfen äußern

Die Anklage dürfte ihm vertraut gewesen sein, fußt sie wesentlich auf seinen Aussagen. Die Brüder Rommel, Nasser und Yasser A.-C. unterstützten ihren Bruder Arafat demnach bei der mutmaßlichen Drangsalierung von Bushido. Rommel A.-C. soll zudem eine Vollmacht genutzt haben, um von dem Konto der gemeinsamen Firma von Arafat A.-C. und Bushido 180.000 Euro abzuheben. Das Geld habe der 44-Jährige seinem Bruder Arafat ausgehändigt, der die Summe für andere Zwecke genutzt haben soll. Mit Bushido sei die Abhebung nicht abgesprochen gewesen.

Die Gebrüder Arafat wollen sich nach Angaben ihrer Verteidiger zunächst nicht zu den gegen sie erhobenen Vorwürfen äußern. Von den Regeln des Rechtsstaates hat Arafat A.-C. womöglich ohnehin keine hohe Meinung. Darauf deutet eine Begebenheit aus einem anderen Verfahren hin. Als sein Bruder Nasser im März 2018 wegen des Vorwurfs der Beleidigung vor Gericht stand, soll Arafat A.-C. außerhalb des Gerichtssaals eine kurze Unterhaltung mit einem Polizisten aufgezeichnet haben. Der Polizist soll ihn darauf hingewiesen haben, dass derlei Aufnahmen ohne Einwilligung des Gesprächspartners grundsätzlich verboten sind. Arafat A.-C. soll sich darüber geärgert und den Beamten als „Bastard“ bezeichnet haben. Einem anderen Polizisten soll er gesagt haben: „Halt deine Schnauze!“

Erste Niederlage für die Staatsanwaltschaft

Die Staatsanwaltschaft musste in dem Verfahren bereits vor dem ersten Verhandlungstag eine Niederlage einstecken. Laut Anklage sollte auch ein mutmaßlicher Kindesentzug verhandelt werden. Yasser A.-C. wurde vorgeworfen, vor den Augen seiner Ehefrau, aber gegen ihren Willen, die gemeinsamen Kinder nach einem Aufenthalt in Dänemark in seinen BMW gesetzt zu haben, um mit ihnen zu seiner Mutter zurück nach Neukölln zu fahren. Das Gericht wird sich jedoch nicht damit befassen. Denn der 39-Jährige brachte die Kinder laut Anklage von Dänemark nach Deutschland. Das ins Feld geführte Gesetz stellt aber lediglich den Kindesentzug zum Zweck des Verbringens ins Ausland unter Strafe.

Auf ein langwieriges Verfahren müssen sich die Brüder A.-C. sowie Bushido aber trotz dieser Verschlankung der Anklage einstellen. Die Rechtsanwälte der Brüder dürften alles versuchen, um die Anklage in Misskredit zu bringen. Einen Vorgeschmack gaben die Rechtsbeistände von Arafat A.-C. am ersten Verhandlungstag. Die Staatsanwaltschaft möge überprüfen, ob wirklich alle Aktenbestandteile vorlägen. Nebenbei ließ Rechtsanwalt Martin Rubbert eine Bemerkung fallen, dass ja auch gegen Bushido ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Geldwäsche anhängig sei. Die Schlammschlacht zwischen dem als „Clan-Boss“ titulierten Arafat A.-C. und seinem einstigen Busenfreund und Geschäftspartner Bushido mag also manierlichere Formen angenommen haben als bei den Treffen, bei denen A.-C. Bushido eingeschlossen und mit Beleidigungen übersät haben soll. Vorbei ist sie nicht.