Interview

Hubertus Knabe: „Ich war noch nie so frei wie jetzt“

Zwei Jahre nachdem seinem Stellvertreter sexuelle Belästigung vorgeworfen wurde, spricht Hubertus Knabe über die Ereignisse.

Der ehemalige Leiter der Stasiopfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen, Hubertus Knabe.

Der ehemalige Leiter der Stasiopfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen, Hubertus Knabe.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. September 2018, in Berlin berichtet der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB), dass der stellvertretende Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen Mitarbeiterinnen sexuell belästigt haben soll. Die Aufregung ist verständlicherweise groß, in der Folge wird der Mann entlassen, wenig später aber auch der langjährige Direktor Hubertus Knabe. Völlig überraschend. Diese Entlassung sorgt für viel politischen Streit, im Abgeordnetenhaus beschäftigt sich derzeit noch ein Untersuchungsausschuss mit den damaligen Vorgängen und der Zukunft der Gedenkstätte Hohenschönhausen. Knabe hat zwei Jahre öffentlich geschwiegen – nun erzählt er erstmals, was damals vorgegangen ist.

Berliner Morgenpost: Herr Knabe, wie geht es Ihnen?

Hubertus Knabe: Den Umständen entsprechend. Mich bedrückt der Niedergang der Gedenkstätte Hohenschönhausen, andererseits war ich noch nie so frei wie jetzt. Ich kann endlich denken, sagen und schreiben, was ich will, und muss nicht Rücksicht nehmen auf Gremien, Geldgeber und einen mir nicht wohlgesonnenen Kultursenator.

Vor knapp zwei Jahren wurden Sie als Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen entlassen, Sie haben zwei Jahre lang öffentlich geschwiegen und nichts zu Ihrer Ablösung gesagt. Warum wollen Sie jetzt darüber reden?

Mein Anwalt hatte mir damals dringend geraten zu schweigen. Er fürchtete, Kultursenator Klaus Lederer könnte mich auch noch fristlos kündigen. Außerdem wurden bestimmte Medien ständig mit Interna versorgt, um mich persönlich zu diskreditieren. In dieser Situation fand ich es klüger, den Konflikt nicht weiter anzuheizen.

Vor zwei Jahren, im September 2018, wurden Vorwürfe gegen Ihren Stellvertreter öffentlich bekannt. Er soll Frauen sexuell belästigt haben. Wie haben Sie damals diese Tage erlebt?

Ihre Frage stellt mich vor ein Problem: Personalangelegenheiten gehören nicht in die Öffentlichkeit. Ich kann daher nur sehr allgemein sagen, dass es Vorwürfe gegenüber einem Mitarbeiter gab, über die mich der Kultursenator im September 2018 schriftlich informiert hat. Eine Woche später sollte auf einer Sondersitzung des Stiftungsrates über Konsequenzen beraten werden. Zu meiner Überraschung wurde ich dann selber gekündigt.

Wann genau haben Sie von den Belästigungsvorwürfen erfahren?

Die Vorkommnisse lagen größtenteils Jahre zurück und waren von mir bereits arbeitsrechtlich sanktioniert worden. Schon im März 2016 hatte mich der damalige Kultur-Staatssekretär Tim Renner darüber informiert, dass sich drei ehemalige Mitarbeiterinnen über Umarmungen und nächtliche SMS des Mitarbeiters beschwert hätten.

Was haben Sie dann gemacht? Haben Sie mit dem Mitarbeiter gesprochen?

Selbstverständlich. Ich habe ihn unverzüglich einbestellt. Da mir Herr Renner den Beschwerdebrief nicht geben wollte, hatte ich allerdings nur meine Notizen. Der Mitarbeiter zeigte sich sehr betroffen und versicherte, dass es durch ihn niemals zu irgendeiner Form von Übergriffigkeit gekommen sei. Wenn er seine Mitarbeiter hin und wieder in den Arm nehme oder mit ihnen per SMS kommuniziere, dann nur im Sinne einer freundschaftlich-kollegialen Zusammenarbeit. Ich habe ihm daraufhin derartige Berührungen und SMS untersagt und ihn darauf aufmerksam gemacht, dass sexuelle Belästigungen am Arbeitsplatz zu einer fristlosen Kündigung führen könnten. Diese Anweisung habe ich ihm auch schriftlich gegeben.

Sie beide kannten sich sehr gut, Sie waren befreundet.

Ja und nein. Ich kannte den Mitarbeiter schon sehr lange, weil er vom rumänischen Geheimdienst verfolgt worden war. Daher waren wir per Du. Im Arbeitsverhältnis war ich aber distanziert, weil dies für die Zusammenarbeit besser ist. Jeder, der an unseren Besprechungen teilgenommen hat, weiß, dass ich ihn in keiner Weise bevorzugt habe.

Es gab immer den Verdacht, dass Sie beide gute Kumpels sind, den Männerwitz pflegen und Sie die Vorwürfe deshalb gar nicht so ernst genommen hätten.

Das ist eine infame Unterstellung. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich Männerwitze für geschmacklos halte. Ich finde es auch völlig deplatziert, Mitarbeitern von Besuchen in Swingerclubs zu berichten. So etwas macht man einfach nicht.

Das hat er aber gemacht.

So steht es zumindest in dem Papier, das mir der Kultursenator eine Woche vor meiner Kündigung zustellen ließ. Wenn man als Arbeitgeber so etwas hört, muss man den Mitarbeiter damit konfrontieren und das Verhalten verbieten. Herr Lederer hat jedoch weder mich informiert noch selbst auf den Mitarbeiter eingewirkt.

2016 haben Sie in einem Vermerk festgehalten, dass Sie Ihren Stellvertreter gesprochen, ermahnt und bestimmte Dinge verboten haben. Stimmt das?

So ist es. Den Vermerk über das Personalgespräch habe ich auch Herrn Renner geschickt und gefragt, ob er weitergehende Maßnahmen für erforderlich hielte – was nicht der Fall war. Später behauptete Herr Lederer, das Schreiben sei nicht auffindbar. Ich erinnere mich noch, wie mich der Senator aufgeregt anrief, weil der Anwalt des Mitarbeiters erklärt hatte, dass dieser bereits von mir abgemahnt worden sei. Man kann nämlich nicht zwei Mal für dieselbe Tat bestraft werden. Herr Lederer bat mich, ihm den Vermerk ganz schnell zuzufaxen. Hätte er vertrauensvoll mit mir zusammengearbeitet, wäre ihm dies erspart geblieben.

Im Jahr 2016 war schon entschieden worden, keine Volontärinnen mehr in die Gedenkstätte zu schicken.

Das Gespräch mit Kultur-Staatssekretär Renner fand statt, weil dieser wegen der Beschwerde vorübergehend keinen Volontär zur Gedenkstätte abordnen wollte. Ein Jahr später gab es dann wieder einen. Mein Mitarbeiter hatte zugesichert, sich an meine Anweisungen zu halten, im Wiederholungsfall hätte ihm die Kündigung gedroht. Für mich war das Thema damit arbeitsrechtlich erledigt.

Den Vermerk haben Sie persönlich noch?

Den hat die Gedenkstätte. Auch Herr Lederer müsste mein Fax noch haben – es sei denn, es ist erneut verschwunden.

In den zwei Jahren bis zum Herbst 2018, gab es denn dann noch weitere Beschwerden? Kamen Frauen zu Ihnen?

In meiner 18-jährigen Tätigkeit als Direktor der Gedenkstätte hat sich niemals eine Mitarbeiterin bei mir über irgendeine sexuelle Belästigung beschwert. Im Gegenteil: Nach dem Gespräch mit Herrn Renner habe ich mich bei den Frauen, die mit dem Mitarbeiter zu tun hatten, erkundigt, wie die Zusammenarbeit laufe. Es gab nicht einmal andeutungsweise Klagen. Auch im Personalrat wurde mir nie von einer solchen Beschwerde berichtet. Die Behauptung, es gebe an der Gedenkstätte einen „strukturellen Sexismus“, ist eine Beleidigung für alle Mitarbeiter und hat vermutlich persönliche Gründe.

Wieso?

Ich kann und will hier keine Personalangelegenheiten ausbreiten. Aber es macht doch stutzig, dass eine Volontärin, die mit dem Mitarbeiter im Streit lag, sich erst nach ihrem Ausscheiden beim Stiftungsratsvorsitzenden über angebliche sexuelle Belästigungen beschwert und über zwei Jahre später erneut. Wenn man sich wirklich belästigt fühlt, spricht man das doch sofort an – und jeder Arbeitgeber würde sofort reagieren.

Bei der zweiten Beschwerde waren es aber acht Frauen.

Nein. Beim ersten Brief waren es drei – von denen nur die erwähnte Mitarbeiterin namentlich genannt werden wollte. Beim zweiten Brief waren drei weitere Frauen hinzugekommen, die alle nicht mehr in der Gedenkstätte arbeiteten. Erst in dem Dossier, das mir Herr Lederer kurz vor meiner Kündigung zustellen ließ, nennt die von ihm beauftragte Anwältin acht Frauen. Das wirkt, als hätte jemand nach Beschwerden gesucht.

Der Beschwerde-Brief wurde im Frühsommer 2018 verschickt, erst im September 2018 wurde er öffentlich bekannt. Ist denn in diesen Monaten mit Ihnen geredet worden? Hat Sie beispielsweise der Kultursenator oder die Kulturstaatsministerin angesprochen?

Nein. Der Brief datiert vom 8. Juni 2018. Als Absender trägt er die Adresse: Brunnenstraße 188-190 in Berlin, der Dienstsitz von Herrn Lederer. Drei Tage später fand eine Stiftungsratssitzung statt, auf der Herr Lederer den Brief mit keinem Wort erwähnt hat. Auch im Juli schwieg er. Wenn an der Gedenkstätte so unhaltbare Zustände geherrscht hätten, wie Herr Lederer und Kulturstaatsministerin Grütters später behaupteten, hätte man doch die Mitarbeiterinnen sofort schützen müssen. Erst im August hat er mich über den zweiten Brief informiert. Auch Frau Grütters, die ich im September zweimal traf, hat weder mich über die Vorwürfe unterrichtet, noch selbst etwas zum Schutz der Frauen unternommen.

Wie läuft so etwas? Ruft der Senator dann an oder schickt er eine Mail und zitiert Sie in die Kulturverwaltung?

Der Senator und eine Vertreterin der Kulturstaatsministerin kamen plötzlich in die Gedenkstätte und wollten die Personalakte des Mitarbeiters haben. Sechs Volontärinnen hätten sich über sexuelle Belästigungen am Arbeitsplatz beschwert. Als ich fragte, auf welcher Rechtsgrundlage sie die Akte haben wollten, meinte der Senator, er sei die „Personalstelle“ der Gedenkstätte. Nach einer Gesetzesänderung lag diese Aufgabe aber seit dem 1. Juli bei mir. Das heißt, als Herr Lederer zuständig war, hat er nichts unternommen, und als ich zuständig wurde, hat er mir die Angelegenheit aus der Hand genommen.

Wie erklären Sie sich das?

Ich habe dafür nur eine Erklärung: Dass es Herrn Lederer nicht um die Frauen ging, sondern darum, mich loszuwerden. Dafür hat er sie benutzt. Der Senator hat sich sogar persönlich mit ihnen getroffen, ohne mich als Leiter zu informieren. Anschließend hat seine Anwältin wochenlang hinter meinem Rücken nach Belastungsmaterial gesucht. Mitte August habe ich ihn deshalb noch einmal schriftlich gebeten, sich enger mit mir abzustimmen. Erst am 18. September ließ er mir ein anonymisiertes Dossier der Anwältin zukommen, das eher einer Anklageschrift als einer Untersuchung ähnelte. Denn keiner der Vorwürfe war überprüft worden.

Sind Sie bei den schweren Vorwürfen nicht erschrocken?

Natürlich! Ich habe dem Mitarbeiter, der sich gerade im Urlaub befand, mitgeteilt, dass ich ihn bis zur Klärung freistelle. Zudem habe ich mit der ehemaligen Volkskammerpräsidentin Sabine Bergmann-Pohl vereinbart, dass sie die Mitarbeiterinnen der Gedenkstätte befragt, ob sie sich irgendwie belästigt fühlten.

Ein vielleicht naiver Einwand: Wenn ein Kultursenator mit solchen Vorwürfen konfrontiert wird, dann holt man doch normalerweise den Leiter der Gedenkstätte zum Gespräch, bespricht das, auch die Konsequenzen – und Sie hätten in diesem Fall ja erklären können, dass Sie schon vor zwei Jahren eine Abmahnung erteilt haben, dass nun also Konsequenzen wie etwa die fristlose Suspendierung oder Entlassung umgesetzt werden. Warum ist das nicht geschehen? Was war da los?

Das müssen Sie Herrn Lederer fragen. Die einzige Erklärung für mich ist, dass es ihm nicht um das Problem an sich ging, sondern um mich. Jeder hat sich damals doch gefragt, warum kündigt er den Leiter, wenn es Beschwerden über einen Mitarbeiter gibt? Dann müsste man auch vielen anderen kündigen. Neben politischen Differenzen war Herr Lederer offenbar auch persönlich beleidigt, weil ich vor seinem Amtsantritt dafür plädiert hatte, das Kulturressort lieber bei der SPD zu belassen.

Nochmals: Als Herr Lederer zu Ihnen kam, um die Personalakte zu holen, haben Sie denn dann nicht gesagt: Ich kenne den Fall, ich habe ihn vor zwei Jahren abgemahnt, wir müssen ihn nun suspendieren oder entlassen. Haben Sie das nicht vorgeschlagen?

Herr Lederer und die Vertreterin von Frau Grütters kamen nicht zu mir, um sich mit mir über eine Personalangelegenheit zu beraten. Sie informierten mich lediglich über den Eingang der Beschwerde und dass sie dem Mitarbeiter eine Einladung zu einer Anhörung übergeben wollten. Beide machten deutlich, dass sie den Fall alleine händeln wollten – und so ist es ja auch gekommen. Ich wurde weder zu der Anhörung hinzu gebeten noch über die Ergebnisse informiert. Einige Wochen später lud Herr Lederer dann zu einer Stiftungsratssitzung ein, aus deren Vorbereitung ich komplett herausgehalten wurde. Herr Lederer schloss mich sogar von der Teilnahme aus, obwohl ich laut Satzung ein Recht darauf hatte.

Aber das ist doch unlogisch: Sie sind der Leiter der Gedenkstätte, Sie hatten den Mitarbeiter schon einmal abgemahnt, Sie waren seit Juli per Gesetz für Personalangelegenheiten zuständig. Warum wurde Ihnen der Fall nicht überlassen? Warum wollte der Kultursenator das selbst händeln?

Weil es ihm um mich ging. Und er hatte große Angst, dass seine Operation schiefgehen könnte. Ich habe noch gut vor Augen, wie seine Hände zitterten, als er mir meine Kündigung übergab. Und ihm war unglaublich wichtig, dass ich die Gedenkstätte auf keinen Fall mehr betrete. Deshalb wurde ich mit sofortiger Wirkung freigestellt.

Haben Sie denn in dieser Zeit mit Ihrem Stellvertreter gesprochen?

Natürlich, gleich nachdem sich Herr Lederer die Personalakte aushändigen ließ. Ich habe mich auch kurz über den Verlauf der Anhörung informieren lassen. Vor allem aber habe ich Herrn Lederer, seinen Staatssekretär und seinen Abteilungsleiter immer wieder darum gebeten, mich über die Vorwürfe ins Bild zu setzen, damit ich handeln kann – denn dazu war ich als Arbeitgeber verpflichtet. Das wurde jedoch abgelehnt, sodass ich schließlich sogar Strafanzeige erstattete. Weil die Kulturverwaltung der Staatsanwaltschaft aber mitteilte, der Terminus „sexuelle Belästigung“ sei nicht strafrechtlich gemeint, wurde das Ermittlungsverfahren wieder eingestellt. Wenn Herr Lederer und Frau Grütters behaupten, ich hätte in dieser Sache nichts unternommen, ist das falsch und unredlich.

Im September wurden die Vorwürfe öffentlich bekannt, nach der Freistellung kam der Stiftungsrat zusammen – und dann waren Sie auf einmal Ihren Job los …

Die Vorwürfe wurden nicht einfach so bekannt, sondern hier hat jemand gezielt dafür gesorgt, dass Journalisten ständig mit Interna gefüttert wurden. Ich finde das immer noch hochgradig verantwortungslos. Personalangelegenheiten, gerade in einem solchen Fall, gehören nicht in die Zeitung, schon gar nicht mit Foto und vollem Namen. Das Leben des Mitarbeiters ist nach dieser Berichterstattung doch für immer zerstört.

Der Stiftungsrat wollte dann aber nicht nur ihn entlassen, sondern stellte auch Sie mit sofortiger Wirkung frei.

Das kam für mich völlig überraschend. Ich wurde gekündigt und mit sofortiger Wirkung von der Arbeit freigestellt – was man eigentlich nur macht, wenn von einem Mitarbeiter eine Gefahr ausgeht. Dass Herr Lederer mir die Teilnahme an der Sitzung untersagt hatte, hätte mich allerdings schon hellhörig werden lassen müssen.

Nur zum Verständnis: Ruft der Kultursenator dann bei Ihnen an und sagt, er wolle Sie nicht dabei haben? Oder wird dann eine E-Mail geschrieben? Wie läuft das ab?

Herr Lederer schrieb mir eine E-Mail. Ich sollte mich in einem Nebenraum bereithalten. Nach etwa einer Stunde wurde ich hereingebeten und über den Beschluss des Stiftungsrates informiert, den Mitarbeiter zu kündigen. Ich bat ums Wort und schilderte den Mitgliedern kurz, was mir über den Fall bekannt oder besser: nicht bekannt war. Anschließend wurde ich gebeten, erneut im Nebenraum Platz zu nehmen – was mich gewundert hat, denn eigentlich war der Punkt ja abgearbeitet. Nach über einer Stunde wurde ich erneut hereingebeten, und Herr Lederer überreichte mir meine eigene Kündigung.

Wurden Sie denn vorher aufgefordert, noch einmal Stellung zu nehmen? Zu erklären, was 2016 geschehen war, was Sie unternommen hatten? Wie sich die Situation aus Ihrer Sicht darstellt?

Nein. Vor allem wurden mir keinerlei Vorhaltungen gemacht oder irgendwelche Fehler vorgeworfen. Deshalb weiß ich bis heute nicht, warum ich eigentlich gekündigt wurde. Das alles war schon sehr ungewöhnlich und hatte mit einem fairen Umgang nichts zu tun – erst recht, wenn man bedenkt, dass ich fast 20 Jahre, ein Drittel meines Lebens, dem Land Berlin gedient habe.

Aber haben nicht die Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und der Kultursenator Ihnen gesagt, was Sie ihrer Meinung nach falsch gemacht haben?

Nein. Noch am Tag vor der Stiftungsratssitzung traf ich Frau Grütters und ihre Vertreterin im Stiftungsrat im Kanzleramt. Es kam nicht der leiseste Hinweis. Auch von Herrn Lederer gab es keinerlei Kritik. Im Gegenteil: In den Stiftungsratssitzungen hat er meine Arbeit regelmäßig gelobt.

Und dann bekamen Sie die Kündigung.

Nicht nur das. Außer Kündigung und Freistellung bekam ich auch noch Hausverbot. Ich sollte bis zum nächsten Tag um 11 Uhr meinen Arbeitsplatz räumen. Als ich einwandte, dass das nicht so einfach sei, da ich dort viele Bücher hätte, hieß es, die dürfte ich nicht selber einpacken, sondern nur am Eingang abholen – verpackt vom Hausmeister. Und als ich ankündigte, die Bibliothek weiter zu benutzen, wurde mir erklärt, dass ich die Gedenkstätte nicht mehr betreten dürfe. Mein Anwalt sagte mir damals, eine solche Brutalität hätte er noch nie erlebt.

Herr Lederer sagt bis heute, dass Sie sehr wohl Stellung nehmen konnten. Und er sagt, dass das Vertrauensverhältnis so massiv gestört gewesen sei, weil Sie im Fall Ihres Stellvertreters nichts unternommen hätten, weil Sie die Frauen nicht geschützt hätten, dass gar keine andere Möglichkeit bestanden hätte, als Ihnen zu kündigen.

Diese Aussage enthält gleich mehrere Unwahrheiten: Erstens bin ich gegen den Mitarbeiter sofort und sehr nachdrücklich vorgegangen – obwohl mir kaum konkrete Hinweise vorlagen. Zweitens haben Herr Lederer und ich durchaus vertrauensvoll zusammengearbeitet – bis er mich in dieser Sache plötzlich systematisch umging. Drittens bin ich von ihm niemals mit irgendwelchen Vorwürfen konfrontiert worden und konnte folglich auch nicht dazu Stellung nehmen.


Ist für das Hausverbot eine Begründung genannt worden?

Nein. Aus finanziellen Gründen habe ich darauf verzichtet, dagegen vorzugehen. Denn anders als Herr Lederer musste ich die Kosten selber tragen. Vielleicht findet der Untersuchungsausschuss des Abgeordnetenhauses ja heraus, wie viel das alles gekostet hat – mit Sicherheit mehrere hunderttausend Euro.

Ein Vorwurf lautet, Sie hätten sich nicht um die Frauen bemüht, Sie hätten diese nicht geschützt. Die Vorwürfe waren anonymisiert, aber haben Sie versucht, einmal mit den Frauen zu sprechen?

Ich weiß nicht, wer das behauptet. Mir gegenüber hat das nie jemand erklärt. Es wäre auch schlicht die Unwahrheit. Das Dossier der Anwältin habe ich erst eine Woche vor meiner Kündigung erhalten. Sieben der dort Genannten waren nicht mehr in der Gedenkstätte beschäftigt, eine hatte sich krank gemeldet. Soweit das in dem Trubel der mir verbleibenden Woche möglich war, habe ich mit meinen Mitarbeiterinnen sofort gesprochen. Dabei wurde mir versichert, dass der Vorwurf des „strukturellen Sexismus“ völlig aus der Luft gegriffen sei. Acht Frauen haben dies später förmlich zu Protokoll gegeben.

Auch die Kulturstaatsministerin Grütters hat für Ihre Entlassung votiert. Hat Sie mit Ihnen gesprochen?

Nein – obwohl ich Frau Grütters schon sehr lange kenne und ein gutes Verhältnis zu ihr hatte. Warum sie nie mit mir gesprochen hat, ist mir schleierhaft. Selbst wenn sie der Meinung war, dass der Direktor abgelöst werden muss, dann redet man doch darüber und sucht nach einem einvernehmlichen Weg – zumal wenn jemand 18 Jahre im Amt war und in der eigenen Partei hoch geschätzt wird. Ich kann nur vermuten, dass sie sich irgendwann mit Herrn Lederer auf dieses Vorgehen verständigt hat. Vielleicht findet ja der Untersuchungsausschuss heraus, wann und warum. Auf jeden Fall hat sie die politischen Folgen unterschätzt.

Sie hat auch danach nicht mit Ihnen gesprochen? Bis heute nicht?

Nein. Im Gegenteil: Wenige Tage nach meiner Entlassung traf ich Frau Grütters und Herrn Lederer beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit. Beide brachten es nicht einmal fertig zu grüßen – im Gegensatz zur Kanzlerin und zum Bundespräsidenten, der sich sehr mitfühlend verhielt.

Haben Sie Fehler gemacht?

Das habe ich mich auch natürlich gefragt: Was hätte ich besser machen können? Das Einzige, was den Ereignissen vermutlich einen anderen Verlauf gegeben hätte, wäre gewesen, Herrn Lederer mehr um den Bart zu gehen. Ich habe ihn als hochemotionale Persönlichkeit kennengelernt. Als wir uns das erste Mal begegneten, wollte er mir nicht einmal seine Visitenkarte geben, weil ich bei einer Podiumsdiskussion den Umgang seiner Partei mit der DDR-Vergangenheit kritisiert hatte. Dann kam meine Kritik an der Berufung eines ehemaligen hauptamtlichen Stasi-Mitarbeiters zum Staatssekretär. Aus der Presse erfuhr ich damals, dass Herr Lederer dienstrechtlich gegen mich ermittelte. Aber Liebedienerei ist nicht meine Art. Ich meine auch, dass man in einer Demokratie Kritik aushalten und auch mit Kontrahenten fair umgehen muss.

Haben Sie Fehler gegenüber Ihrem Stellvertreter gemacht? Hätten Sie ihn 2016 gleich entlassen müssen? Hätten Sie sich mehr um Frauen kümmern müssen?

Eine Kündigung wäre völlig aussichtslos gewesen, da ich überhaupt nichts in der Hand hatte. Wenn es tatsächlich einen sexuellen Übergriff gegeben hätte, wäre das etwas anderes gewesen – den gab es aber nicht. Auch nach Auffassung der Kulturverwaltung konnte ich den Mitarbeiter nur anweisen, wie er sich hinfort zu verhalten hat. Genau das habe ich getan. Was die Frauen betrifft, so habe ich bei jeder Neueinstellung gesagt: Kommen Sie zu mir, wenn es Probleme gibt, dafür bin ich da. Als Chef von 150 hauptberuflich oder nebenberuflich Beschäftigten können Sie nicht jeden überwachen, wie er sich benimmt.

Sind Sie um Ihr Lebenswerk gebracht worden?

Ja und nein. Als ich zum Gründungsdirektor der Gedenkstätte berufen wurde, war das Stasi-Gefängnis kaum bekannt. Unter meiner Leitung wurde es zu einem der prominentesten Erinnerungsorte in Deutschland. Das kann mir niemand nehmen. Auch die Kraft des Ortes, für dessen Erhalt ich immer gekämpft habe, existiert weiter. Aber natürlich hätte ich mir einen anderen Abschied gewünscht – nicht zuletzt, um mich bei meinen Mitarbeitern und den Zeitzeugen zu bedanken.

Wie bewerten Sie die Arbeit der Gedenkstätte in den vergangenen zwei Jahren, seit Ihrer Entlassung?

Ich werde nicht die Arbeit meines Nachfolgers kommentieren. Es hat mich nur gewundert, dass er sich nie bei mir gemeldet hat, denn wir kennen uns schon sehr lange. Ich kann nur vermuten, dass er unter einem unglaublichen Druck steht. Gleich nach meiner Kündigung hat Herr Lederer ja angekündigt, keinen unbefristeten Vertrag mehr abzuschließen, was den Direktor noch abhängiger macht. Was mich vor allem besorgt macht, ist, dass die SED-Diktatur in Berlin öffentlich so gut wie keine Rolle mehr spielt. Um die Gedenkstätte ist es sehr still geworden. Die Besucherzahlen sind eingebrochen, und zwar nicht erst seit Corona, es gibt keine neuen Publikationen, keine neuen Ausstellungen, noch nicht einmal den gesetzlich vorgeschriebenen öffentlichen Tätigkeitsbericht. Für die Opfer ist das alles sehr traurig.

Ist das Ansehen der Gedenkstätte beschädigt worden?

Selbstverständlich. Über Monate war sie nur noch wegen dieses Themas in den Medien. Überdies haben die Kosten für Anwälte, Prozesse und Abfindungen unglaublich viel Geld gekostet – Geld, das man besser in die Aufklärungsarbeit investiert hätte.

Warum haben Sie nicht gegen Ihre Kündigung geklagt? Sie haben sich ja mit der Kulturverwaltung auf einen Vergleich geeinigt.

Gleich zu Beginn hat mir mein Anwalt eröffnet, dass ich keinen Kündigungsschutz hätte – obwohl ich 18 Jahre lang für eine Landesstiftung gearbeitet hatte und dort weniger Gehalt bekam als ein Referatsleiter. Als Direktor und Vorstand würde ich als Arbeitgeber gelten und die hätten in Deutschland keinen Kündigungsschutz. Mit Aussicht auf Erfolg konnte ich deshalb nur gegen die Freistellung vorgehen. Tatsächlich haben wir dagegen eine einstweilige Verfügung erwirkt. Herr Lederer trommelte daraufhin innerhalb von 24 Stunden eine Stiftungsratssitzung zusammen, um mich auch als Vorstand abzusetzen. Mit haltlosen Anschuldigungen erreichte er am nächsten Tag, dass der Vollzug der Verfügung bis zur Verhandlung außer Kraft gesetzt wurde. Als diese schließlich stattfand, ließ das Gericht erkennen, dass es mich bis zum Ablauf der Kündigungsfrist wieder in mein Amt einsetzen könnte – was bei der Gegenseite zu Panik führte. In dieser Situation riet mir mein Anwalt zu einem Vergleich, damit ich wenigstens nicht auf meinen Kosten sitzen bleibe. Für mich war das aber eher ein Diktatfrieden.

Fühlen Sie sich verfolgt?

Nein, ich sehe das durchaus sportlich. Ich weiß, dass die Linkspartei mich nicht mag und ich sie auch nicht – wofür ich gute Gründe habe. Was mich enttäuscht hat, war, dass viele, mit denen ich jahrelang zusammengearbeitet habe, plötzlich abtauchten und nicht einmal versuchten, sich ein eigenes Bild zu machen. Das galt nicht nur für die Stiftungsratsmitglieder, sondern auch für den Regierenden Bürgermeister, die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Antje Kapek, und viele andere. Dafür haben sich plötzlich Menschen gemeldet, die ich kaum kannte.

Wer hat denn mit Ihnen gesprochen?

Oh, sehr viele – sofern sie mich erreichen konnten, da mir Herr Lederer untersagte, meine langjährige Handynummer mitzunehmen. Um überhaupt wieder kontaktierbar zu sein, musste ich sehr schnell eine Website aufbauen, über die ich dann zahlreiche Vortragsanfragen erhielt. Wenn ich unter den vielen, die mich unterstützt haben, stellvertretend jemanden nennen darf, dann ist das der Vizevorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Arnold Vaatz. Die Kanzlerin versicherte mir zwar: Wir werden Sie nicht vergessen – dabei blieb es dann aber auch.

Sie waren 18 Jahre lang Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen. Wenn Sie zurückblicken, was war für Sie das Wichtigste in diesen Jahren?

Das Gespräch mit den Opfern. Die Begegnungen mit ihnen haben mich tief beeindruckt. Sie haben mich auch immer wieder neu motiviert, ihnen eine Stimme zu geben. Dass die Opfer in Hohenschönhausen die Geschichte selbst erzählen, ist einmalig in Deutschland. Dieses Konzept habe ich stets verteidigt – trotz massiver Kritik, vor allem von ehemaligen Stasi-Leuten. Man darf gespannt sein, wie lange das so bleibt. Die Arbeit gab mir aber auch die einmalige Chance, eine solche Gedenkstätte aufbauen zu dürfen, sie national und international so bekannt zu machen. Diese Erfahrung möchte ich nicht missen, zumal ich bei jedem Vortrag darauf angesprochen werde. Was mich allerdings bedrückt, ist die schleichende Renaissance der Ideologie, die dieses Gefängnis hervorgebracht hat.

Was meinen Sie damit?

Für mich war Hohenschönhausen immer ein Ort der Aufklärung, der Menschen ein Stück weit immun macht gegen die kommunistische Ideologie. Doch der Sozialismus wird wieder aus der Mottenkiste geholt, und die umbenannte SED gilt vielen als salonfähig. Auch das Bewusstsein über den Wert der Freiheit, besonders der Meinungsfreiheit, ist stark zurückgegangen.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie der Gedenkstätte und den Mitarbeitern wünschen?

Einen anderen Stiftungsratsvorsitzenden – und dass sie gesund bleiben, um diese wichtige Arbeit fortzuführen.