Blutkrebs

Kollegen suchen Spender für den Sohn eines Polizisten

Auf dem Abschnitt 54 in Neukölln lassen sich die Polizistinnen und Polizisten als Stammzellenspender registrieren

Die Polizisten Sandra Bebersdorf, Patrick Jacobs und Doreen Franke (v.l.)

Die Polizisten Sandra Bebersdorf, Patrick Jacobs und Doreen Franke (v.l.)

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. „Bei uns zuhause geht es zu wie in einem Krankenhaus“, sagt Patrick Jacobs. Alles, was von draußen in die Wohnung hereingetragen wird, werde desinfiziert. „Es gibt derzeit auch keine körperliche Nähe und kein rumkuscheln mit den Kindern und auch die Kinder sollen untereinander möglichst auf Abstand gehen.“ Kein leichtes Unterfangen bei sechs Kindern im Alter von ein bis 13 Jahren. Ein Sack Flöhe hüten sei leichter, so der Vater.

Der 33-jährige Polizeimeister lebt mit seiner ein Jahr jüngeren Frau und den sechs Kindern in Rudow. Diese besondere Vorsicht in dem Haushalt in Zeiten der Corona-Pandemie ist dem Umstand geschuldet, dass eines der Kinder, der zwei Jahre alte Parnell, an Leukämie erkrankt ist. Seit Januar dieses Jahres wird die Krankheit mit Chemo-Therapien bekämpft.

Im Krankenhaus wurde bei Parnell Leukämie festgestellt

„Im Januar hatte Parnell plötzlich geschwollene Lymphknoten hinter den Ohren“, sagt Jacobs, „etwa so groß wie eine Kirsche.“ Der Besuch bei einem Kinderarzt brachte kaum Erkenntnisse. Nur wenig später waren die Lymphknoten auf die Größe eines Tischtennisballs angeschwollen. „Wir sind dann mit Parnell ins Krankenhaus Neukölln zur Untersuchung gefahren“, berichtet Jacobs. „Parnell wurde noch in der selben Nacht zur Virchow-Klinik der Charité gebracht.“

Dort diagnostizierten die Ärzte eine akute lymphoblastische Leukämie (ALL), eine bösartige Erkrankung des blutbildenden Systems. Seit diesem Tag ist das Leben der Familie völlig auf den Kopf gestellt sowohl im Beruf, als auch im Privatleben. Große Unterstützung erhält der Polizeimeister von seinen Kolleginnen und Kollegen, für die er sehr dankbar ist.

Im Februar hatte der Polizist als Quereinsteiger seine Ausbildung beendet und Anfang März auf dem Abschnitt 54 (A 54) an der Neuköllner Sonnenallee seinen Dienst begonnen. Zeitgleich bekam sein Sohn mehrere Chemotherapien, stationär und ambulant. „Wenn Parnell im Krankenhaus ist, kann ich meine Dienste mit meinen Kollegen absprechen. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar.“

Doch es ist nicht allein die Möglichkeit, die Schichten nach Absprache flexibel zu gestalten, auf dem Abschnitt in Neukölln haben sich auch bereits viele Kolleginnen und Kollegen als mögliche Stammzellenspender registrieren lassen. Das geht auf die Initiative von Sandra Bebersdorf und ihrer Vorgesetzten Doreen Franke zurück. „Ohne das Ok von meiner Chefin hätte ich das hier auf dem Abschnitt überhaupt nicht machen dürfen“, sagt Bebersdorf. „Dafür bin ich ihr sehr dankbar.“ Die Polizeikommissarin leitet auf dem A 54 die Verkehrsunfallprävention und ist Sanitäterin.

Auf dem Heimweg bringt die Kollegin Spenden mit

„Wir bieten auf dem Abschnitt einen jährlichen Gesundheitscheck für die Kollegen an“, sagt sie. „Und beim letzten Check im November hatte ich bereits von der Deutschen Knochenmarkspenderdatei, der DKMS, Testsets bestellt, damit sich mögliche Stammzellenspender testen und registrieren lassen können.“

Im März wandte sie sich wieder an die DKMS, um mit einer Registrierungsaktion für mögliche Stammzellenspender für den Sohn des Kollegen auf dem Abschnitt zu beginnen. „Ich hatte etwa 70 Lebensretter-Sets, also Wattestäbchen, Röhrchen und Einverständniserklärungen angefordert“, berichtet sie. „Mir wurde aber mitgeteilt, dass während der Corona-Pandemie kein Material verschickt wird, da es nicht wieder entgegengenommen werden kann.“

Parnell brauchte auch schon Bluttransfusionen

Derart vom Corona-Virus ausgebremst, rief sie bei der Deutschen Stiftung gegen Leukämie Potsdam an. „Ich kannte die Stiftungsvorsitzende Gisela Otto von Typisierungsaktionen von vor 20 Jahren“, erzählt sie. „Ich habe anfangs 40 Sets bekommen und regelmäßig nachgeordert.“ Neben den Kolleginnen und Kollegen vom Abschnitt 54 können auch Polizisten von anderen Polizeiabschnitten für die Typisierung nach Neukölln kommen. Auf dem Weg nach Hause bringt die Polizeikommissarin jetzt regelmäßig die abgegebenen Proben nach Potsdam. „Ohne die Potsdamer wäre das alles nicht möglich gewesen. Ich bin denen unheimlich dankbar.“

Parnell hat mittlerweile den achten Block der Chemotherapie überstanden und nach Angaben seines Vaters würde sie auch gut wirken. Es gab Höhen und Tiefen, wie der Vater sagte. Parnell brauchte auch schon Bluttransfusionen und seine Immunabwehr ist im Keller.

Wenn ein Spender benötigt werde, könne es Jahre dauern

„Momentan sieht es wirklich gut aus, aber leider gibt es bei dieser Krankheit eine hohe Rückfallquote“, sagt er. „Wenn alles gut verläuft, dann ist er im August oder September damit durch.“ Nach Angaben von Parnells Vater ist er zuversichtlich und dankbar, dass sich viele Menschen an der Registrierungsaktion beteiligen. Noch benötige Parnell zwar keine Stammzelltherapie, aber wenn ein Spender benötigt wird, könne es Jahre dauern, einen passenden Spender zu finden, so der Vater

„Damit kann nicht nur möglicherweise Parnell geholfen werden, sondern kranken Menschen auf der ganzen Welt.“ Um Leukämie-Patienten als möglicher Stammzellenspender helfen zu können, muss heutzutage kein Knochenmark mehr entnommen werden. „Das ist nicht mehr so dramatisch wie früher“, erklärt Jacobs. „Bei jeder normalen Blutspende können nach Einwilligung des Spenders ein paar Tropfen Blut zusätzlich abgenommen werden, die dann für die Aufnahme in eine Spenderdatei genutzt werden können.“

Trotz der Einschränkungen durch die Corona-Krise bittet Sandra Bebersdorf darum, dass sich die Menschen als Stammzellenspender registrieren lassen sollen. Und sollte das aktuell nicht überall möglich sein, dann empfiehlt sie ebenfalls die Blutspende. „Damit kann jeder Leben retten“, sagt sie. „Parnell war über viele Wochen auch auf Blutspenden angewiesen.“