Wohnungslosigkeit

Wenn eine heiße Dusche Luxus ist

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Julia Lehmann
Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke, r.) besuchte am Mittwoch das Duschmobil für obdachlose Frauen am Leopoldplatz in Wedding.  

Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke, r.) besuchte am Mittwoch das Duschmobil für obdachlose Frauen am Leopoldplatz in Wedding.  

Foto: Joerg Krauthoefer / FUNKE Foto Services

Berlins Duschmobil ist Anlaufstation für viele obdachlose Frauen. Der Senat fördert das Projekt mit 125.000 Euro jährlich.

Die heiße Dusche am Morgen oder das entspannende Bad am Abend – für obdachlose Menschen fällt beides in der Regel aus. Und das häufig über Wochen. Wer auf der Straße lebt, bekommt nur selten die Gelegenheit, ausgiebig Körperpflege zu betreiben. Weil vor allem Schutzräume und Waschgelegenheiten für Frauen rar sind, betreibt der Sozialdienst katholischer Frauen Berlin (SKF) nun ein Duschmobil, das seit September von Montag bis Freitag an verschiedenen Stationen in Berlin Halt macht und explizit für wohnungslose Frauen gedacht ist. Jeden Mittwoch steht der umgebaute Transporter auf dem Leopoldplatz in Wedding. Berlins Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) besuchte die Sozialarbeiterinnen in dieser Woche dort, denn der Senat unterstützt das Angebot mit 125.000 Euro im Jahr.

Die Senatorin machte bei dieser Gelegenheit auch auf die Aktion Hitzehilfe des SKF für Obdachlose aufmerksam. An heißen Tagen seien Spenden wie Wasser, Sonnencreme oder eine Kopfbedeckung für Menschen auf der Straße besonders wichtig. Und auch das Bedürfnis nach Körperpflege wächst im Sommer, wenn man an einem heißen Tag den Schweiß und Staub gern von der Haut waschen möchte. Dieses Gefühl und ein Stück ihrer Würde wolle man den obdachlosen Frauen geben. Denn sie leiden häufig noch mehr unter dem Leben auf der Straße. „Viele obdachlose Frauen, häufiger als Männer, werden Opfer von sexualisierter Gewalt“, sagt Senatorin Breitenbach. Neben Dusche und Toilette, Hygieneartikeln wie Shampoo oder Tampons sowie frischer Kleidung und einem heißen Kaffee finden die Frauen in dem umgebauten Transporter aber vor allem eines: ein offenes Ohr für ihrer Probleme. Bei Bedarf auch die Vermittlung an andere Hilfsangebote. Für die Betreuung stehen die beiden Sozialarbeiterinnen Sheila Schumacher und Ella Winkelmann bereit.

Duschmobil: Damit Frauen es annehmen, muss Vertrauen geschafft werden

Damit die Frauen das Duschmobil auch annehmen, ist zunächst Vorarbeit nötig. „Der Vertrauensaufbau ist sehr wichtig“, sagt Sheila Schumacher. Viele Frauen duschen nicht gleich nach dem ersten Kontakt, sondern kommen zunächst für ein Gespräch oder einen Kaffee vorbei.

Denn gerade wohnungslose Frauen tun viel dafür, damit man ihnen ihre Situation nicht anmerkt. „Sie wollen nicht sichtbar sein“, sagt Beate Vetter-Gorowicz, die beim Sozialdienst katholischer Frauen das Pilotprojekt „Housing First“ (Zuerst ein Zuhause) betreut. Obdachlosen Menschen wird dabei eine Wohnung besorgt, ohne dass dafür bestimmte Bedingungen erfüllt werden müssen oder die sogenannte Wohnfähigkeit nachgewiesen werden muss. Der Ansatz ist, dass Menschen ihr Leben viel besser in geregelte Bahnen bringen können, wenn sie ein gesichertes Zuhause haben. Das Projekt ist zunächst bis Oktober 2021 befristet. Inzwischen konnten so 61 Wohnungen für obdachlose Menschen gefunden werden.

Wenn die Frauen Vertrauen gefasst haben, dürfen sie aber so oft kommen, wie sie möchten. Und wie viel Zeit sie sich dann für ihre Dusche nehmen, bleibt ihnen überlassen. Nur beim Wasser soll möglichst gespart werden, damit mit dem 270-Liter-Tank möglichst viele Frauen versorgt werden können. Mit dem täglich frisch gefüllten Tank können fünf bis sechs Frauen problemlos duschen. Nach jedem Durchgang wird die Kabine von den Sozialarbeiterinnen gereinigt. Ein kleiner Vorraum im Duschmobil ermöglicht es, auch einfach für einen Moment zu verschnaufen oder die eigenen Habseligkeiten zu sortieren.

Frauen können sich aus Kleiderspenden bedienen

Frisch geduscht können sich die Frauen auch neu einkleiden. Das ermöglichen Kleiderspenden. „Man kann aber auch ohne zu duschen bei uns nach Klamotten stöbern“, so Sheila Schumacher. Und wenn die Frauen aus der Dusche kommen? „Sie sind total glücklich“, sagt die Sozialarbeiterin und ist selbst ganz euphorisch. „Das sieht man ihnen auch an“, ergänzt ihre Kollegin Ella Winkelmann.

Ausgebaut und kostenlos bereitgestellt wurde der Duschbus von dem privaten Unternehmer Matthias Müller, der seine Idee an den SKF herantrug. Das bundesweit erste Duschmobil nur für Frauen fährt an den fünf Wochentagen und fünf verschiedene Stationen an: Montags von 12 bis 16 Uhr steht es an der Kurfürstenstraße in Schöneberg, wo vor allem Prostituierte das Angebot nutzen. Da das Duschmobil dort schon seit Anfang des Jahres regelmäßig vorbeikommt, wird es dort auch am häufigsten genutzt, erzählen die Sozialarbeiterinnen. Mit den vielen Prostituierten habe man inzwischen schon ein Begrüßungsritual: „Als erstes gibt es Kaffee und Kondome“, sagt Sheila Schumacher. Dienstags ist jetzt neu eine Station am Ostbahnhof (12 bis 15 Uhr) hinzugekommen. An den weiteren Tagen folgt der Leopoldplatz (12 bis 15 Uhr), der Heilandskirchplatz in Moabit (16 bis 18.30 Uhr) und der Kleine Tiergarten (14 bis 17 Uhr).

Stichhaltige Zahlen zu Obdachlosen in Berlin fehlen

Obwohl obdachlose Menschen fast überall in Berlin anzutreffen sind, habe man keine genaue Vorstellung davon, wie viele es tatsächlich sind, sagt Elke Breitenbach. Es kursieren Zahlen von 6000 bis zu 10.000 Betroffenen, manche gehen sogar von 30.000 Personen aus. Damit Menschen gar nicht erst auf der Straße landen, müsse mehr in die Prävention gesteckt werden, so die Senatorin. Damit das gelinge, müsse sich die Wohnungslosenhilfe mehr an die Wohnungslosen anpassen – und nicht umgekehrt.

www.skf-berlin.de