Berliner Start-up

Trade Republic: Die neue Lust auf Aktien

Trotz unsicherem Umfeld investieren immer mehr Deutsche Geld an der Börse. Möglich macht das auch das Berliner Start-up Trade Republic.

Haben Trade Republic in fünf Jahren groß gemacht: Christian Hecker (in der Mitte) mit seinen Co-Gründern Marco Cancellieri (links) und Thomas Pischke.

Haben Trade Republic in fünf Jahren groß gemacht: Christian Hecker (in der Mitte) mit seinen Co-Gründern Marco Cancellieri (links) und Thomas Pischke.

Foto: Trade Republic

Berlin. Das alte Postscheckamt am Halleschen Ufer ist ein Relikt der alten Banken-Welt. Jahrzehntelang erledigten Berliner in dem markanten Kreuzberger Gebäude Geldtransaktionen oder hoben an den Schaltern Bargeld ab. Mittlerweile aber sitzen auf einer Etage die mehr als 100 Mitarbeiter des Berliner Start-ups Trade Republic und programmieren an der Zukunft des Finanzwesens.

Das junge Unternehmen ist ein sogenannter Neo-Broker. Mithilfe seiner App hat Trade Republic vielen Deutschen die Türen zur Börse eröffnet. Man könnte auch sagen, Trade Republic hat den Bundesbürgern die Furcht vor dem Kapitalmarkt genommen.

Nutzer zahlen einen Euro pro Order

Der Handel mit Aktien oder auch das Erstellen von Wertpapier-Sparplänen ist über die App vergleichsweise einfach. Mit wenigen Fingerbewegungen suchen Nutzer nach Aktien, kaufen die Wertpapiere und verkaufen wieder. Dass Kurse in Echtzeit angezeigt werden, versteht sich von selbst. Einen Euro pro Order zahlen Kunden an Trade Republic. Das ist günstig. Denn bei herkömmlichen Brokern kann pro Aktiengeschäft schon mal ein zweistelliger Euro-Betrag allein an Gebühren fällig werden. Auch eine ansonsten mitunter übliche Mindesthöhe pro Order gibt es bei dem Start-up aus der Hauptstadt nicht.

„Warum sollte es einfacher sein, einen Nike-Schuh zu kaufen, als eine Nike-Aktie“, fragt Trade Republic-Mitgründer Christian Hecker (30) mit Blick auf die etablierten Wettbewerber. Wegen der hohen Hürden wie etwa Gebühren sei ein Großteil der Deutschen bislang gewissermaßen vom Kapitalmarkt ausgeschlossen gewesen. „Wir wollten etwas aufbauen, bei dem jeder die Chancen des Kapitalmarktes nutzen kann, egal in welcher Größenordnung“, erzählt er.

Den Wertpapierhandel neu definieren

Rückblick: 2015 gründet Hecker mit seinem Studienfreund Thomas Pischke Trade Republic. Hecker hatte in München Kunstgeschichte und Philosophie studiert, Pischke Physik. Nach dem Studium hatte Hecker für eine Investmentbank in Frankfurt am Main unter anderem die Börsengänge von Rocket Internet und Zalando begleitet. In dieser Phase habe er sich verliebt in die Start-up- und Technologieszene, sagt Hecker. Er sieht aber auch auf die alte Bankenwelt. Nur wenige Jahre vor Trade Republic waren auch die sogenannten Challenger-Banken wie N26 und Revolut an den Start gegangen. „Wir hatten das Gefühl, diese Unternehmen definieren neu, was eine Bank ist und sein kann“, sagt Hecker rückblickend. Damals überträgt er den Gedanken auch auf den Handel mit Wertpapieren.

Auf deutsche Sparer sehen Hecker und Pischke 2015 einen „toxischen Mix“ zukommen. 85 Prozent des Vermögens europäischen Haushalte sei nicht an den Kapitalmärkten angelegt, lagere also auf Sparkonten die kaum Zinsen brächten, oder die Guthaben aufgrund der europäischen Finanzpolitik sogar abschmelzen lassen würden. Auch staatliche Altersvorsorge-Systeme kämen mehr und mehr an ihre Grenzen. Mittelfristig müsse es also einen Geld-Rutsch in Richtung Kapitalmarkt geben, mutmaßen die Gründer. Trade Republic mache den Handel mit Aktien in Europa massenmarktfähig, sagt Christian Hecker.

Automatisiertes System ermöglicht günstige Gebühren

Mittlerweile ist Trade Republic ausgestattet mit einer deutschen Banken-Lizenz. Vermögen, das dann zum Aufbau eines Aktien-Depots verwendet werden kann, lagert also in der Bundesrepublik. Wie auch N26 bauen Hecker und Pischke die Bank im Kern neu auf. Das ist nötig, um den Wertpapierkauf zu automatisieren und so Kosten einsparen zu können. Broker, sagt Hecker, verdienen auf zwei Arten Geld: über Gebühren von Kunden und durch Rückvergütungen der jeweiligen Handelsplätze. Heckers Gedanke: „Wie kann ich ein System bauen, das so kosteneffizient ist, dass sie eben nur mit den Rückvergütungen der Börse auskommt?“

Den drei Gründern gelingt das. Heute deckt die Fremdkostenpauschale in Höhe von einem Euro die Infrastrukturausgaben. „Wir verdienen pro Transaktion Geld und unser Geschäftsmodell ist einfach und klar. Wir benötigen keine weiteren Einnahmequellen“, so Hecker. Bereits Mitte April hatte Trade Republic mehr als 150.000 Nutzer mit Depots in Höhe von insgesamt rund einer Milliarde Euro. Mittlerweile sei die Zahl noch einmal deutlich gestiegen, so Hecker. Genaue Zahlen nennt er aber nicht.

Viele Börseneinsteiger nutzen tiefe Kurse durch Corona

Die neue Lust auf Aktien hat auch die Corona-Krise verursacht. Viele Verbraucher haben offenbar durch Kursrutsche einen günstigen Einstiegspunkt gewittert. Bei der Comdirect und ihrer Tochterbank Onvista waren im März und April jeweils rund 50.000 neue Depots eröffnet worden. Zuvor waren es lediglich 25.000 Depots pro Monat. Knapp drei Viertel aller Neukunden im April waren Börseneinsteiger.

Trade Republic selbst holt die Aktien-Neulinge nicht ab. Hecker verweist auf zahlreiche qualitativ hochwertige Informationsangebote, die es ja ohnehin bereits im Internet gebe. „Wir glauben, dass Menschen in der Lage sind, Anlageentscheidungen für sich zu treffen und sehr wohl verstehen, in welche Märkte, Industrien und Firmen sie investieren wollen“, erzählt der Unternehmer. Das zeige sich auch im Investmentverhalten der eigenen App-Nutzer. Für den Vermögensaufbau würden viele zunächst sogenannte ETF-Sparpläne nutzen und darin regelmäßig, Monat für Monat Geld investieren. „Ich traue den Menschen zu, dass sie Risiken und Chancen einschätzen können und dann auch vernünftige Entscheidungen mit ihrem Geld treffen“, so Hecker.

Allerdings: Der Fall Wirecard hat bei einigen Anlegern auch zu nachhaltigem Aktien-Frust geführt. Das Ereignis rund um den milliardenschweren Bilanzbetrug sei alles andere als erfreulich für den Finanzplatz Deutschland, sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank. „Es zeigt vor allem, dass zu einer Aktienkultur nicht nur besonnenes Verhalten von Anlegern gehört, sondern ebenso Wachsamkeit seitens der Aufsichtsbehörden und der Kapitalmarktöffentlichkeit“.

Verbraucherzentrale sieht Trade Republic nicht nur positiv

Die Berliner Verbraucherzentrale sieht das neue Angebot von Trade Republic gemischt. Das laufende Kaufen und Verkaufen von Aktien berge die Gefahr, dass Verbraucher viel Zeit und Nerven investieren, ohne einen wirtschaftlichen Nutzen zu erreichen, sagt Volker Schmidtke, Referent für Finanzdienstleistungen. Langfristig habe vor allem das Investieren in Aktienfonds wie ETFs Sinn. „Hier wiederum empfehlen wir als Basis breite Indizes zu wählen, also weltweite, ergänzend auch europaweite“, so der Verbraucherschützer.