Corona-Krise

Berührungstherapeutin: „Manche wollen einfach umarmt werden“

Beate Kuschel hat eine Praxis für Berührungstherapie. Gerade jetzt, in Zeiten von Corona, leiden Menschen unter Kontaktarmut.

Therapeutin Beate Kuschel setzt auf die heilende und stärkende Wirkung von Berührungen

Therapeutin Beate Kuschel setzt auf die heilende und stärkende Wirkung von Berührungen

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. Beide Frauen haben einander noch nie vorher gesehen, sie werden auch nach dieser Begegnung nie wieder Kontakt haben. Beate Kuschel schaut ihrer Berührungstherapeutin in die Augen. Für das sogenannte Berührungsritual verbeugt sich die Therapeutin und beginnt, ihre Klientin behutsam und sanft zu berühren. Zwei Stunden lang spürt Beate Kuschel ihren eigenen Körper durch die Berührungen einer für sie Fremden.

Dieses Erlebnis im Jahr 2011 war für 50-Jährige nicht nur verwirrend und intensiv, sondern auch einschneidend. Wenn Beate Kuschel heute davon erzählt, merkt man ihr an, dass es ein Schlüsselerlebnis war. „Ich habe zum ersten Mal gespürt“, sagt sie, „dass es einen Unterschied gibt zwischen angefasst und berührt zu werden.“ Letzteres geschehe nur durch die 100-prozentige Präsenz, Annahme und Absichtslosigkeit des Berührenden. „Es ist wichtig“, sagt sie, „jede Regung, jede Anspannung, jeden Widerstand des Berührten zu bemerken, um die heilende und stärkende Wirkung der Berührungen zu entfalten.“

Ihren Nachnamen „Kuschel“ trägt sie jetzt noch lieber

Jetzt sitzt Beate Kuschel in ihrer eigenen Praxis in Prenzlauer Berg. Ihr Nachname ist angeheiratet, aber sie trägt ihn jetzt noch lieber. Die Einrichtung ist in warmen Erdtönen gehalten, es gibt zwei Behandlungsräume mit jeweils einem Möbelstück, in das man sich am liebsten hineinfallen lasse möchte.

Berührungstherapien sind noch recht neu in Deutschland. Die Therapeuten befassen sich mit Blockaden, die Berührung anderer gar unmöglich machen. Zu Beate Kuschel kommen Paare mit Problemen im Sexualleben, aber auch der Alleinstehende, der abends beim „Tatort“ merkt, dass es jetzt schon drei Jahre her ist, dass er die letzte Umarmung gespürt hat.

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Beate Kuschel sagt, dass Berührungsarmut eine typisches Phänomen unserer Zeit sei, über das aber kaum gesprochen werde. „Dabei betrifft das nicht nur Singles“ sagt sie. „Auch alte oder behinderte Menschen in Heimen, geschiedene oder verwitwete Menschen leiden oft unter dem, was wir Therapeuten Berührungsdefizit nennen.“ Selbst innerhalb von Paarbeziehungen komme es weit häufiger als vermutet vor, dass Berührung und Körperkontakt nicht ausreichen. Langfristig könne der Verlust körperlicher Nähe und Berührungen zur inneren Vereinsamung, zu Angststörungen und Depressionen führen. „Das Gefühl, nicht liebenswert zu sein, nicht zu genügen, kann Menschen kaputt machen, egal, wie erfolgreich sie sonst ihre Karriere meistern.“

Jeder zweite Haushalt in Berlin ist ein Single-Haushalt

Jeder fünfte Deutsche lebt allein, doch in Berlin ist es jeder zweite Haushalt, in dem nur eine Person lebt. Das war schon vor der Corona-Krise ein Zustand, der besorgniserregend war für Soziologen. Jetzt aber waren über Wochen viele dieser Menschen häufig auf den kurzen Besuch im Supermarkt angewiesen, um mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Und doch gaben selbst die kontaktfreudigen jungen Menschen zwischen 20 und 29 Jahren bei einer Umfrage an, „einsamer“ geworden zu sein. Auch das war vor Corona.

Beate Kuschel ist eigentlich studierte Medizinerin. Sie war schon dabei, Chirurgin zu werden und arbeitete in einer Berliner Chirurgie und Unfallchirurgie. Wer jetzt in ihre Praxis kommt, muss Zeit mitbringen. Unter 90 Minuten gibt es keine Behandlung. Sie fragt die Klienten nach ihren Bedürfnissen, nach ihren Lebensumständen, nach Berührungen in der Kindheit. Dann erst beginnt die Behandlung mit der Berührung des Körpers. Oft beginnt sie am Rücken, bevor der übrige Körper in die „Streichungen“ – Fachsprache für Berührung – einbezogen wird, weil das für viele eine sichere Körperregion ist. Eine Sitzung kostet zwischen 110 und 140 Euro, sie wird nicht von der Krankenkasse bezahlt.

„Manche wollen einfach einmal wieder umarmt werden“, sagt Kuschel. „Umarmungen und Körperkontakt sind essenziell für unser körperliches Wohlbefinden.“ Sie zitiert die US-Therapeutin Virginia Satir: „Jeder Mensch braucht täglich vier Umarmungen um zu überleben, täglich acht Umarmungen zum Leben und zwölf Umarmungen um zu wachsen.“ Das fasse es gut zusammen, sagt sie. „Kinder, die wenig körperlichen Zuspruch in ihrer Kindheit erfahren haben, leiden später oft unter einem Nähe-Distanz-Problem, oder haben Schwierigkeiten, Berührungen überhaupt auszuhalten“, sagt Kuschel, „was dann auch zu Problemen in Partnerschaften führt.“

Berührungen machen den Körper widerstandsfähiger, Abwehrkräfte werden gestärkt

Untersuchungen haben gezeigt, dass durch regelmäßige (nicht-sexuelle) sogenannte absichtslose Berührungen der Körper eines Menschen widerstandsfähiger wird, die Abwehrkräfte gestärkt werden. Es werden zudem Hormone ausgeschüttet, die uns seelisch ausgeglichener und ruhiger, zufriedener machen.

Nach einer anfänglichen Absagewelle melden sich jetzt wieder neue Klienten. „Derzeit sind es eher Massagen“, sagt sie, „oder es kommen Menschen, die ein Thema aus der Kindheit mitbringen, das, bedingt durch Corona, wieder aktuell geworden ist.“ Die Menschen hätten ungewollt mehr Zeit und keine Möglichkeit der Verdrängung durch Arbeit und Alltag gehabt. Sie geht davon aus, dass erst in ein paar Monaten deutlich wird, was dieser fehlende Körperkontakt mit den Menschen gemacht hat.