Prozess in Berlin

Weizsäcker-Prozess: Zwölf Jahre Haft für Gregor S.

Der Mörder von Fritz von Weizsäcker ist am Mittwoch zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden. Unterbringung in psychiatrischer Klinik.

Gregor S. (links) muss sich vor Gericht verantworten, weil er den Arzt Fritz von Weizsäcker aus Rache getötet haben soll.

Gregor S. (links) muss sich vor Gericht verantworten, weil er den Arzt Fritz von Weizsäcker aus Rache getötet haben soll.

Foto: Carsten Koall / dpa

Berlin. Fast siebeneinhalb Monate nach dem gewaltsamen Tod des Arztes Fritz von Weizsäcker ist Gregor S. am Mittwoch wegen Mordes in Tateinheit mit versuchtem Mord und gefährlicher Körperverletzung zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden. Die wird der 57-Jährige aber in der Psychiatrie verbringen, wie Matthias Schertz, Vorsitzender Richter der 32. Strafkammer des Berliner Landgerichts, verkündete. Da der Angeklagte aufgrund einer schweren Zwangsstörung von einem Gutachter als vermindert schuldfähig eingestuft wurde, habe man ein milderes Urteil als die eigentlich für einen Mord vorgesehene lebenslange Freiheitsstrafe verhängen müssen.

Das Gericht bleibt damit hinter den Forderungen der Staatsanwaltschaft und zwei der drei Nebenklagevertretern zurück. Die hatten auf eine Freiheitsstrafe von 14 Jahren samt Unterbringung in der Psychiatrie für den Mann plädiert, der den jüngsten Sohn des ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker (1920-2015) ermordete, den er nach eigenen Aussagen hasste.

Arzt durch einen gezielten Stich in den Hals getötet

In seiner Urteilsbegründung ging Richter Schertz noch einmal auf den Ablauf der Bluttat am Abend des 19. November 2019 ein, die der Beschuldigte mehrfach vollumfänglich gestand. Bereits am Vortag hatte sich Gregor S. ein Klappmesser gekauft und war am Morgen des Tattages aus seiner Heimat Andernach bei Koblenz (Rheinland-Pfalz) mit dem Zug nach Berlin gefahren. Bereits mehrere Monate zuvor hatte er sich für einen Vortrag zum Thema „Fettleber“ angemeldet, den der Internist Fritz von Weizsäcker an diesem Tag in der Charlottenburger Schlosspark-Klinik hielt, wo er Chefarzt der Inneren Abteilung war. Nachdem der 59-Jährige seine Ausführungen beendet hatte und auf Einzelfragen beantwortete, ging S. schnell nach vorn und zog auf halbem Weg das Klappmesser aus der Tasche. Dieses rammte er dem Arzt dann „wuchtig und mit Tötungsabsicht“ von links in den Hals, wie Richter Schertz feststellte.

Den Stoß führte S. mit so großer Kraft aus, dass die zehn Zentimeter lange Klinke eine 14 Zentimeter tiefe Wunde verursachte. Dabei verfehlte er die linke Hauptschlagader, durchtrennte die Luftröhre und traf die Gefäße auf der rechten Halsseite. Fritz von Weizsäcker verblutete und erstickte gleichzeitig an seinem Blut. S. hatte mehrfach angegeben, dass er den Arzt zwar erheblich verletzten, nicht aber habe töten wollen. „Wer in den Hals sticht, will töten“, sagte Richter Schertz dagegen.

Richter: keine heroische Tat, sondern schweres Verbrechen

Gregor S. hatte zu Protokoll gegeben, die Tat nicht zu bereuen, da es sich seiner Ansicht nach um eine politischen Mord handelte. Dem Vater des Opfers wirft er vor, in seiner Funktion als Teil der Geschäftsführung des Chemiekonzerns Boehringer Ingelheim mittelbar an der Herstellung des Entlaubungsmittels Agent Orange beteiligt gewesen zu sein. Die US-Armee hat das hochgiftige Herbizid während des Vietnamkriegs in großen Mengen versprüht, wodurch Millionen Menschen starben. Dafür wollte er sich an der Familie des verstorbenen CDU-Politikers rächen. „Das muss man sich mal vorstellen“, sagte Schertz.

Es sei keine heroische Tat, sondern ein schweres Verbrechen gewesen, so der Richter weiter. Gregor S. habe sie aus niederen Beweggründen, nämlich Selbstjustiz, begangen – und das auf einer „katastrophalen Grundlage“. Nach einem entsprechenden Artikel im „Spiegel“ habe er nicht weiter recherchiert, sondern es einfach hingenommen. Als Richard von Weizsäcker im Jahr 2015 gestorben war, habe Gregor S. seinen Fokus dann auf dessen Sohn verlegt. „Fritz von Weizsäcker hatte überhaupt nichts damit zu tun“, so Schertz weiter. „Er war Arzt hier in Berlin.“ Vier Kinder hätten jetzt keinen Vater mehr, und die Lebensgefährtin sei allein. S. sei dem Wahn erlegen, „eine gerechtigkeitsschaffende Tötung vorzunehmen.“ Da Fritz von Weizsäcker nicht mit einem Angriff auf sein Leben hätte rechnen können, sei die Tat außerdem heimtückisch gewesen.

Gregor S. nahm den Schuldspruch ohne jede Regung entgegen

Seine Mandantin sei „froh, dass es zu Ende gegangen ist“, sagte Stephan Maigné, kurz nach der Urteilsverkündung. Über insgesamt acht Verhandlungstage hatte der Anwalt Beatrice von Weizsäcker, die Schwester des Getöteten, vertreten, die als Nebenklägerin auftrat. Laut Maigné, der wie die Staatsanwaltschaft 14 Jahre gefordert hatte, sei es ein „vollkommen zutreffendes Urteil“. Denn es sei offensichtlich, dass Gregor S. aufgrund einer psychischen Erkrankung vermindert schuldfähig ist und daher nicht in vollem Umfang für seine Tat verantwortlich gemacht werden konnte. „Der Strafrahmen spielt eh eine untergeordnete Rolle, weil er in die Psychiatrie kommt“, sagte Maigné.

Gregor S., ein kleiner, zierlicher Mann, nahm den Schuldspruch starrend und ohne jede Regung entgegen. Sein Abschlussstatement vor dem Urteil beendete er mit den Worten: „Der Drops ist gelutscht.“ Damit wollte er darauf hinaus, dass sein Hass auf die Familie von Weizsäcker mit dem Mord verflogen sei und daher keine Gefahr mehr von ihm ausgehe. Das sahen die Richter der 32. Strafkammer um den Vorsitzenden Matthias Schertz jedoch anders. „Er ist für die Allgemeinheit gefährlich“, sagte dieser in seiner Urteilsbegründung. Als ein Indiz nannte Schertz, dass S. immer wieder durch zum Teil wütende Zwischenrufe auffiel und aus seiner Abneigung etwa gegen die Nebenklägerin keinen Hehl machte.

Das Gericht folgte den Ausführungen des psychologischen Gutachters Alexander Böhle. Dieser hatte Gregor S. am sechsten Verhandlungstag eine schwere Persönlichkeits- im Sinne einer Zwangsstörung attestiert. Er sei allerdings nicht schizophren oder wahnsinnig. Vor diesem Hintergrund stufte er den 57-Jährigen als vermindert schuldfähig, nicht jedoch als schuldunfähig ein. Aufgrund des Gutachtens konnte das Gericht den Angeklagten nicht zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilen, wie sie eigentlich bei Mord geboten wäre.

Verteidiger sieht in Urteil größte Chance für Mandanten

Das Urteil sei gar nicht mal „so verkehrt“, sagte Alexander Wendt, einer der beiden Verteidiger von Gregor S. Es hätte sich so abgezeichnet. „Und für Herrn S. eröffnet es sogar die größten Perspektiven, sich irgendwann mal wieder in Freiheit befinden zu können.“ Wäre er für nicht schuldfähig gehalten worden, hätte er auf unbestimmte Zeit in die Psychiatrie gemusst. „Hätte er volle Schuldfähigkeit attestiert bekommen, dann säße er lebenslang im Gefängnis.“ Für ihn sei das gut, „auch wenn er es vielleicht nicht so sieht“. Gregor S., der die Tat aus Hass auf den Vater des Getöteten, Ex-Bundespräsident Richard von Weizsäcker (1920–2015), beging, hatte eine psychische Beeinträchtigung stets zurückgewiesen.

Diese sah der Vorsitzende Richter Matthias Schertz aber als gegeben. Zeugen aus dem Umfeld des Verurteilten sagten etwa aus, dass dieser sich zwanghaft die Hände wusch oder bei Mitfahrgelegenheiten zur Arbeit nicht einstieg, wenn jemand nach Knoblauch roch. Stattdessen sei er die 18 Kilometer zum Amazon-Logistikzentrum in Koblenz, bei dem er beschäftigt war, zu Fuß gelaufen. „Das Zwanghafte haben wir auch hier im Saal wahrnehmen dürfen“, sagte Schertz. Er verwies darauf, dass Gregor S. Zeugen, dem Gutachter und der Nebenklage immer wieder ins Wort fiel, sie anging und ein „unerträglicher Rechthaber“ sei.

Gregor S. nennt Anwalt "Idiot" und seine Ausführungen "Schwachsinn"

Am letzten Prozesstag geriet vor allem Nebenklägeranwalt Roland Weber, Vertreter der Kinder des Getöteten, in den Fokus des Beschuldigten. Gregor S. nannte den Anwalt einen „Idioten“ und seine Ausführungen „Schwachsinn“. Er reklamierte stets für sich, ein politischer Mörder zu sein – jemand, der Deutschland nach seiner Aussage von seiner Schuld befreien und ein Zeichen habe setzen wollen. „Wer wirklich töten will, braucht dafür nicht 30 Jahre“, sagte Weber. So lange trug S. nach eigenen Angaben den Hass auf die Familie von Weizsäcker in sich. Der Angeklagte sei kein „Zeichensetzer“ oder „Veränderer“, sondern rede lediglich „dummes Zeug“. Er sei ein „armer, kranker Mensch, der vier Kinder zu Halbwaisen gemacht und einer Lebensgefährtin den wichtigsten Mensch in ihrem Leben geraubt hat“.

Auch für Ferrid Brahmi geht ein Kapitel zu Ende. Der Polizeibeamte war am Abend des 19. November 2019 privat unter den Zuhörern des Vortrags von Fritz von Weizsäcker. Als S. vor seinen Augen zustach, schritt er ein. Mit den Händen hielt er die Klinge fest, wobei Sehnen durchtrennt wurden. Zwei Stiche trafen den damals 34-Jährigen in Hals und Oberkörper. Sie waren allerdings nicht gefährlich, wie eine medizinische Gutachterin aussagte.

Dennoch hat der Polizist immer noch unter seinen Handverletzungen und vor allem unter den psychischen Folgen zu leiden. „Ich beschäftige mich jeden Tag damit, ich sehe jeden Tag die Bilder, wie ich auf dem Boden liege und das Messer weghalte“, so Brahmi. Er habe Todesangst gehabt. Gregor S. empfand Brahmi dem Gericht zufolge als „Störer“ und wollte ihn beseitigen, um wieder auf Fritz von Weizsäcker losgehen zu können. Deshalb wurde er auch wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung verurteilt.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. S. will laut seiner Verteidigung Revision einlegen.

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