Umweltschutz

Berliner Parks ertrinken im Müll: Initiative verteilt Knigge

Immer mehr Abfall vermüllt die Berliner Grünanlagen. Jetzt soll ein "Park-Knigge" für mehr Bewusstsein sorgen.

Dreckig: Müll liegt verstreut um einen Papierkorb in Neukölln.

Dreckig: Müll liegt verstreut um einen Papierkorb in Neukölln.

Foto: Alexander Dinger

Berlin. Müll ohne Ende: Im Volkspark Hasenheide in Neukölln sind die 45 Riesen-Abfallkörbe – Fassungsvermögen ein Kubikmeter pro Stück – randvoll. Und daneben stapelt’s sich auch schon. In diesem Jahr ist die Lage „besonders krass“, sagt Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD). Unmengen an Müll fischen die Mitarbeiter des Grünflächenamtes aus den Sträuchern, klauben Plastikreste von den Wegen, karren säckeweise Pizzakartons und Flaschen ab.

Saubere Parks: Knigge mit acht Regeln für weniger Müll

Was für Neukölln gilt, ist aber auch in anderen Parks der Trend. Geradezu „explodiert“ sei die Vermüllung, stellt Beate Ernst fest. Sie gehört zur gemeinnützigen Initiative „Wir Berlin“, die jetzt eine Neuheit präsentiert: den „Park-Knigge“. Das ist ein quadratisches Zehn-Zentimeter-Faltblatt mit acht Regeln in sechs Sprachen. Für alle, die nachschlagen wollen, wie man Müll vermeidet, reduziert, korrekt entsorgt und die Umwelt schützt.

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Wie lauten die Regeln? Zum Beispiel: „Grillen ist in Berliner Parks und auf Grünflächen verboten. Zu viel Müll und Brandgefahr“, oder: „Kronkorken und Kippen sind giftig und gefährlich. Ab damit in den Müll oder in einen eigenen Aschenbecher.“ Und das in Deutsch, Englisch, Polnisch, Spanisch, Arabisch und Türkisch – und mit Piktogrammen versehen. 5000 Stück sind gedruckt, gefördert durch die Lotto-Stiftung. Auch fünf Videos will das „Wir Berlin“-Team in den nächsten Wochen online stellen, um die Regeln zu verbildlichen.

Eine Online-Umfrage mit 200 Teilnehmern habe übrigens ergeben, so Initiatorin Beate Ernst, dass 96 Prozent der Befragten sich an der Vermüllung in den Berliner Parks störten. Mehr als 70 Prozent fanden außerdem, dass Aufklärung und Bildung über das richtige Wegwerf-Verhalten fehle. Der „Knigge“ komme daher genau richtig. „Einfache Basics“ zu beachten, so Bürgermeister Hikel, sei wichtig, „damit Parks für alle nutzbar bleiben“.

Müllmenge habe sich bisher verdoppelt

511 Tonnen Abfall waren es im Jahr 2019 in Neukölln, ohne Sondermüll und Sperrmüll, bilanziert Hikel. Für dieses Jahr wird die Zahl weitaus höher ausfallen – die Müllmenge habe sich bisher verdoppelt. „Wir haben allein in Nord-Neukölln jetzt schon 250 Tonnen Müll“, sagt Rainer Sodeikat vom Grünflächenamt. Der Ingenieur und seine Gärtnermeisterin Michaela Hecht sind erfahren in allen Vermüllungsfragen. Doch von den derzeitigen Unmengen an Müll sind beide „geschockt“. „Sowas habe ich noch nicht gesehen. Wir schaffen es einfach nicht“, sagt Hecht.

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Die gestiegene Müllmenge fällt auch in finanzieller Hinsicht ins Gewicht. Denn die 62.000 Euro, die die Müllbeseitigung in Neukölln 2019 gekostet hat, werden sich auch verdoppeln, sagt Hikel. „Das Geld könnte man viel besser woanders einsetzen, zum Beispiel in der Grünpflege.“

Normalerweise reiche es in den Grünanlagen, dass die Mülleimer einmal pro Woche gereinigt werden, bei intensiv genutzten Flächen wie in der Hasenheide zweimal. „Aktuell sind wir aber bereits im Durchschnitt bei drei Reinigungsdurchgängen in der Woche. Aufgrund des hohen Müllaufkommens wäre eine tägliche Säuberung sicherlich notwendig und angebracht“, teilte der Bezirk mit. Dafür fehlten jedoch die Kapazitäten bei den bereits beauftragten Firmen beziehungsweise die Mittel für weitere Aufträge.

Aufruf zum privaten „Clean Up“ in der Hasenheide

Eine, die jetzt auch gegen den Müll mobil machen will, ist Parkbesucherin Carola Muysers. Die Kunstwissenschaftlerin ruft für Montag, 13. Juli, 10 Uhr zu einem „Clean Up“, also einem Müllsammeln in der Hasenheide auf. Jeder kann mitmachen. Treffpunkt ist der Eingang am Minigolfplatz, Hasenheide 81, 10967 Berlin. Anmelden kann man sich unter 030-31 56 88 03 oder per Mail: m@berlin-woman.de.

Art des zurückgelassenen Mülls hat sich verändert

Neben Neukölln berichten auch Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg, dass sich in diesem Frühjahr und Sommer nicht nur die Müllmenge, sondern auch die Art des zurückgelassenen Mülls verändert hat. Genannt werden etwa: mehr Umverpackungen von Fastfood-Händlern, Getränkedosen, Plastikflaschen, Einwegbecher, Pizzaschachteln, Grill-Reste, Warmhalteverpackungen, Sushi-Schalen, Dönerreste.

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Das sind die Müll-Hoptspots in den Bezirken

Auf die Frage nach ihren Müll-Hotspots schicken mehrere Bezirke eine Liste. Vom Lietzenseepark über den Tiergarten und das Spreeufer und Urbanhafen bis zum Volkspark Friedrichshain. „Sämtliche Spiel- und Bolzplätze“, zählt Friedrichshain-Kreuzberg auf. Neukölln schreibt: „Betroffen sind eigentlich alle Grünanlagen, die eine gewisse Aufenthaltsqualität haben.“ Und Pankow: „Besonders betroffen sind alle größeren und stark frequentierten Parks, insbesondere auch, wenn dort Spielplätze vor Ort sind.“

Der Müll ist nicht nur unansehnlich und wenig umweltfreundlich - jemand muss ihn auch beseitigen. Während das Straßen- und Grünflächenamt von Mitte für besonders belastete Grünanlagen eine Fachfirma mit einer Wochenendreinigung beauftragt hat, überlegt Pankow derzeit, weitere Anlagen durch die Berliner Stadtreinigung (BSR) reinigen zu lassen.

Die BSR übernimmt dies im Rahmen eines Pilotprojekts in knapp 50 Berliner Grün- und Erholungsanlagen sowie Waldflächen (von insgesamt weit mehr als 2000). Bei den Abfallmengen in diesen Parks sehe man „keine wesentlichen Veränderungen“ im Vergleich zum Vorjahr, teilte eine BSR-Sprecherin mit. Generell gelte: „Je schöner das Wetter, desto mehr Besucher, desto mehr Müll.“

Pizzakartons verstopfen Mülleimer

Allerdings habe die BSR im Zuge der ersten Lockerungen beobachtet, dass besonders viele Menschen ihre Speisen und Getränke im Freien verzehrten - „zumeist im Umfeld von Restaurants, Kneipen und Cafés sowie in Grünanlagen“, hieß es. Hierdurch sei es in einigen Schwerpunktgebieten zu einem massiven Anstieg an sperrigen Einwegverpackungen gekommen. Diese hätten teils Straßenpapierkörbe verstopft, seien darunter abgelegt oder achtlos weggeworfen worden. „Nach Wiedereröffnung der Innen- und Außenbereiche vieler Gastronomiebetriebe hat sich die Situation etwas entspannt.“

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Die BSR-Sprecherin hob hervor, es sei wichtig, auf Einwegverpackungen weitestgehend zu verzichten. Wo dies zum Beispiel aus Infektionsschutzgründen nicht machbar sei - manche Betriebe befüllen derzeit keine von Kunden mitgebrachten Boxen oder Mehrwegbecher -, sollten die Verpackungen verdichtet in Papierkörben oder zu Hause in die entsprechenden Abfalltonnen geworfen werden. „Teilweise ist es sicher auch möglich, die Verpackungen bei den jeweiligen Gastronomiebetrieben zu entsorgen.“ Vor allem aber solle jeder den Park so verlassen, wie man ihn anzutreffen wünscht.

Mehr To-go-Müll schon vor der Corona-Krise

Der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf teilte mit, man sehe seit Jahren eine sichtbare Müll-Zunahme durch To-Go-Verpackungen - nicht erst seit der Corona-Zeit. Ein Umdenken möglichst aller Parknutzer sei wünschenswert und notwendig, „denn mit dem Geld für die Grünflächenpflege soll Grün gepflegt und nicht Müll entsorgt werden“.

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Die Umweltverwaltung erklärte, dass Haushaltsmittel für die Unterhaltung der Grünanlagen für die Bezirke aufgestockt worden seien - um mehr als sieben Millionen Euro in diesem Jahr und 14 Millionen Euro 2021. So sollen die Anlagen „angesichts von aktuellen Anforderungen durch das Wachstum der Stadt und eine intensivierte Nutzung der Grünflächen und die klimawandelbedingten Schädigungen des Stadtgrüns“ besser gepflegt werden können. (mit dpa)

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