Corona-Krise

Easyjet will Standort Berlin um die Hälfte reduzieren

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Christian Latz und Michaela Menschner
Die Corona-Krise hat auch die Fluglinie Easyjet hart getroffen.

Die Corona-Krise hat auch die Fluglinie Easyjet hart getroffen.

Foto: Sean Gallup / Getty Images

Die Corona-Krise hat Easyjet hart getroffen. In Berlin soll nur noch die Hälfte der Flugzeuge abheben. Hunderte Jobs fallen weg.

Berlin. Die Corona-Krise hinterlässt auch bei Easyjet tiefe Spuren. Der Billigflieger will an den Berliner Flughäfen Tegel und Schönefeld seine Maschinen und die Zahl der Easyjet-Mitarbeiter deutlich reduzieren. Das geht aus einem internen Schreiben hervor, das offenbar versehentlich veröffentlicht wurde und der Berliner Morgenpost vorliegt. Demnach sollen 16 der 34 in Berlin stationierten Flugzeuge gestrichen werden. 738 Jobs in Kabine und Cockpit würden damit wegfallen.

Das Unternehmen habe Gespräche mit der zuständigen Personalvertretung „zur Verringerung der Zahl der in Berlin stationierten Flugzeuge und Mitarbeiter“ aufgenommen, teilte das ein Sprecher am Mittwoch auf Anfrage mit. Zur Höhe des geplanten Abbaus machte das Unternehmen zunächst keine Angaben.

Easyjet: Standorte Tegel und Schönefeld nicht profitabel

„Die Herausforderungen, die es verhindert haben, das Berlin profitabel ist, bleiben bestehen und COVID 19 hat die Sache nur verschlimmert“, heißt es in der englischsprachigen Mitteilung, die offenbar von Easyjet-Deutschland-Chef Stephan Erler versendet wurde. Der Basis an den Flughäfen Tegel und Schönefeld generiere einen „signifikanten Verlust“, den das restliche Netzwerk nicht mehr auffangen könne.

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Betroffen davon sind vor allem die deutschen Inlandsverbindungen nach München, Stuttgart, Köln und Düsseldorf, die vorrangig von Geschäftsreisenden genutzt wurden. Der Fokus solle laut der Mitteilung stattdessen auf europäischen Städten und Urlaubszielen liegen. Damit werde auf die „aktuelle und künftige Nachfrage“ reagiert, so Erler, und der Fokus auf ausschließlich profitable Verbindungen gelegt.

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Easyjet hatte Standort Berlin seit 2017 stark ausgebaut

Die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Beschränkungen im Flugverkehr haben Easyjet – wie viele andere Fluglinien auch – in eine tiefe Krise gestürzt. Seit Längerem ist bekannt, dass die Fluglinie 30 Prozent seines Personals abbauen will. Easyjet hatte seine Basis in Berlin erst seit Ende 2017 massiv ausgebaut und rund tausend Beschäftigte neu eingestellt und damit die Belegschaft in der Hauptstadt auf mehr als 1500 erhöht.

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Für den Aufbau wurden viele Mitarbeiter, Maschinen sowie Start- und Landerechte von der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin übernommen. Beobachter hatten angesichts einer Reihe wenig profitabler Verbindungen darunter schon länger mit einer Konsolidierung im Flugverkehr gerechnet. Die Corona-Pandemie hat diesen Prozess deutlich beschleunigt und verschärft.

Berlin bleibt größte Easyjet-Basis außerhalb Großbritanniens

„Viele unserer Airline-Kunden werden damit leben müssen, dass wir eine lange Zeit weniger Verbindungen haben werden“, sagte Berlins Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup zu der Easyjet-Ankündigung bei einer Pressekonferenz zu den aktuellen Fluggastzahlen. Easyjet habe erklärt, dass Berlin die größte Basis in Kontinentaleuropa bleibe. Anders als in Großbritannien, wo ganze Standorte geschlossen würden, sei dies in Berlin nicht geplant.

Die britische Billig-Airline hatte Ende Mai mitgeteilt, wegen der Coronavirus-Pandemie bis zu 4500 der insgesamt 15.000 Arbeitsplätze weltweit zu streichen. Auch die Standorte London Stansted, London Southend und Newcastle sollen wegfallen. Anfliegen will Easyjet die drei Flughäfen aber weiterhin.

„Was uns in Berlin helfen wird, ist, dass wir eine sehr starke Destination für Privatreisen sind.“ Erwartet werde auch als Langzeitfolge der Corona-Krise ein stärkerer Rückgang bei Geschäftsreisen. Tourismus und Familienreisen würden hingegen nach wie vor gefragt sein, so Lütke Daldrup. Er zeigte sich zuversichtlich: „Wir werden wieder deutlich an Terrain gewinnen.“

Gewerkschaft Verdi kritisiert Easyjet-Entscheidung scharf

Düsterer fällt das Urteil der Arbeitnehmervertreter aus. Als „schwarzen Tag“ für den Berliner Luftverkehr bezeichnete Verdi-Luftfahrsekretär Holger Rößler die Ankündigung von Easyjet, ihre Berlin-Flotte zu halbieren. „Diese Entscheidung ist für uns nicht nachvollziehbar und auch nicht mit den Pandemie-Folgen zu erklären.“ Der BER werde im Herbst ans Netz gehen, was neue Chancen für den Flugverkehr von und nach Berlin eröffne. „Warum easyJet jetzt seine Präsenz in Berlin halbiert, bleibt im Dunkeln“, so Rößler.

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Kritik übte der Arbeitnehmervertreter am angekündigten Aus für die Business-Flüge. „Die aus unserer Sicht voreilige Entscheidung von Easyjet wird wirtschaftliche Folgen für den neuen Flughafen BER haben, außerdem werden sich die Verbindungen von und nach Berlin verschlechtern“, erklärte Rößler. Wegen der zu erwartenden Folgen für die Hauptstadtregion erwartet die Gewerkschaft Verdi, dass sich die Landesregierungen in Berlin und Brandenburg einschalten und zusammen mit der Gewerkschaft versuchten, möglichst viele der Arbeitsplätze zu retten.

"Der geplante Stellenabbau bei Easyjet ist schmerzhaft für die Beschäftigten, aber auch für Berlin", sagte Wirtschafssenatorin Ramona Pop (Grüne). Die Corona-Krise werde sich offensichtlich auch mittel- und langfristig auf den Luftverkehr auswirken. "Auch Berlin wird hier als Flughafenstandort in Mitleidenschaft gezogen." Das Unternehmen müsse nun sozialverträgliche Lösungen gemeinsam mit den Beschäftigten finden, so die Wirtschaftssenatorin.

Der bei Easyjet geplante Stellenabbau sowie die Streichung zahlreicher Flugverbindungen sei "ein herber Rückschlag für den Luftverkehrsstandort Berlin". Die "massiv höheren Entgelte am zukünftigen BER" dürften ihr übriges zu solchen Entscheidungen beitragen. "Es liegt jetzt zum einen an der FBB selbst ein langfristig attraktives Entgeltsystem zu entwickeln, was den Berliner Markt wettbewerbsfähig macht", sagte Czaja. Zudem forderte er Wirtschaftsenatorin Pop auf, sich aktiv dafür einzusetzen, den Berliner Luftverkehrsmarkt für ausländische Fluggesellschaften, die derzeit für Berlin keine Luftverkehrsrechte hätten, öffnen zu lassen.

Easyjet nimmt Flugbetrieb in Berlin ab Mittwoch wieder auf

Vor diesem Hintergrund verpuffte eine andere Mitteilung Easyjets am Mittwoch nahezu. Seit dem 1. Juli hat die britische Airline den Flugbetrieb ab Berlin wieder aufgenommen. Die Fluggesellschaft plane, mit bis zu fünf Flugzeugen in Schönefeld sowie bis zu vier Flugzeugen aus Tegel zu starten.

Damit würden in der ersten Juli-Hälfte bereits 39 Routen geflogen. Dies soll sich auf etwa 50 Routen im Laufe des Sommers erhöhen. Die Kunden hätten die Wahl zwischen Flügen zu Stadt- und Strandzielen. Hierzu gehörten neben Metropolen wie Barcelona, Paris und Amsterdam auch Sonnenziele wie Kreta, Fuerteventura und Teneriffa. Bis August wolle Easyjet fast drei Viertel seines Streckennetzes wieder anfliegen.

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