Gericht

Weizsäcker-Prozess: Gregor S. wollte "alles loswerden"

Im Prozess um den Mord an Fritz von Weizsäcker wurden am Dienstag der Rechtsmediziner und der Vernehmungsbeamte gehört.

Der 57 Jahre alte Angeklagte Gregor S. sitzt hinter Panzerglas im Berliner Landgericht.

Der 57 Jahre alte Angeklagte Gregor S. sitzt hinter Panzerglas im Berliner Landgericht.

Foto: Carsten Koall / dpa

Berlin. Der Rechtsmediziner Michael Tsokos hat schon einiges gesehen in seiner 25-jährigen Berufslaufbahn. So etwas aber nur sehr selten: „Die Wucht des Stichs muss massiv gewesen sein“, sagte Tsokos am Dienstagmittag vor der 32. Strafkammer des Berliner Landgerichts. Der Rechtsmediziner hatte zuvor das Ergebnis der Obduktion zusammengefasst, die er am 20. November 2019 am Leichnam des Arztes Fritz von Weizsäcker durchführte. Die tödliche Stichwunde an dessen Hals sei tiefer gewesen als die Klinge des Messers lang. Dass so kräftig zugestochen wurde, habe er vielleicht ein bis zwei Mal gesehen.

Gregor S. muss sich seit Ende Mai vor Gericht wegen dieses Mordes verantworten. Der 57-Jährige räumte bereits ein, den Internisten Fritz von Weizsäcker am Abend des 19. November 2019 in der Charlottenburger Schlosspark-Klinik getötet zu haben. Laut Tsokos hätten die Notärzte keine Chance gehabt, das Leben des 59-Jährigen zu retten. „Der Stich kam von links“, so der Rechtsmediziner. Die Klinge sei einen Zentimeter unterhalb des Kehlkopfes eingedrungen und durch die Luftröhre gegangen. Dabei habe sie zwar die linke Halsschlagader verfehlt, aber die rechte getroffen und eine Vene verletzt. Das hätten die Ersthelfer nicht erkennen können. „Sie haben daher die falschen Gefäße abgeklemmt“, so Tsokos weiter. Der Arzt verblutete, ertrank gleichsam an seinem Blut und erlitt eine Luftembolie des Herzens.

Das Opfer habe Gregor S. noch verständnislos angesehen

An diesem fünften Verhandlungstag wurde auch der Polizist Jochen H. gehört, der Gregor S. nach der Tat vernahm. Der Beschuldigte habe währenddessen ruhig und kontrolliert gewirkt, sei aber in der neun- bis zehneinhalbstündigen Befragung in einen regelrechten Redeschwall verfallen, so der Beamte. S. habe „alles loswerden“ wollen.

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Als Grund für die Tat nannte Gregor S. in der Vernehmung und im Prozess Hass auf die Familie von Weizsäcker – insbesondere auf den Vater des Getöteten, Berlins ehemaligen Regierenden Bürgermeister (1981-84) und Bundespräsidenten (1984-94) Richard von Weizsäcker (1920-2015). Dieser war in den 1960er-Jahren Mitglied der Geschäftsführung des Chemiekonzerns Boehringer Ingelheim. Anfang der 1990er-Jahre wurden Vorwürfe laut, dass das Unternehmen mit Sitz am Rhein an der Herstellung des dioxinhaltigen Entlaubungsmittels Agent Orange beteiligt gewesen sein soll, was Boehringer zurückweist. Die US-Armee versprühte im Vietnamkrieg zwischen 1965 und 1970 etwa 57.000 Tonnen des giftigen Herbizides, wodurch Millionen Menschen starben. S. gab an, er habe sich dafür an der Familie von Weizsäcker rächen wollen.

Bei den Verwandten des Alt-Bundespräsidenten sah S. demnach eine Mitschuld. „Nach dem Tod Richard von Weizsäckers war eigentlich jeder ein legitimes Ziel“, gab Polizist Jochen H. eine Aussage des Beschuldigten aus der Vernehmung wieder. Schließlich sei die Wahl auf den jüngsten Sohn gefallen. „Ich wollte ihn erheblich verletzen“, zitierte der Beamte den Angeklagten weiter und fuhr fort: „Fritz von Weizsäcker habe ihn nach dem Stich verständnislos angesehen, bevor er zu Boden ging.“ Das Blut habe Gregor S. schließlich „mit der Realität konfrontiert“. Dass er den Arzt auch töten wollte, habe der Beschuldigte in der Vernehmung nicht gesagt. Allerdings gab er im vorherigen Prozesstag zu Protokoll, die Tat nicht zu bereuen.

Im Prozess muss vor allem geklärt werden, ob Gregor S. schuldfähig ist und verurteilt werden kann oder aufgrund einer psychischen Erkrankung untergebracht werden muss. Dazu wurden auch am Dienstag wieder Zeugen aus seiner Heimat Andernach bei Koblenz gehört. „Seine Wohnung war in einem desaströsen Zustand – unaufgeräumt und muffig“, sagte Hausverwalter Friedhelm F. „Es wirkte alles so hilflos.“ Er habe Gregor S. nahegelegt, sich Betreuung zu organisieren – etwa eine Putzhilfe. Dieser habe darauf mit einem sechsseitigen Brief reagiert, in dem er den 73-Jährigen auch bedroht haben soll. „Im Nachhinein habe ich Glück gehabt, dass ich nicht das Messer in den Hals bekommen habe“, sagte F. Auch Vermieter Herbert D. gab zu Protokoll, dass der Angeklagte seine Tochter „sehr massiv angegangen“ und sein Auto sowie seine Hauswand beschädigt haben soll.

Gregor S., machte auch an diesem Tag intensiv von seinem Fragerecht Gebrauch. Inhaltlich hatte dies allerdings nichts mit dem Vorwurf zu tun. So war etwa das Alter seiner Toilette über Minuten Gegenstand der Diskussion. Der Vorsitzende Richter Matthias Scherz konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Dann ermahnte er den Beschuldigten, „keine weiteren Fragen mehr zum Klodeckel zu erörtern“. Die Verhandlung wird am Freitag fortgesetzt. Dann ist die Aussage des psychologischen Gutachters vorgesehen. Am 8. Juli sollen die Plädoyers gehalten und ein Urteil verkündet werden.

Bilder: Das ist die Familie von Weizsäcker

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