Gastbeitrag

Rettet die Friedrichstraße!

| Lesedauer: 5 Minuten
Werner Graf
Testweise war die Friedrichstraße im Oktober 2919 bereits Fußgängerzone.

Testweise war die Friedrichstraße im Oktober 2919 bereits Fußgängerzone.

Foto: Jörg Krauthöfer / FUNKE FOTO SERVICE

Werner Graf, Chef der Berliner Grünen, plädiert für ein autofreies Einkaufserlebnis in der Friedrichstraße.

Vor kurzem machte ich beim Autofahren einen großen Fehler. Ich folgte blind der Navigation, bog von der Leipziger Straße in die Friedrichstraße ein und: stand erst einmal. Wobei „einmal“ eine arg beschönigende Beschreibung ist. Ich stand ziemlich lange. Von Stop-and-go konnte keine Rede sein, das war wenn überhaupt Stop-and-stop. Für eine Distanz, die ich mit dem Fahrrad in elf Minuten schaffe, habe ich mit dem Auto über eine Stunde gebraucht. Schön war das nicht.

Ja, in Berlin wird gern gemeckert – und bei der Friedrichstraße aus gutem Grund. Es ist quasi schon ein Naturgesetz: Wer in die Friedrichstraße einbiegt, kommt gestresster heraus, als er hineinkam. Und das betrifft nicht nur den Autoverkehr.

Es gilt auch für die Fahrradfahrer*innen, die mit ihren Drahteseln oft nicht durch die winzigen Lücken passen, die ihnen die parkenden und die im Stau stehenden Autos lassen. Dass in dieser Situation einige verbotenerweise auf den Fußgängerweg ausweichen, ist nicht in Ordnung, aber macht den Aufenthalt für die Fußgänger*innen auf dem Bürgersteig oft wahlweise zur Qual oder zum Adventure-Abenteuer.

Die Friedrichstraße in ihrem jetzigen Zustand hat nichts mit einem schönen, erholsamen und entspannten City-Ausflug zu tun. Gut, wir können festhalten: Die Friedrichstraße ist immerhin ereignisreich. Aber wer entspannt einkaufen und von einem Geschäft ins nächste schlendern will, der meidet die Friedrichstraße. Kein Wunder, dass die Kaufkraft auf der Friedrichstraße konstant zurück geht. Die Läden beklagen schon seit langem Einkommenseinbußen und die potenziellen Kunden, die diese Straße noch betreten, sind meist zum ersten und letzten Mal hier gewesen.

Ich will Ruhe und kein Hupkonzert

Jetzt muss man fair bleiben. Ja, der Einzelhandel hat es derzeit prinzipiell nicht leicht – und das nicht nur jetzt wegen Corona. Zu schön sind für viele die Verlockungen des Internets. Bequem auf der Couch den Bestell-Button gedrückt und schon am nächsten Tag klingelt es an der Tür. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Der andere Teil ist, dass ich heute beim Einkaufen etwas geboten bekommen will. Ich will ein Erlebnis. Ich will in Ruhe und mit Platz von einem Geschäft ins nächste bummeln, Sachen anprobieren und vielleicht noch mal kurz zurücklaufen, weil mir dieses eine Shirt nicht aus dem Kopf geht. Und ich will zwischendurch bei gutem Wetter draußen einen Kaffee trinken können, ohne in Abgasen, Motorenrattern oder Hup-Konzerten zu versinken.

New York, Kopenhagen, Barcelona, überall zeigen Studien: Je weniger Verkehr, desto höher die Einkaufslust. Als Barcelona beispielsweise 2018 Straßen zu Weihnachten für Autos sperrte, stieg dort der Konsum im Vergleich zum Vorjahr um 9,5 Prozent. Und die Luft wurde sauberer: 14 Prozent weniger Kohlendioxid; 38 Prozent weniger Stickoxid. Die Kaufkraft wächst übrigens bei einer dauerhaften Sperrung noch mehr, denn Fahrradfahrer*innen kommen im Schnitt 20 Einkaufstage im Jahr mehr als Autofahrer*innen, sind kaufkräftiger und kaufen höherwertige Produkte.

Solange aber die Friedrichstraße ist, wie sie ist, trinkt hier keiner einen Kaffee, sondern höchstens einen Beruhigungstee. Und zurücklaufen wird auch niemand, weil alle froh sind, diesen Ort so schnell wie möglich wieder verlassen zu können.

Es braucht mehr Grün und Plätze zum Verweilen

Dabei war die Friedrichstraße einmal ein Pracht-Boulevard, mit der sich Berlin brüstete. Diese Zeiten sind lange vorbei. Doch unser Anspruch muss es sein, die Friedrichstraße wieder zu einer solchen Vorzeigestraße zu machen. Nicht nur, um die Geschäfte dort zu retten, sondern auch, um den Umbau Berlins hin zu einer lebenswerten und nachhaltigen Stadt voran zu treiben.

Genau das ist übrigens mittlerweile zu einem harten Standortfaktor vieler Firmen geworden. Dass Kopenhagen dreimal in Folge den Preis für die lebenswerteste Stadt gewonnen hat, ist nachweislich dafür verantwortlich, dass sich neue Firmen dort niedergelassen haben. Auch für Kopenhagen war es eine Umgewöhnung: Als dort 1962 die erste Straße für Autos gesperrt wurde, demonstrierten die Geschäftstreibenden dagegen. Heute demonstrieren sie, weil ihre Straße noch nicht autofrei ist.

Lassen wir die Friedrichstraße nicht einfach so verkommen. Sondern fangen wir genau hier, in einem der Herzen Berlins an, unsere Stadt lebenswert umzubauen. Das wird nur funktionieren, wenn die Friedrichstraße autofrei wird, so wie es der Bezirk Mitte und Verkehrssenatorin Günther für den Abschnitt von der Französischen bis zur Leipziger Straße planen. Wenn wir den Platz nutzen für Fahrradfahrer*innen und vor allem für die Fußgänger*innen – also für die Menschen, die dort einkaufen wollen und ja auch sollen. Wenn wir Bäume und Blumen pflanzen, wenn wir Bänke und Grünflächen zum Verweilen schaffen, wenn die Menschen wieder gerne in die Friedrichstraße rein wollen – und nicht nur raus.