Wettbewerb

Das Finale: Wer wird Berlins bester Klassensprecher?

Zum dritten Mal steht in der Hauptstadt eine ganz besondere Wahl an – wer antritt, hat ein sehr wichtiges Amt in der Schule.

Ekin Uçkun vom Bertha-von-Suttner-Gymnasium in Reinickendorf.

Ekin Uçkun vom Bertha-von-Suttner-Gymnasium in Reinickendorf.

Foto: Glanze/Gambarini

Berlin. Keine Ahnung, was man über die Jugend von heute so sagt, aber das ist auch egal – denn diese Neun sind super. Alle engagieren sich in ihrer Schule. Sie sind die Stimme ihrer Klasse, haben immer ein offenes Ohr für die Mitschüler, aber auch für die Lehrer. Bauen Brücken, wenn es Uneinigkeit gibt. Sagen auch mal ein klares Wort, wenn etwas unfair zugeht. Und helfen, wo sie können.

Ursprünglich haben sich 29 Bewerber zur Wahl für den „Klassensprecher des Jahres“ gestellt. Im Internet wurde dann darüber abgestimmt, wer es in die Endrunde schafft. Wir stellen die neun Finalisten nun vor. Sie kommen aus ganz verschiedenen Bezirken, von ganz verschiedenen Schulen – und trotzdem gibt es etwas, das sie alle verbindet: Sie sind bereit, Verantwortung zu übernehmen. Nächste Woche entscheidet eine Jury darüber, wer die ersten drei Plätze belegt. Es gibt tolle Dinge zu gewinnen, natürlich für die ganze Klasse: Vom Besuch im Freizeitpark über ein Hertha-Überraschungspaket bis zur mehrtägigen Klassenreise. Wir drücken die Daumen, verdient hätten es alle. Warum? Lesen Sie selbst.

Eine Stimme für die Schüchternen

„Verantwortung tragen“, das fällt Sahan Ali Kaya sofort zu seinem Amt als Klassensprecher ein, das ist ihm wichtig. Und das heißt auch, fair und umsichtig zu bleiben, selbst wenn man unter Stress ist. „Im Leben wird es immer schwere Sachen geben, die man regeln muss“, sagt der 15-Jährige. Und das sollte man früh lernen.

Dabei hat er in seiner Schule, der Heinrich-Mann-Schule in Neukölln, auch einen Blick für die, die zurückhaltend sind, vielleicht auch zurückgezogen. Er setzt sich für alle ein. „Oftmals sind das die Schüchternen, die sich nicht so gut wehren können“, erzählt Sahan. Für die ist er da. „Ich mag es nicht, wenn die geärgert werden“, sagt der Neuntklässler ganz klar. „Es gibt an unserer Schule keine zwei Meinungen über seine Freundlichkeit, mit der er auf andere Menschen zugeht“, bestätigt sein Lehrer. „Seine gute Laune ist ansteckend.“

Für andere da sein

„Es bedeutet mir viel, anderen helfen zu können“, sagt Enya Krebs. Deshalb ist die 13-Jährige Klassensprecherin geworden. Für andere da zu sein, ist ihr wichtig. Die Coronazeit momentan ist die größte Herausforderung für sie. „Man hatte nicht so viel Kontakt zu den Lehrern und nicht so viel Kontakt zu den Mitschülern“, erzählt sie. Denn so lange ist sie ja noch nicht Klassensprecherin in ihrer siebten Klasse des Archenhold-Gymnasiums in Treptow, da fehlen alle um so mehr.

Ihr direktes Wesen wird geschätzt

Spaß im Amt zu haben, das ist Susanne Gericke wichtig. Das heißt nicht, dass sie keine ernsthafte Klassensprecherin ist. Aber die 17-Jährige geht mit ihrer positiven, lockeren Art gut auf die Mitschüler zu. „Meine Klasse ist zwar manchmal echt nervenaufreibend, aber ich liebe sie trotzdem“, schreibt sie in ihrer Bewerbung mit einem Smiley.

Dabei war der Anfang an der Fritz-Reuter-Oberschule in Lichtenberg nicht ganz einfach. Die Zehntklässlerin kam erst im zweiten Halbjahr der siebten Klasse auf die Schule. „Ich war schon immer ein Mensch, der sagt, was er denkt und sich nicht unterbuttern lässt.“ Das kam am Anfang nicht bei allen gut an. Aber bald wurde ihr direktes Wesen geschätzt, schon ab der achten Klasse begann sie als stellvertretende Klassensprecherin, ab der Neunten dann als Klassensprecherin. Gerade auch, weil sie ein Auge für alle hat. Einmal hat sie einem zurückhaltenden Mitschüler, der geärgert wurde, einen Zettel in den Rucksack gesteckt, dass er sich immer bei ihr melden könne, wenn er Unterstützung braucht. „Er hat mir dann tatsächlich zurückgeschrieben und sich für die nette Geste bedankt.“

Vertrauen in die Mitschüler

Jeder in der Klasse weiß: Zu Joey-Bess Braune kann man immer hingehen, sie hat als Klassensprecherin ein offenes Ohr. Aber auch die 15-Jährige weiß, was sie an ihren Klassenkameraden hat. „Du fängst an, den Mitschülern zu vertrauen, die Mitschüler fangen an, dir zu vertrauen“, bringt sie es auf den Punkt. So macht ihr das Amt in der Johann-Julius-Hecker-Schule in Marzahn richtig Spaß, die Schule überhaupt.

Ihre größte Herausforderung ist manchmal, erzählt die Neuntklässlerin selbst, dass sie nicht immer direkt kapiert, wie sie reagieren soll: „Ob als Klassensprecherin oder als Freundin.“ Denn bei Schulbelangen, das ist ihr klar, geht es nicht nur um ihre eigene Meinung – sie muss auch die Positionen anderer verständlich machen. Das ist nicht immer leicht, aber Joey-Bess Braune stellt sich der Herausforderung. „Man muss auch steinige Wege laufen und niemals aufgeben“, ist ihr Motto.

Kompromissbereitschaft kann man lernen

Wenn man fragt, was für Jeremy Jarsetz bislang die größte Herausforderung als Klassensprecher war, dann antwortet er: „Ich musste lernen, mit Kompromissen umgehen zu können.“ Da ist beispielsweise die Sache mit dem schulinternen Hausaufgabenheft, wie es in seiner Schule, der Georg-Klingeberg-Schule in Biesdorf, üblich ist. Das muss jeder Schüler benutzen, aber seine Klasse wollte das nicht. Also haben sie einen Antrag auf Abschaffung dieser Hausaufgabenhefte gestellt. „Das hat nicht ganz geklappt“, sagt der 17-Jährige und muss ein bisschen grinsen. Aber zumindest ist es jetzt handlicher, von A4 runtergeschrumpft auf A5. Und sie dürfen nun das Design selbst gestalten. Ein guter Kompromiss.

Der Zehntklässler ist schon seit der siebten Klasse durchgehend Klassensprecher. Auch weil er sich traut, den Lehrern gegenüber eine klare Position einzunehmen und für die Interessen der Mitschüler einzustehen. „Wenn es sein muss, auch mal in einem raueren Ton.“ Aber er weiß inzwischen, er kann nicht immer alles zu 100 Prozent durchsetzen. „Da habe ich mich weiterentwickelt.“

Ins Gespräch miteinander kommen

Gerechtigkeit ist Newal Bayrak wichtig – und auch Fairness. Das gehört zum Amt eines Klassensprechers dazu. Wenn sie einen Streit zwischen Mitschülern schlichtet, darf es nicht darum gehen, mit wem sie befreundet ist, findet die 13-Jährige. „Alle sollten die gleiche Chance haben und gleich behandelt werden.“

Denn klar, auch in ihrer achten Klasse im Carl-von-Ossietzky-Gymnasium in Pankow gibt es manchmal Krach. „Ein paar Jungs in meiner Klasse haben sich gestritten, weil einer andauernd beleidigt wurde.“ Also haben sich alle in der Pause zusammengesetzt, und sie hat geholfen, den Konflikt zu lösen. „Am Ende waren alle glücklich, und der Junge, der immer beleidigt wurde, wurde in Ruhe gelassen.“ Wenn man miteinander redet, davon ist sie überzeugt, wird vieles möglich.

Die Vermittlerin

Wenn sie ihre Rolle als Klassensprecherin beschreiben sollte, sagt Ekin Uçkun: „Man ist sozusagen der Stützpfeiler der Klasse“. Das trifft bei ihr zu. Natürlich ist Schule heute viel weniger hierarchisch als früher, aber ein bisschen unten und oben gibt es immer noch zwischen Schülern und Lehrern. Und da vermittelt die 14-Jährige.

Denn in ihrer Klasse selbst – auf dem Bertha-von-Suttner-Gymnasium in Reinickendorf – gibt es wenig Problem, „wir sind eine gute Klassengemeinschaft“, erzählt Ekin über ihre neunte Klasse. Manchmal knirscht es aber ein bisschen mit den Lehrern, da geht es um Unterrichtsplanung, um Wünsche der Klasse und Erwartungen der Pädagogen. Dann schafft sie es, für beide Seiten Verständnis aufzubringen – die Interessen ihrer Mitschüler zu vertreten, aber auch die Nöte der Lehrer zu sehen und zu vermitteln. Kein Wunder also, dass nicht nur die Mitschüler ihr die Daumen drücken. Auch der Klassenlehrer hat eine Grußbotschaft geschickt: „Für mich bist du auf jeden Fall die Klassensprecherin des Jahres.“

Mit Mut vor die Klasse treten

Als er nach der siebten Klasse auf die Reinhold-Burger-Schule in Pankow wechselte, war für Tanith Mikus klar, er wollte etwas für seine neue Klasse tun. Vorher war er noch nie Klassensprecher gewesen, aber jetzt stellte er sich zur Wahl. Dabei war es zu Beginn gar nicht so einfach, der 13-Jährige hatte nämlich anfangs ein bisschen Lampenfieber, so vor der Klasse zu stehen und frei zu sprechen. „Doch langsam wird es immer leichter.“

Von Lampenfieber merkt man allerdings nicht viel, der Siebtklässer kann sich nämlich richtig gut ausdrücken. So wurde er dann auch Jahrgangssprecher. „Mit Biss, sprachlicher Gewandtheit, einer Portion Kreativität und Charme konnte Tanith das Publikum für sich gewinnen“, berichtet seine Lehrerin. Was ist sein oberstes Ziel? „Für die Klasse da zu sein“, sagt er. Ein guter Klassensprecher, findet er, übernimmt Verantwortung und ist zuverlässig.

Sieben Jahre Erfahrung

„Fridolin ist für mich nicht nur der Klassensprecher des Jahres, sondern der Jahre“, sagt seine Klassenlehrerin über ihn. Tatsächlich ist Fridolin Kosslick der Profi unter den Klassensprecher-Bewerbern, seit sieben Jahren ist der Zehntklässler nun Klassensprecher, von der dritten Klasse an. Nur in der sechsten Klasse hat er an seiner Schule, der Paula-Fürst-Gemeinschaftsschule in Charlottenburg, kurz ausgesetzt.

Warum ist ihm das Amt so wichtig? „Ich wollte schon in der dritten Klasse, als ich das erste Mal Klassensprecher war, viel in der Klasse verändern“, berichtet der 15-Jährige. Dabei geht er empathisch vor, die Mitschüler vertrauen ihm. Die größte Herausforderung war in der 7. und 8. Klasse, da war eine Mitschülerin mit Behinderung, die „von vielen aus meiner Klassen geärgert wurde“. „Es war eine sehr schwierige Situation.“ Zusammen mit seiner Lehrerin suchte er Lösungen. Irgendwann, Mitte der 8. Klasse, hatten alle begriffen, dass es so nicht ging. Das klappte auch, weil er nicht aufgab.