Schulbau

Wenn Zauneidechsen umziehen

Dort wo die neue Gustav-Heinemann-Schule geplant ist, bevölkern Zauneidechsen die Wiesen. Nun müssen sie umgesiedelt werden.

Die Zauneidechse, hier ein Männchen, zählt zu den geschützten Arten.

Die Zauneidechse, hier ein Männchen, zählt zu den geschützten Arten.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Zu Hunderten bevölkern sie das zurzeit hohe, grüne Gras auf dem Grundstück am Rand der Gustav-Heinemann-Schule in Marienfelde. Dabei sind die kleinen, flinken Zauneidechsen durch ihre Färbung gut getarnt und eigentlich nur schwer zu entdecken. So auch an diesem Tag. Ihr Sonnenbad, das sie brauchen, um in die Gänge zu kommen, haben die wechselwarmen Tiere an diesem Vormittag schon genommen, als Björn Lindner, Naturranger und Leiter Naturschutzstation Marienfelde, durch die Graslandschaft streift. Immer entlang der etwa 30 Zentimeter hohen Fangzäune, die auch bei Krötenwanderungen an Straßen zum Einsatz kommen und verhindern sollen, dass die Tiere auf die Straße und unter ein Fahrzeug geraten. An einem der in den Boden gelassenen Eimer geht Lindner auf eines seiner durch die Arbeitshose geschützten Knie. Er schaut hinein. Nichts drin. Die Zauneidechsen wurden bereits durch eine beauftragte Firma aus ihrem Gefängnis auf Zeit, in das sie bei der Suche nach einem Loch im Fangzaun fallen, befreit und in ihr neues Zuhause im Natur- und Freizeitpark Marienfelde gebracht. Nur wenige Minuten entfernt.

Die gesunde und große Population der streng geschützten Zauneidechsen wurde bereits im vergangenen Herbst auf dem Gelände zwischen Tirschenreuther Ring und Marienfelder Damm entdeckt. Über lange Zeit konnte sie sich auf den unberührten Wiesen ansiedeln. Nun muss Tier für Tier bis Mitte September umgesiedelt werden. Vor allem die neu angelegte Baustraße, die die Zufahrt zur Baustelle ermöglicht, könnte den kleinen Reptilien nämlich gefährlich werden. Noch laufen erst die Bauvorbereitungen, im Herbst soll dann der erste Spatenstich erfolgen.

Zauneidechsen lieben abgeschiedene, sonnige Lebensräume

Für die Zauneidechsen war dies der perfekte Lebensraum, finden sie hier sonnige Plätze, Nahrung wie Insekten oder Spinnentiere und Unterschlupf. Um sich wohl zu fühlen, brauchen die Reptilien Trockenrasenflächen oder Streuobstwiesen aber auch Hecken, wo sie häufig an Wurzelanläufen in frostfreien Erdschichten oder Ritzen überwintern (im Grunde sind sie nur sechs Monate im Jahr aktiv). Verwaiste oder ruhige Orte wie Friedhöfe, alte Truppenübungsplätze oder Randstreifen an Bahngleisen sind bevorzugte Lebensräume der Tiere.

Oder eben lange brachliegende Wiesenflächen wie hier in Marienfelde, die nun allerdings der neuen Schule weichen müssen. Da die Tiere streng geschützt sind, musste sich das Bezirksamt um einen neuen Lebensraum kümmern und fand in Naturranger Björn Lindner einen Unterstützer. Inmitten des 15 Hektar großen Natur- und Freizeitparks Marienfelde, zu dem auch die Naturschutzstation gehört und der durch den Bezirk Tempelhof-Schöneberg finanziert wird, machte er das neue passende Habitat für die Zauneidechsen aus. Mit seinem Geländewagen geht es beim Besuch der Morgenpost direkt dorthin.

Das neue Habitat der Zauneidechsen liegt im Freizeitpark Marienfelde

Das neue Eidechsen-Zuhause erstreckt sich auf der östlichen Seite des Marienfelder Damms. Inmitten von Wiesen, Streuobstwiesen und schmalen Pfaden genießen nicht nur Spaziergänger die fast unberührte Natur und frische Luft, auch die Zauneidechsen sollen hier nahezu ungehindert leben und sich vermehren können. Über sandfarbenen Schotter geht es vorbei an hohem Gras und einem Teich, bis Lindner das Auto plötzlich stoppt. Der neue Lebensraum ist ebenfalls noch durch die kleinen Fangzäune abgegrenzt. Ein Bauzaun schützt zunächst noch vor ungebetenen Besuchern.

„Wir brauchen zwar neue Schulen, ganz wichtig ist aber auch, dass der den Zauneidechsen genommene Lebensraum ausgeglichen wird“, sagt Lindner, gelernter Landschafts- und Gartenpfleger, während er die Fläche präsentiert. Durch den strengen Schutzstatus der Zauneidechsen ist es verboten, sie zu verletzen oder zu töten. Auch Paarungs- und Eiablage- sowie Sonnenplätze und Winterquartiere dürfen nicht beschädigt werden.

Der Bezirk wurde von den Zauneidechsen überrascht

Aber auch die Ersatzfläche musste erst vorbereitet werden, sagt Bezirksschulstadtrat von Tempelhof-Schöneberg Oliver Schworck (SPD). Bei der Vegetation und Unterschlupfmöglichkeiten musste nachgeholfen werden. Auch damit sich Insekten ansiedeln, die die Zauneidechse bevorzugt frisst. Bis Mitte September soll die Umsiedlung abgeschlossen sein. „Wir haben eine ganze Weile nach dem richtigen Ort für die Tiere gesucht“, so der Stadtrat. Gerade in dicht besiedelten Städten seien naturbelassene Flächen schwer zu finden. Marienfelde stellt da insofern eine Besonderheit dar, denn dort gibt es sie noch: unberührte und artenreiche Natur. Der Bezirk Tempelhof-Schöneberg will das Gebiet deshalb zu einem Landschaftspark weiterentwickeln.

Man sei von den Zauneidechsen etwas überrascht worden, sagt Schworck. „Wir haben nicht wirklich mit Tieren gerechnet.“ Zu selten sei der Bezirk selbst federführend für Bauprojekte verantwortlich, so Schworck. Es fehlte schlicht die Erfahrung. Die brachte der Naturranger mit – und eine Lösung, die verhinderte, dass das 46 Millionen-Euro-Projekt gestoppt oder die Tiere gestört werden. Und da Naturschutzstation und Freizeitpark durch den Bezirk finanziert werden, besteht seit Jahren eine enge Zusammenarbeit. „Ohne Herr Lindner wäre das alles nicht gegangen“, lobt Schworck den Naturranger. In der Naturschutzstation gibt Lindner sein Wissen über Naturschutz, Landschaftspflege und Landwirtschaft in sogenannten grünen Klassenzimmern an Schülergruppen und Besucher weiter. Aufgrund des Coronavirus ist die Naturschutzstation aber erst seit Kurzem wieder geöffnet.

Über Jahre hinweg entwickelte und baute Lindner mit Unterstützung seines Teams auch den Freizeitpark mit all seinen Wegen und idyllischen Ecken. „Ich habe meine Leidenschaft zum Beruf gemacht“, sagt Lindner. Auch wenn das bedeutet, dass allein die Pflege der Naturschutzstation seine Abwesenheit kaum zulässt. Schließlich leben dort auch Tiere, unter anderem Schafe, Hühner und ein Wildschwein. Entstanden ist der Park übrigens auf einer ehemaligen Mülldeponie.

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