Pandemie

Corona-Krise sorgt für Ansturm auf Berliner Kleingärten

Durch die Corona-Pandemie ist die Nachfrage nach Kleingärten nochmal gestiegen. In Spandau müssen Bewerber sich sieben Jahre gedulden.

Auch in Charlottenburg, hier die Kleingartenanlage Birkenwäldchen, ist die Nachfrage nach Kleingärten zurzeit groß.

Auch in Charlottenburg, hier die Kleingartenanlage Birkenwäldchen, ist die Nachfrage nach Kleingärten zurzeit groß.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Berlin. Wer in Berlin einen Kleingarten pachten möchte, muss geduldig sein. Das gilt ohnehin und noch mehr seit Beginn der Corona-Pandemie. In den vergangenen Wochen hat die Nachfrage nach Parzellen deutlich zugenommen, die schon vorher jahrelangen Wartezeiten haben sich damit weiter verlängert. „Teilweise ist die Nachfrage in Berliner, Münchener und Hamburger Kleingartenvereinen vierfach höher als im Vorjahresvergleich“, sagt Sandra von Rekowski vom Bundesverband Deutscher Gartenfreunde. Dabei sei das Interesse an Parzellen in den Großstädten schon seit Jahren „ungebrochen hoch“ gewesen.

Gründe für die aktuell besonders hohe Beliebtheit der Kleingärten sieht sie einige. „Die Beschränkungen des persönlichen und öffentlichen Lebens über viele Wochen, Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen, beschränkte Reisemöglichkeiten im Sommer – all das sind Entwicklungen und Aussichten, die den Wunsch nach einem eigenen Kleingarten für viele Menschen verstärken“, sagt von Rekowski. Das gelte insbesondere für Familien in Großstädten, die in Wohnungen leben, zum Teil ohne Terrasse, Balkon oder öffentlichen Park vor der Haustür.

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Kleingärten in Berlin: Bewerbungsstopp in Mitte

Sie suchen nun nach einem möglichst wohnungsnahen Garten – allerdings ist gerade in den Großstädten das Angebot beschränkt. Rund 70.000 Kleingärten gibt es in Berlin, gut zwei Millionen Privathaushalte wurden zuletzt vom Amt für Statistik Berlin-Brandenburg in der Stadt erfasst. Dass Tausende Menschen auf den Wartelisten für einen Kleingarten stehen, wundert daher kaum.

Der Bezirksverband Wedding der Kleingärtner hat inzwischen reagiert und seine Warteliste geschlossen. Neue Bewerbungen werden auf unbestimmte Zeit nicht mehr angenommen. „Wir haben rund 2000 Parzellen in Mitte und zwischen 5000 und 6000 Bewerber“, sagt der Vorsitzende des Bezirksverbands Klaus Schrage. „Und wir haben etwa 100 Parzellen-Wechsel im Jahr.“ Entsprechend lässt sich ausrechnen, dass in den kommenden Jahren kaum eine Chance auf einen Garten besteht.

Die Zahl der Gärten in dem Bezirksverband an die hohe Nachfrage anzupassen, sei aber kaum möglich. Dass große Parzellen geteilt werden können, sei eher die Ausnahme. Bei vielen liegt die Größe laut Schrage zwischen 200 und 300 Quadratmetern. Diese noch zu verkleinern, hält er nicht für sinnvoll. „Wir können deshalb nur hoffen, dass man uns die Gärten, die da sind, nicht wegnimmt.“

Kleingartenanlage soll neuer Rettungsstelle weichen

In der Vergangenheit seien jedoch immer wieder Parzellen weggefallen, etwa durch Schulerweiterungen. Auch die Kleingartenanlage Nordkap an der Osloer Straße werde wohl weichen müssen, weil das Jüdische Krankenhaus auf dem Areal eine neue Rettungsstelle vorsehe. „Die Kolonie ist Vorhalteland für das Krankenhaus, deshalb werden wir uns nicht wehren. Aber wir möchten neue Gärten haben“, sagt Schrage. Die Chancen stünden zumindest nicht schlecht.

Angespannt ist die Kleingarten-Situation auch in Spandau: In den ersten Monaten dieses Jahres habe es bereits mehr Bewerbungen gegeben als sonst im gesamten Jahr, berichtet der Verbandsvorsitzende Helmut van Heese. 2500 Menschen stehen nun auf der Warteliste für den Bezirk, bei jährlich 180 bis 200 Pächterwechseln. „Im schlimmsten Fall liegt die Wartezeit bei über zehn Jahren, mit mindestens sieben Jahren muss man schon rechnen“, sagt van Heese. Die Chance auf eine baldige Entspannung der Situation sieht er „überhaupt nicht“.

Dabei hält van Heese es für Spandau durchaus für möglich, zusätzliche Gärten durch die Teilung großer Parzellen zu schaffen, die noch aus den Nachkriegsjahren stammen. Allerdings: „Das kostet einen Haufen Geld“, sagt er. 45.000 Euro würde in einem aktuellen Fall der Abriss einer alten Laube kosten, dazu müssten noch neue Zäune errichtet werden, um aus einer Parzelle drei zu machen. Das ganze Potenzial der Teilungen auszuschöpfen, werde sich daher über 20 Jahre hinziehen, glaubt er.

Auch in Charlottenburg ist eine drastische Steigerung der Nachfrage zu spüren. „Uns erreichen zurzeit im Durchschnitt täglich 20 bis 30 Bewerbungen“, sagt Thomas Stolpe aus dem Vorstand des Bezirksverbands. „Wir hatten schon mehr als 3500 Leute auf der Warteliste. Und jetzt kommt der drastische Anstieg dazu.“

Senat will mehr als 80 Prozent der Parzellen dauerhaft sichern

Dass sich grundsätzlich mehr Menschen einen Kleingarten wünschen, ist in dem Verband aber schon seit einigen Jahren zu spüren. „Speziell jüngere Familien mit kleinen Kindern drängen in die Kleingärten. Sie wollen citynah wohnen, aber auch eine citynahe Erholung.“ Deshalb habe man schon seit längerem die Forderung, dass Berlin nicht weniger, sondern mehr Kleingärten brauche. Stattdessen hat aber auch in Charlottenburg die Zahl in der Vergangenheit abgenommen. „In den letzten 20 Jahren sind bei uns weit über 1000 Gärten weggefallen“, sagt Stolpe, aktuell sind es noch knapp 6000.

Der im April vom Senat zur Kenntnis genommene Kleingartenentwicklungsplan sieht vor, 82 Prozent der Berliner Parzellen dauerhaft zu sichern. Rund 0,5 Prozent der Gesamtfläche werden demnach bis 2030 für den steigenden Bedarf an Schulen, Kitas, Sportplätzen oder anderen sozialen Einrichtungen benötigt werden, weitere Flächen für soziale und verkehrliche Infrastrukturmaßnahmen könnten aber hinzukommen. Mit der endgültigen Beschlussfassung durch Senat und Abgeordnetenhaus wird im zweiten Halbjahr 2020 gerechnet.

Landesverband äußerte Kritik am Wegfall weiterer Kleingärten

Kritik an dem Plan gab es vom Landesverband der Gartenfreunde, unter anderem weil keine komplette Sicherung von Parzellen und Kleingartenanlagen vorgesehen sei – trotz der hohen Nachfrage. Man sei ersetzt, dass über die bereits bekannten Flächen hinaus verschiedene Kleingartenanlagen und Parzellen durch weitere gravierende Infrastrukturmaßnahmen betroffen sein werden, hieß es in einer Stellungnahme.

Auch der Bundesverband kritisiert, dass durch unterschiedliche Baumaßnahmen in Berlin teils ganze Kleingartenanlagen weichen müssten. „Gerade wachsende Städte brauchen die grünen Oasen allerdings dringend – für das Klima, für die Natur und ganz besonders für das Wohlbefinden der Menschen und den sozialen Zusammenhalt,“ sagt Sandra von Rekowski. Schutz und Weiterentwicklung von Kleingärten dürften deshalb auch bei steigendem Wohnraumbedarf nicht vernachlässigt werden.

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