Radwege

Per Drohnenflug zum Pollerradweg

Das Berliner Start-up Airteam nimmt Luftbilder von Berliner Straßen auf. Die Planung geschützter Radwege soll dadurch schneller werden.

Moritz Jesch, Carolin Wilke und Thomas Gorski (v.l.) vom Start-up Airteam nutzen die neuen Pop-up-Radwege selbst häufig.

Moritz Jesch, Carolin Wilke und Thomas Gorski (v.l.) vom Start-up Airteam nutzen die neuen Pop-up-Radwege selbst häufig.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Berlin.  Auf die kleine, orangene Fläche mit aufgezeichnetem „H“ setzt Thomas Gorski die Drohne. Wenige Knopfdrücke auf seinem Steuer-Pad, schon steigt das handliche Flugobjekt surrend in die Höhe. Doch Gorski ist kein Hobbypilot, er lässt die Drohne nicht nur zum Spaß in den Himmel steigen. Was er an einem sonnigen Vormittag dieser Woche auf der Lichtenberger Straße in Friedrichshain macht, ist letztlich ein Teil der geplanten Verkehrswende.

Gorski ist Gründer und Chef des Berliner Start-ups Airteam, spezialisiert auf Bildaufnahmen mit Drohnen. Aktuell sind sie im Auftrag des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg unterwegs, die Strecken der bisherigen Pop-up-Radwege zu fotografieren. „Wir nehmen ein digitales Abbild der Straße auf“, erklärt Moritz Jesch, Projektleiter für die Straßenaufnahmen bei Airteam. Dafür nehme die Drohne auf ihrem Flug über die Straße alle zwei bis drei Sekunden ein Foto auf, insgesamt rund tausend Einzelbilder, die anschließend zu einer Datei zusammengesetzt würden.

Heraus kommen sogenannte georeferenzierte hochauflösende Orthofotos. „Man kann auf dem Foto jeden Grashalm sehen“, so Jesch. Die Datei jeder Straße könne schließlich in das System des Bezirksamt integriert werden. Dort werde für gewöhnlich mit schwarz-weißen Rasterkarten gearbeitet. „Mit unseren Aufnahmen erhält der Bezirk die Straße im Ist-Zustand“, erklärt der Airteam-Manager. Ein Foto, auf dem Planer sich die ganze Straße angucken und zentimetergenau vermessen könnten.

Friedrichshain-Kreuzberg geht mit diesem Schritt neue Wege – mal wieder. Als erster Bezirk hatte er Ende März wegen der Corona-Pandemie Pop-up-Radwege ausgewiesen. Bis heute wird die Strategie, Radfahrern kurzfristig sichere, breite Strecken zur Verfügung zu stellen, nirgends in Berlin so konsequent verfolgt wie dort. Mittlerweile hat der Bezirk neun provisorische Radwege mit einer Gesamtlänge von mehr als zehn Kilometern eingerichtet. Doch bei den temporären Maßnahmen soll es nicht bleiben. Wo heute gelbe Streifen und Barken die Strecken markieren, sollen dauerhafte Radwege umgesetzt werden. Auf einem Teil der Verbindungen hat der Bezirk die breiten Poller-Radwege noch für dieses Jahr angekündigt.

An dieser Stelle kommen Jesch und Gorski ins Spiel. Ihre genauen Aufnahmen sollen helfen, den Planungsprozess zu beschleunigen. Auch für Airteam ist das eine bislang ungewohnte Aufgabe. Das Kreuzberger Start-up macht bislang meist Luftaufnahmen von Gebäuden, insbesondere Dächern. Deutschlandweit setzt das Unternehmen dafür auf 500 Piloten. In der Berliner Zentrale beschäftigt Airteam acht Mitarbeiter. Einen Auftrag wie vom Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg hatte das Start-up noch nicht. „Wir selber haben noch nie Straßen vermessen“, so Jesch. Das Projekt sei jedoch eine Herzensangelegenheit. „Wir sind alle passionierte Fahrradfahrer.“ Er und Gorski wohnten in Friedrichshain. Ihr Weg zum Büro am Moritzplatz führe über die neue breite Radinfrastruktur.

Neue Strecken brauchen nur noch zwei bis zwölf Monate

Auch wenn Straßenaufnahmen bislang ein Spezialauftrag sind, an der grundsätzlichen Arbeitsweise ändere sich dadurch kaum etwas. Schon vor dem Start programmieren sie die Route der Drohne ein. Schwebt das kleine Flugobjekt dann los, läuft alles automatisch ab. Lediglich ein Messstab, den die Drohne erkennt, muss auf einem zuvor festgelegten Punkt platziert werden. Mit dem rund 600 Meter langen Abschnitt der Lichtenberger Straße zwischen Strausberger Platz und Holzmarktstraße etwa, seien sie in eineinhalb Stunden fertig. Darin liege ihr großer Vorteil, erklärt Jesch. „Wir sind sehr schnell einsatzbereit. Wenn wir einen Auftrag bekommen, können wir das innerhalb von zwei bis drei Tagen vermessen.“

Genau diesen Vorteil sieht auch Felix Weisbrich, Leiter des Straßen- und Grünflächenamts Friedrichshain-Kreuzberg und Initiator der Kooperation. „Das ist für uns sehr interessant und wichtig, damit wir in die Verstetigung der Radwege kommen.“ Die schnelle Verfügbarkeit der Lagedaten bedeute einen Zeitgewinn von mehreren Wochen, wenn nicht Monaten. Dass viele dauerhafte Radrouten nun schnell kommen könnten, liege aber auch an den schon umgesetzten, provisorischen Strecken. „Die haben ihren Praxistest bestanden“, so Weisbrich. Nun brauche er lediglich genaue Lagebilder, die zeigten, wo welche Schilder und Barken aufgestellt seien. „Die können wir dann an ein Planungsbüro geben, das daraus eine bauliche Umsetzung macht.“ Bei vielen Strecken könnte die Umsetzung der baulichen Radwege damit auf zwei bis zwölf Monate verkürzt werden, hat der Bezirk ermittelt. Bislang waren dafür zwei bis zehn Jahre nötig.

So wie der Bezirk mit der Einrichtung neuer Pop-up-Radwege noch nicht am Ende ist, hat auch Airteam noch einige Strecken zu erfassen. „Fünf Straßen haben wir gemessen“, sagt Jesch. „17 noch in der Pipeline.