Geständnis

Fritz von Weizsäcker-Prozess: „Bin froh, dass er tot ist“

Gregor S. hat gestanden, den Mediziner Fritz von Weizsäcker getötet zu haben. Nach Ansicht eines Gutachters ist S. psychisch krank.

Staatsanwaltschaft - Motiv soll allgemeine Abneigung gegen Weizsäcker-Familie sein

Fritz von Weizsäcker, Chefarzt an der Berliner Schlosspark-Klinik und Sohn von Ex-Bundespräsident Richard von Weizsäcker, wurde am Dienstagabend bei einer Messerattacke getötet.

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Berlin. Als Gregor S. schon fast eine Stunde lang über seinen Mordanschlag auf Fritz von Weizsäcker, den Sohn des ehemaligen Bundespräsidenten, gesprochen hatte, fasste er noch einmal knapp zusammen: „Ich bin froh, dass er tot ist. Für mich war es notwendig.“ Gregor S. gesteht an diesem Dienstagmorgen die Tat ohne ein Zeichen der Reue oder des Mitgefühls. Am 19. November vergangenen Jahres soll S. den Chefarzt der Charlottenburger Schlossparkklinik am Rande eines Vortrages erstochen haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm darüber hinaus versuchten Mord vor. Als der Polizist Ferrid Brahmi versucht hat, S. von der Tat abzuhalten, wurde er vom Täter ebenfalls schwer verletzt.

Gregor S. ist 57 Jahre alt und eine „verkrachte Existenz“, wie er sagt. Verrückt sei er aber nicht. Er sieht seine Unterbringung in der Abteilung für psychisch kranke Straftäter als ein Zeichen der Justiz dafür, ihn mundtot zu machen. Das sieht der Gutachter in diesem Prozess anders. S. zeige Züge von Schizophrenie und einer wahnhaften Störung. S. ist deswegen seit seiner Festnahme im Maßregelvollzug untergebracht.

An diesem Dienstagmorgen nutzt S. den zweiten Verhandlungstag des Prozesses dazu, seine Tat zu rechtfertigen und gewährt Einblicke in seine Welt voller Widersprüche, irritierender Anschauungen und selbstgerechter Überzeugungen. S. ist ein eher schmächtiger Mann mit hageren Gesichtszügen. Er hat eine schriftliche Stellungnahme vorbereitet, die er zunächst vorliest. In ruhigem Ton, ohne ersichtliche Erregung, so, als ob er von einem belanglosen Sonntagsspaziergang erzählt.

Der Angeklagte fühlt sich vom Vietnamkrieg traumatisiert

Ein Zeitungsartikel habe ihn 1991 derart empört, dass er nicht mehr davon loskam. Darin ging es um die Verstrickungen des Chemiekonzerns Boehringer Ingelheim in die Produktion des Nervengases „Agent Orange“, das von den USA im Vietnamkrieg eingesetzt worden sei.

Seit der Lektüre dieses Artikels hegte der Angeklagte einen Groll gegen den ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, der zeitweise Führungspositionen bei Boehringer innehatte. S. gibt von Weizsäcker eine Mitschuld an den Verbrechen des US-Militärs in Vietnam.

Tatsächlich arbeitete von Weizsäcker zwischen 1962 und 1966 für den Konzern. Die Lieferung einer Chemikalie, die zur Herstellung des Nervengifts benötigt wird, erfolgte aber erst 1967.

Solche Einzelheiten interessieren Gregor S. nicht. „Ich bin traumatisiert, da geht man nicht so ins Detail“, antwortet er, als er vom Vorsitzenden Richter auf solche Widersprüche angesprochen wird. Stattdessen beharrt S. auf seiner allgemeinen Wut gegen die Familie von Weizsäcker. Schon im Jahr 2001 habe er den Plan gehabt, Richard von Weizsäcker am Rande eines Tennisturniers in Berlin zu töten. Dieser Versuch sei aber dilettantisch gescheitert.

Danach erweiterte S. die Suche nach potentiellen Opfern für seinen vermeintlichen Racheakt auf weitere Familienmitglieder. Dabei nahm er die Kinder des ehemaligen Bundespräsidenten ins Visier, darunter die Tochter Beatrice, die im Vorstand des Evangelischen Kirchentages tätig ist, und den Mediziner Fritz von Weizsäcker. Er suchte nach Gelegenheiten, sie bei Veranstaltungen zu treffen und nach geeigneten Terminen im Internet. Doch allzu zielstrebig ging S. dabei nicht vor. Erst 2014 will er eine Lesung Beatrice von Weizsäckers als mögliche Tatgelegenheit in Erwägung gezogen haben. Ein Urlaub sei ihm allerdings dazwischen gekommen.

Schließlich sei er auf den Vortrag Fritz von Weizsäckers am 19. November 2019 in der Schlossparkklinik gestoßen und habe die Tat vorbereitet. Am Vortag kaufte er sich ein Messer – das spätere Tatwerkzeug. Am Bahnhof erwarb er die Fahrkarten für die Bahnfahrt von Koblenz nach Berlin, inklusive Rückfahrttickets. Er sei sich nicht sicher gewesen, ob ihm die Tat gelinge und ob er sie tatsächlich ausführen würde, sagt er am Dienstag. „Ich bin ja ein Zauderer.“ Andererseits: „Wenn ich jetzt, wo ich nichts mehr zu verlieren habe, nicht tätig geworden wäre, wäre es eine Schande gewesen“, sagt S. „Dann hätte ich es nie gemacht.“

Die Tat selbst beschreibt S. nur mit knappen Worten. Im Vortragssaal habe er sich zunächst auf einen Platz gesetzt, die Lage eingeschätzt und beschlossen, zunächst abzuwarten. „Dann ging es ganz schnell. Es hat einen Ruck gegeben und ich bin nach vorn gegangen.“ Er habe das Messer gezückt und begonnen, damit auf von Weizsäcker einzustechen. Als ihn der zufällig anwesende Polizist versuchte, von der Tat abzuhalten, habe er an ihm vorbei in Richtung von Weizsäckers gestochen, ihn aber verfehlt. Da habe er gedacht, sein Attentat sei missglückt. Tatsächlich hatte er von Weizsäcker schwer am Hals verletzt. Der Arzt blutete stark und starb kurz darauf.

Auch Ferrid Brahmi wurde schwer verletzt. Töten wollte er ihn nicht, sagt S. „Aber ich habe auch keine Rücksicht genommen.“ Sein Ziel sei allein Fritz von Weizsäcker gewesen. Auch gegenüber Brahmi zeigt der Angeklagte keinerlei Mitgefühl.

Während seiner Schilderung der Tat schüttelt der Polizist Ferrid Brahmi fast durchgängig mit dem Kopf. Wie auch Beatrice von Weizsäcker nimmt er als Nebenkläger an dem Prozess teil. Beide sitzen dem Angeklagten direkt gegenüber, nur wenige Meter voneinander getrennt. Brahmi hat die Tat offenbar ganz anders in Erinnerung. Er wird in der kommenden Woche als Zeuge vor Gericht aussagen.

Aber warum, so fragen sich alle an diesem Dienstag im Saal 700 des Landgerichts, warum richtete sich der Hass des Angeklagten auch gegen den Sohn von Weizsäckers, fragt dann auch der Vorsitzende Richter den Angeklagten? „Für mich macht das Sinn“, sagt Gregor S. „Da war für mich eine gewisse Kontinuität.“ Er habe nicht mitbekommen, dass sich die Familie um die Gewaltopfer des Vietnamkrieges gekümmert hätten, begründet er seine Tat.

Das Gericht wird in den kommenden Wochen versuchen, die Aussagen des Angeklagten zu überprüfen. Wie glaubhaft ist sein Beharren auf einer Traumatisierung durch den Vietnamkrieg, zu dem er selbst keine direkte Beziehung hat, wie S. einräumt? Erste Zweifel daran streut der Vorsitzende Richter durch seine Nachfragen ein. Die Auswertung des Computers des Angeklagten hat ergeben, dass sich S. nicht nur für die öffentlichen Termine der von Weizsäckers interessierte, sondern unmittelbar vor der Tat auch nach dem Begriff „Schuldunfähigkeit“ im Internet suchte. Steckt hinter allen seinen Beteuerungen am Ende womöglich eine Strategie, nicht wegen Mordes verurteilt zu werden, weil er wegen psychischer Krankheiten schuldunfähig sein will?

Gregor S. will sich psychiatrisch untersuchen lassen

Nachdem S. sich bislang geweigert hat, sich von einem Psychiater untersuchen zu lassen, kündigte er am Dienstag ein Umdenken an. Da er nun die Gelegenheit hatte, seinen Standpunkt darzulegen, will er sich den Fragen des Psychiaters stellen.

Mit der Tat scheint auch der schwer nachzuvollziehende Wahn gegen die Familie von Weizsäcker gemildert. „Die Sache ist für mich erledigt“, sagt S. am Ende seiner Einlassung. „Mehr Leid kann ich ihnen ja nicht zufügen.“ Und: „Ich bereue die Tat nicht.“