Bedenklicher Zustand

Bei vielen Brücken besteht dringender Handlungsbedarf

Zurzeit sind 45 der insgesamt 816 landeseigenen Berliner Brücken in einem bedenklichen Zustand. Die Schadensgründe sind vielfältig.

Große Schäden an der Elsenbrücke, die Friedrichshain-Kreuzberg und Treptow-Köpenick verbindet, führten zur Sperrung einer Fahrbahn.

Große Schäden an der Elsenbrücke, die Friedrichshain-Kreuzberg und Treptow-Köpenick verbindet, führten zur Sperrung einer Fahrbahn.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin.  Wer in der Hauptstadt einen krisensicheren Job sucht, sollte Bauingenieur mit der Fachausrichtung Brückenbau werden. Denn schon heute beklagen Senatsverkehrsverwaltung und die bezirklichen Bauämter den Mangel an Fachkräften im Straßen- und Tiefbau.

Dabei hat Berlin in den kommenden Jahren viel vor: Von den rund 816 Brückenbauwerken im Eigentum des Landes Berlin haben nach den aktuellen Zahlen 45 lediglich die Zustandsnote 3,0 oder schlechter bekommen. Dies geht aus einer Liste der Senatsverkehrsverwaltung hervor, die diese auf Anfrage des Abgeordneten Frank Scholtysek (AfD) zusammengestellt hat. Ab dieser Note ist der Bauwerkszustand als nicht ausreichend zu beurteilten. Aufwendige Sanierungen und auch der Bau von Ersatzbrücken sind daher in Planung.

„Die Kriterien für die Zustandsbeschreibung sind Standsicherheit, Verkehrssicherheit und Dauerhaftigkeit. Auf Basis einer handnahen Sichtprüfung erfolgt die Vergabe einer Bauwerksnote“, erläutert Verkehrs-Staatssekretär Ingmar Streese (Grüne). Entsprechend der bei den Prüfungen festgestellten Mängel würden Brücken eine Zustandsnote bekommen.

Aktuell fallen immerhin knapp 200 Brücken in die Kategorie sehr gut und gut (Note 1,0 – 1,9), einen befriedigenden Zustand weisen 392 Brücken auf (Note 2 – 2,4) und als ausreichend gelten 180 (Note 2,5 – 2,9). Ab der Note 3,0 – 3,4 besteht Handlungsbedarf, bei 3,5 – 4,0 sogar dringender. „Diese jeweiligen Brücken haben Mängel, die die Standsicherheit und Verkehrssicherheit des Bauwerks beeinträchtigen“, so der Staatssekretär weiter. Die Dauerhaftigkeit des jeweiligen Bauwerks könne nicht mehr gegeben sein.

Streese weist darauf hin, dass die Liste von Bauwerken im Eigentum des Landes Berlins mit einem Zustand „nicht ausreichend“ oder schlechter tagesaktuell variiere, ,,da zwischenzeitlich abgeschlossene Instandsetzungsmaßnahmen den Zustand verbessern oder Erkenntnisse aus weiteren durchgeführten Bauwerksprüfungen zusätzliche Erkenntnisse ergeben“ hätten. So waren im März noch 52 Brücken die Kategorie 3,0 und schlechter zuzuordnen, im April war ihre Zahl dann auf 45 gesunken.

Kommentar: Brückenneubau darf kein Opfer der Corona-Krise werden

Brücken in Berlin: Verbindungswege jahrelang abgeschnitten

Nicht alle maroden Brücken haben für den Verkehrsfluss in Berlin eine übergeordnete Bedeutung. Doch auch, wenn Fußgängerbrücken gesperrt werden müssen, ist das zumindest für die Anwohner ein echtes Ärgernis. So war beispielsweise die Klappbrücke an der Humboldtmühle in Tegel bereits vor Jahren im Zuge von Bauarbeiten der Wohnhäuser und Tiefgaragen auf der Humboldtinsel beschädigt worden. Grund für die jahrelangen Verzögerungen bei der Instandsetzung der Brücke sollen unzureichende Planungsunterlagen, die der Investor dem Senat vorgelegt hatte, sein.

Deutlich kritischer wird es dagegen, wenn wichtige Verbindungen in den Bezirken betroffen sind, wie beispielsweise die mehr als 100 Jahre alte Moltkebrücke in Steglitz-Zehlendorf. Aufgrund von Schäden am Tragwerk der Moltkebrücke ist ein Ersatzneubau dringend erforderlich, heißt es in der Verkehrsverwaltung. Die 1909 errichtete Brücke am S-Bahnhof Botanischer Garten verbindet über die Gleise hinweg die Ortsteile Lichterfelde und Steglitz und dient zudem als einzige Zuwegung zum S-Bahnhof.

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Seit bei der letzten Hauptprüfung 2016 eine Zustandsnote von 3,5 und deutliche Beeinträchtigungen der Standsicherheit und Dauerhaftigkeit festgestellt wurden, ist die Brücke dauerhaft lastbeschränkt und seit 2017 nur noch in eine Richtung befahrbar. Die Gehwegbereiche sind sogar vollständig gesperrt. Der Fuß- und Radverkehr wird über die für den Kfz-Verkehr gesperrte Fahrspur geführt.

Vor Beginn der Abbrucharbeiten werden zwei Behelfsbrücken für die Aufrechterhaltung der Wegeverbindung errichtet. „Nach aktuellem Planungsstand ist davon auszugehen, dass voraussichtlich ab Ende 2020, Anfang 2021 mit Verkehrseinschränkungen infolge weiterer vorbereitender Maßnahmen“ für den Brückenneubau zu rechnen ist, teilt die Behörde mit. Wann das Projekt abgeschlossen sein soll, teilt die Verwaltung nicht mit.

Richtig problematisch wird es dagegen, wenn die großen Spreequerungen wie die Elsenbrücke bröckeln. Die im Sommer 2018 an der Elsenbrücke festgestellten umfangreichen Schäden führten zu einer sofortigen Sperrung der südlichen Brückenseite für den Autoverkehr und erfordern einen Ersatzneubau für die 1968 errichtete Brücke, die die Bezirke Friedrichshain-Kreuzberg und Treptow-Köpenick miteinander verbindet. Mit den Bauarbeiten für das insgesamt 50 Millionen Euro teure Projekt wurde bereits begonnen. Zunächst muss eine Behelfsbrücke errichtet werden, die Anfang 2022 betriebsbereit sein soll. 2028 soll die neue Elsenbrücke dann komplett sein.

Rudolf-Wissell-Brücke wird neu gebaut

Auch die Allende-Brücke über die Müggelspree in Treptow-Köpenick gehört zu einer der wichtigsten Verkehrsverbindungen im Südosten Berlins. 2014 musste der Westteil der Brücke aufgrund von Schäden gesperrt und seit 2017 für einen Neubau abgerissen werden. Im Januar 2019 musste aufgrund von Betonrissen dann jedoch auch der andere Brückenteil gesperrt werden. Seit November kann der Verkehr über den ersten neugebauten Brückenteil rollen, der zweite Brückenteil soll 2021 fertig sein.

Der spektakulärste Brückenneubau in der Hauptstadt wird das Ersatzbauwerk für die marode Rudolf-Wissell-Brücke sein. Diese ist als Autobahnbrücke nicht im Besitz des Landes, sondern gehört dem Bund. Diese 1958 bis 1961 errichtete Brücke der Stadtautobahn A100 ist mit ihren 930 Metern Länge nicht nur die längste Brücke Berlins, aktuell befahren zudem täglich rund 180.000 Fahrzeuge die Brücke. Damit gehört die Brücke zu den besonders extrem belasteten Autobahnabschnitten Deutschlands. Das Spannbeton-Bauwerk mit insgesamt sechs Fahrstreifen hat einen kritischen Zustand erreicht und muss ersetzt werden.

Der Abbruch soll nach den derzeitigen Plänen frühestens 2023 beginnen. In der kommenden Woche werden zur Vorbereitung des Bauvorhabens Probebohrungen auf der A 111 im Bereich Kurt-Schumacher-Damm in Fahrtrichtung Jakob-Kaiser-Platz vorgenommen.