Corona-gerechtes Feiern

Vatertag in Berlin: „Seien Sie flauschig wie das Einhorn“

Wenige Bollerwagen, ruhige Parks: Der Vatertag verläuft wegen der Pandemie in Berlin etwas anders als sonst.

Kevin, Tim, Paul, David und Felix aus Königs Wusterhausen (v.l.) feiern mit Bollerwagen, Bowle und lauter Musik im Treptower Park in Berlin Treptow ihren Herrentag. Foto: Jörg Krauthöfer / FUNKE Foto Service 

Kevin, Tim, Paul, David und Felix aus Königs Wusterhausen (v.l.) feiern mit Bollerwagen, Bowle und lauter Musik im Treptower Park in Berlin Treptow ihren Herrentag. Foto: Jörg Krauthöfer / FUNKE Foto Service 

Foto: Joerg Krauthoefer / FUNKE Foto Services

Berlin.  Sie versuchen, alles richtig zu machen. Ärger gibt es trotzdem schon nach wenigen Minuten. Kevin (24), Tim (23), Felix (21), Paul(25) und David (25) sind am Vormittag aus Königs Wusterhausen mit der S-Bahn samt Bollerwagen in den Treptower Park gefahren und haben eine Art corona-gerechtes Männerlager aufgebaut. Sie sitzen im Kreis in großen Abständen auf der Wiese, neben sich jeweils Bier, Zigaretten und Schutzmasken.

Auch Desinfektionsmittel liegt bereit. In der Mitte steht, wie der heilige Gral, ein Farbeimer voller Sangria. „Erdbeeren, Himbeeren, Campari, Orangensaft, Sekt“ fasst David das Rezept des Gebräus zusammen. Weil aus einer mitgebrachten Box tiefe Bässe durch den Park wummern, eilt in diesem Moment eine erboste ältere Dame im Joggingdress herbei. „Das hört man zwei Kilometer weit, macht das sofort aus!“

Es gibt eine Diskussion, aber vielleicht weil der Alkoholspiegel am Vormittag noch niedrig ist oder auch weil sich sonst an dem Lärm niemand stört, einigt man sich auf halbe Lautstärke, und die Dame joggt weiter. Polizei oder Ordnungsamt sind nicht zu sehen.

Vatertag in Berlin, das bedeutet eigentlich: Männergruppen machen sich mit Bollerwagen voller Getränke ins Grüne auf, um sich gute Laune anzutrinken. Seit angeblich mehr als hundert Jahren ist es dasselbe – Christi Himmelfahrt bedeutet in der Hauptstadt Spaß für die einen, aber Herausforderung für die anderen, die die Natur gern ohne Gedrängel und Gegröle genießen möchten. Dieses Jahr hat die Polizei zudem schon im Vorfeld ausdrücklich auf die immer noch geltenden Kontaktbeschränkungen hingewiesen: Angehörige von maximal zwei Haushalten dürfen sich treffen, müssen aber den Mindestabstand von 1,5 Metern einhalten, der generell gilt.

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Vatertag in Berlin: Nicht überall klappt es mit den Abstandsregeln

Während andere Städte wie Bremen im Vorfeld sogar Bollerwagen verboten haben, kündigte die Berliner Polizei nur an, man werde zwar „vorbereitet und aufmerksam“ sein, Verbote für bestimmte Plätze oder Orte gebe es aber nicht. Überhaupt versucht es die Polizei zunächst mit Humor. „Bitte seien Sie bei Ihren Ausflügen wie das Einhorn, freundlich und flauschig“, twittert sie am Donnerstagmorgen, „man sieht Einhörner selten. Sie treten wohl nicht großen in Gruppen auf.“

Es sind zunächst die Sportler, die in den sonnigen Himmelfahrtstag starten. Yoga und Jogging im Treptower Park, Radfahrerpulks im Tiergarten, Volleyball und Boule in der Hasenheide. Selbst im Kreuzberger Partykiez am Landwehrkanal herrscht am Mittag beschauliche Stimmung. „Ohne das Virus wäre ich sicher nicht hier“, sagt Angler Rüdiger Wedlat. Als der 62-Jährige um Ufer des Urbanhafens einen dicken Fisch aus dem Wasser zieht, bleiben ein paar Neugierige in angemessener Distanz stehen. An Himmelfahrt gebe es hier in anderen Jahren „zu viele Betrunkene, zu laute Musik, zu viele Kähne“, sagt der Angler und lässt die etwa zwei Kilo schwere Brasse vorsichtig wieder ins Wasser gleiten. Es ist schon die zweite heute. Doch Wedlat hofft auf einen Karpfen.

Auf dem Landwehrkanal ziehen Schlauchboote und Kanus vorbei – die Ausflugsschiffe liegen noch in den Häfen, auch Kremserwagen dürfen noch nicht fahren. Wie soll man da feiern? Marielle, Marie, Anja, Carmen und Melina aus Lichtenberg und Köpenick haben sich für Tretboot und Picknick entschieden, Treffpunkt: Treptower Hafen. „Wir wohnen in zwei Haushalten und nehmen zwei Boote, um die Abstandsregeln einzuhalten“, sagen sie gut gelaunt. Warum keine Männer dabei sind? „Wir feiern den Herrentag emanzipiert.“

Nicht überall klappt es mit den Abstandsregeln so gut. Am Spreeufer schwindet mit steigendem Alkoholpegel die Vernunft. Ein Pulk muskelbepackter Männer stößt mit Bier an. Eine Ecke weiter lallt ein Mann angesichts eines Ordnungsamt-Teams: „Wir jehörn z’sammn“, und lehnt sich an einen wildfremden anderen.

Bis nachmittags sei der Vatertag weitgehend störungsfrei verlaufen, sagte eine Polizeisprecherin. In den Parks hielten sich viele Menschen auf, jedoch verteilt durch die Größe der Grünanlagen. Gegen 14.30 Uhr bat die Polizei auf Twitter, vom S-Bahnhof Treptower Park „nicht pulkweise über die Promenade in den Park zu strömen“, sonst werde der Eingang geschlossen. Am Müggelsee sperrten Beamte den gut besuchten Uferbereich am Biergarten „Rübezahl“. Insgesamt sei die Polizei über den Tag mit bis zu zu 350 Kräften in der Stadt im Einsatz gewesen, so die Sprecherin.

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