TXL vor dem Aus

Die Schließung des Flughafens Tegel spaltet Berlin

Die Corona-bedingte Schließung des Flughafens TXL entfacht eine Debatte um das endgültige Aus für den City-Airport.

Berlin: Flughafen Tegel vor dem Aus

Der Berliner Flughafen Tegel steht vor dem vorzeitigen Aus: Bereits am 15. Juni kann der Airport vorläufig schließen. Ob Tegel bis zur geplanten Eröffnung des neuen Flughafens BER nochmal öffnet, hängt von der Entwicklung der Coronavirus-Pandemie ab.

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Berlin. Für die Freunde des Flughafens Tegel ist es ein „fataler Fehler“, während die Gegner des Berliner City-Airports von einem „längst überfälligen Schritt“ sprechen: Um Betriebskosten zu sparen, wird der wichtigste Flughafen Berlins, der Flughafen Tegel, am 15. Juni vorübergehend außer Betrieb gehen. Darauf haben der Bund und die Länder Berlin und Brandenburg sich am Mittwoch in einer Gesellschafterversammlung geeinigt. Unter Berlins Politikern sorgt diese Entscheidung für ein geteiltes Echo.

„Berlin braucht Tegel – mehr denn je. Wir müssen schnellstmöglich wieder Gäste begrüßen, die ihre Geld in unsere Stadt tragen. Dafür brauchen wir einen funktionierenden Flughafen“, kritisierte Sebastian Czaja, Vorsitzender der FDP-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus die Entscheidung. Die Abfertigungskapazitäten am BER würden nicht zuletzt auf Grund der geltenden Hygieneregeln niemals ausreichen, so die Befürchtung des FDP-Chefs. „Die Schließung des Flughafens Tegel ist ein fataler Fehler“, ergänzte Czaja.

Flughafen Tegel: Grüne halten Weiterbetrieb für finanziell nicht machbar

Ähnliche Befürchtungen äußert auch die CDU: „Leider bleibt die Frage unbeantwortet, wie die Berliner Flughäfen angesichts der Abstandsauflagen in der Coronakrise mit nur einem Terminal in Schönefeld den zunehmenden Flugverkehr abwickeln will“, so der CDU-Wirtschaftsexperte Christian Gräff.

Die rot-rot-grüne Berliner Regierungskoalition dagegen befürwortet die Entscheidung. „Die Entscheidung, den Flughafen Tegel zu schließen, war lange überfällig. Das ist nicht nur für die von Fluglärm geplagten Anwohnerinnen und Anwohner eine gute Nachricht. Wir können uns angesichts des Zusammenbruchs des Luftverkehrs und der Kosten der Coronakrise einen Weiterbetrieb von TXL schlicht nicht leisten“, sagte Harald Moritz, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen.

Am Mittwoch hatte Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup erneut betont, dass es angesichts des coranabedingten Einbruchs bei den Passagierzahlen notwendig sei, Kosten zu sparen. Gerade mal 2000 Fluggäste gab es zuletzt an den beiden Berliner Flughäfen, normal ist das 50-fache. Daher sei es wirtschaftlich geboten, den geringen Flugverkehr an einem Standort zu bündeln – in Schönefeld. Und wenn sich das in den nächsten Wochen nicht komplett ändert, geht Tegel in weniger als vier Wochen außer Betrieb – zwölf Jahre nach der Schließung des citynahen Airports Tempelhof. Beantragt ist bei der Luftfahrtbehörde zunächst eine vorübergehende Schließung, für zwei Monate.

Nach ähnlichem Muster hatte Paris am 1. April seine Flughafen Orly geschlossen und die Flüge zum Flughafen Charles de Gaulle verlegt. Es ist aber unwahrscheinlich, dass Tegel im August noch einmal für zwei, drei Monate aufmacht. Am 31. Oktober soll ohnehin der neue Hauptstadtflughafen BER eröffnet werden – und dieses Mal könnte das wirklich klappen.

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TXL schließt: Standortwechsel für Fluggesellschaften weitere Belastung

Nach jahrelangem Bauchaos hat die Bauaufsicht das Terminal vor Kurzem freigegeben. Der Probetrieb hat begonnen. „Wenn ich 50.000 Gäste habe, geht Tegel direkt wieder ans Netz“, hatte Lütke Daldrup kürzlich erklärt. „Ich bin aber ehrlich gesagt nicht sehr optimistisch, dass wir in wenigen Monaten wieder 50.000 Gäste haben.“

Die Fluggesellschaften dürften ohnehin wenig Freude daran haben, für ein paar Wochen noch zwei Mal umzuziehen. „In der aktuellen Krise, die uns ohnehin enorm fordert, ist das eine weitere Belastung“, kommentierte die Lufthansa den kurzfristigen Standortwechsel. Mit mehr als 24 Millionen Fluggästen im vergangenen Jahr ist Tegel unter den deutschen Standorten die Nummer vier nach Frankfurt, München und Düsseldorf.

Schönefeld an der südöstlichen Stadtgrenze in Brandenburg ist kleiner, dort waren es gut elf Millionen Passagiere. Mit dem Ende Tegels werden mehrere Hunderttausend Berliner vom Fluglärm entlastet. Wegen seiner Nähe zur Innenstadt und der kurzen Wege innerhalb der Terminals hat der Flughafen aber auch viele Anhänger.

Die bereits heute schon gespenstische Leere am Flughafen Tegel hat Konsequenzen: Erholen sich die Passagierzahlen in den nächsten Wochen nicht deutlich, wird der Flughafen wegen der Coronakrise ab dem 15. Juni in eine zweimonatige Betriebspause geschickt. Das haben der Bund und die Länder Berlin und Brandenburg am Mittwoch beschlossen. Eine Entscheidung, die in der Hauptstadt für heftige Diskussionen sorgt: Vor allem wegen seiner Nähe zur Innenstadt hat der Flughafen sowohl Gegner als auch sehr viele Freunde.

„Ein guter Tag für Berlin und endlich Ruhe im Norden!“, reagierten besonders die Vertreter des Bündnisses „Tegel schließen. Zukunft öffnen“, Klaus Dietrich und Janik Feuerhahn auf die Nachricht von der vorgezogenen Schließung. „Für uns Anwohner ist das eine dankenswerte Lärmpause – nach Jahrzehnten der Dauerbeschallung mit Fluglärm“, so die Sprecher des Bündnisses. Die Gesellschafter sollten jetzt konsequent sein und Tegel gleich endgültig zumachen, fordern sie weiter. Auch die Hubschrauberstaffel sollte sofort in das Regierungsterminal nach Schönefeld umziehen.

Die Berliner Linken fordern eine endgültige Tegel-Schließung

So verständlich die Freude der lärmgeplagten Anwohner ist: Bei einem Volksentscheid im September 2017 hatten allerdings 56,4 Prozent der Wahlberechtigten dafür gestimmt, den Flughafen parallel zum BER weiterzubetreiben. Das Votum hatte aber keine Gesetzeskraft, und die rot-rot-grüne Regierung entschied 2018, den Volksentscheid nicht umzusetzen.

Auch der Bund als Mitgesellschafter des Flughafens hatte trotz der drastisch gesunkenen Passagierzahlen lange an Tegel festgehalten. Noch Ende März hatte der Bund durchgesetzt, dass Tegel offen bleibt. Die Infrastruktur sollte gerade wegen der Corona-Krise flexibel verfügbar bleiben, hieß es zur Begründung. Bedenken hatte der Bund auch, weil das neue Regierungsterminal in Schönefeld noch nicht betriebsbereit war.

In den vergangenen Tagen hat sich aber ein Kompromiss angedeutet. Das Gebäude wird im Eiltempo fertig eingerichtet. Dann kann der Bund noch nach Schönefeld umziehen, bevor Deutschland im Juli die EU-Ratspräsidentschaft übernimmt. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte, für die Bundesregierung bleibe entscheidend, dass die Erreichbarkeit Berlins uneingeschränkt gewährleistet sei.

Die Berliner Linken fordern, dass aus der zunächst temporären nun eine endgültige Schließung werden soll. „Eine Wiederinbetriebnahme des Flughafens Tegel halten wir vor dem Hintergrund der momentanen Corona-Krise für unverantwortlich und wirtschaftlich nicht tragbar“, betonte der Sprecher und Obmann des Untersuchungsausschusses BER II der Linksfraktion, Carsten Schatz.

Ähnlich sieht es Harald Moritz, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen: „Wir können uns angesichts des Zusammenbruchs des Luftverkehrs und der Kosten der Coronakrise einen Weiterbetrieb von TXL schlicht nicht leisten. Wir wollen lieber in die Zukunft schauen und die Nachnutzung von Tegel als buntes neues Stadtquartier vorantreiben“, sagte Moritz. Nach den Plänen des Senats soll ab 2021 im Bereich des Flughafens Tegel ein Forschungs- und Industriepark für urbane Technologien, die „Berlin TXL – The Urban Tech Republic“ entstehen.

Berliner FDP hält Schließung von Tegel für falsch

In der direkten Nachbarschaft zur Urban Tech Republic soll zudem das Schumacher Quartier, ein Viertel mit mehr als 5000 Wohnungen für rund 10.000 Menschen entstehen. Weitere 4000 Wohnungen sind in den Quartieren Cité Pasteur und TXL Nord geplant.

FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja hält die vorgezogene Schließung für falsch: „Berlin braucht Tegel mehr denn je. Wir müssen schnellstmöglich wieder Gäste begrüßen, die ihr Geld in unsere Stadt tragen“, so der Liberale. Die Abfertigungskapazitäten am BER werden nicht zuletzt aufgrund der geltenden Hygieneregeln nicht ausreichen. „Und auch angesichts der desolaten finanziellen Lage der Flughafengesellschaft ist es töricht, jetzt die einzige Einnahmequelle versiegen zu lassen“, gibt er zu Bedenken.

Auch die Berliner AfD lehnt die vorgezogene Schließung ab. „Funktionierende Infrastruktur gibt man nicht auf. Schon gar nicht in der Krise“, so der AfD-Flughafenexperte Frank Hansel. Auch die Sparargumente würden zu kurz greifen: „ Der Flugverkehr wird wieder auf das Vor-Corona-Niveau zurückkehren. Und dann brauchen wir Tegel dauerhaft“, ist Hansel überzeugt.