Corona-Krise

Diese Menschen halten die Stadt am Laufen

Ein Feuerwehrmann transportiert Corona-Infizierte, eine Altenpflegerin kümmert sich um Demenzkranke: Wir stellen Alltagshelden vor.

Sascha Baron in der Feuerwache Suarezstraße.

Sascha Baron in der Feuerwache Suarezstraße.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. Ein Feuerwehrmann transportiert Corona-Infizierte, eine Altenpflegerin kümmert sich um Demenzkranke, und ein Sozialarbeiter sorgt dafür, dass Jugendliche durchhalten: Lernen Sie hier sechs Alltagshelden der Stadt in der Corona-Krise kennen.

Durch den Job die Gefahr des Virus erst erfasst

„Auf der ,Wache Suarez‘ haben wir einen Intensivtransportwagen, einen sogenannten Verlegungswagen, mit dem wir auch Corona-Patienten von einem Krankenhaus in ein anderes bringen“, sagt Sascha Baron. „Während der Fahrt werden die Patienten intensivmedizinisch betreut und beatmet. Da sieht man das bislang Unsichtbare, das Virus, direkt vor sich.“ Baron fuhr auch Intensivpatienten, die deutlich jünger waren als die gemeinhin genannte Risikogruppe. „Ich hatte einen Mann im Alter von 40 Jahren im Rettungswagen“, sagt er. „Als ich diesen schwer erkrankten Patienten gesehen habe, habe ich ein anderes Gefühl für diese Gefahr bekommen, mir wurde richtig mulmig.“

Baron ist Hauptbrandmeister und Notfallsanitäter bei der Berliner Feuerwehr. Seit 2010 arbeitet er auf der Wache an der Suarezstraße in Charlottenburg. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie hat sich vieles für ihn und seine Kollegen im Dienst geändert. „Anfangs wusste doch kaum einer, wer sich wie anstecken kann, welche Maßnahmen überhaupt helfen und wie man sich schützen kann“, sagt der 39-Jährige.

Während der Brandbekämpfung tragen alle Atemschutzmasken, da sei das Risiko einer Ansteckung nicht so groß, sagt er. „In den Einsatzfahrzeugen tragen wir alle Masken, aber auf der Wache verbringen wir viel Zeit mitein­ander“, sagt der Hauptbrandmeister. „Wir wissen, dass jeder die Gefahr ernst nehmen muss.“

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Einkaufsservice für die Kunden der Galeries Lafayette

So lange die Galeries Lafayette an der Friedrichstraße in Mitte geschlossen war, ging Sylvie Bouton für ihre Kunden dort shoppen. Sie und ihre Kollegen im Kunden-Service boten Besuchern Ende April an, in den Filialen des Warenhauses die gewünschte Kleidung zu suchen und ihnen zur Anprobe zu bringen. „Wir haben dann links vom Eingang eine kleine Garderobe aufgestellt. Die Leute haben immer geduldig gewartet, bis ich ihnen die Sachen gebracht habe “, sagt Bouton. Zu diesem Zeitpunkt war es Kaufhäusern noch nicht erlaubt, die komplette Fläche für den Besucherverkehr zu öffnen. Durch ihren Service habe sie Menschen zu dieser Zeit ein Stück Normalität beim Einkauf wiedergeben können, sagt die 49-Jährige. Schminke war in den ersten Tagen besonders gefragt. Viele Frauen haben Bouton gebeten, ihnen ein bestimmtes Make-up oder einen Lippenstift an den Eingang zu bringen.

Seit der Wiedereröffnung des Kaufhauses am 11. Mai steht Bouton wieder am Info-Stand im 1. Stock. Etwas ungewohnt sei die Arbeit während der Corona-Krise. „Es ist schade, dass man die Mimik der Menschen hinter den Atemmasken nur teilweise sieht“, sagt sie. Doch auch dem Tragen der Masken kann sie etwas Positives abgewinnen. So freut sie sich, wenn Besucher ihr erzählen, wie sie ihren bunten Atemschutz selbst genäht haben.

Sie und ihre Kollegen tragen ebenfalls Maske und reinigen sich mehrmals am Tag die Hände. „Angst vor dem Coronavirus habe ich bei der Arbeit nicht, aber ich nehme die Krankheit ernst und befolge die Sicherheitsmaßnahmen“, so Bouton weiter. Eine Plexiglasscheibe vor dem Infostand schützt sie vor Ansteckung. Da Bouton ihren Job gerne macht, waren die Wochen während der Schließung schwierig für sie. Umso größer die Freude, als sie wieder in Kontakt mit Kunden und Kollegen kam. Und der hektische Alltag im Kaufhaus hat sich nun entspannt: „Die Kunden sind nicht mehr so gestresst wie vor der Krise. Sie haben mehr Ruhe und Geduld. Und zeigen mir viel Dankbarkeit.“ Die Kaufhaus-Mitarbeiterin erkennt in der Krise eine Chance für mehr Solidarität unter den Menschen. Dennoch bedauert sie, dass Körperkontakt noch immer verboten ist. „Früher habe ich Kol­legen und Kunden mal umarmt oder ihnen ein Küsschen gegeben. Jetzt fehlt mir das sehr“, sagt sie.

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Mehr Dank, mehr Trinkgeld beim Lieferservice

Maurice Althaus fährt seit September des vergangenen Jahres für den Lieferdienst Lieferando mit dem Fahrrad durch Berlin. Der 20 Jahre alte Abiturient ist dabei nicht für ein bestimmtes Restaurant unterwegs. Über sein Smartphone bekommt Althaus den Abholort mitgeteilt und erfährt auch, wohin er das Essen bringen soll. Mit dem orangenen Rucksack auf dem Rückend strampelt er dann zu dem Kunden. Wegen der zahlreichen geschlossenen Gaststätten hatten zuletzt wieder mehr Berliner Mahlzeiten bestellt. Althaus berichtet, dass sich seine Kunden während der Pandemie durchaus dankbarer und großzügiger zeigen als zuvor.

„Oft schreiben mir Leute einen kleinen Zettel mit ,Danke‘ und Herzchen drauf und legen dann etwas Geld dazu. Ich habe auch schon mal zehn Euro bekommen. Das Trinkgeld ist zu Corona-Zeiten deutlich besser geworden“, sagt der junge Berliner. Althaus hält dennoch Distanz zu seinen Kunden. Das hatte Lieferando auch seinen Fahrern vorgeschrieben. Das Essen stellt Althaus dann auf den Rucksack vor die Tür des Empfängers, dann klopft oder klingelt er und geht einen Schritt zurück. Die Bezahlung erfolgt über das Internet.

Maurice Althaus sagt, dass er ganz gut von seiner Arbeit als Fahrer leben kann: Zehn Euro Brutto-Stundenlohn erhält her, hinzu kommt ein Bonus, der mit der Anzahl der ausgefahrenen Bestellungen steigt, und das Trinkgeld. Althaus will trotzdem bald studieren.

Beziehung zu Kindern auch in Corona-Zeiten nicht abbrechen lassen

Eines ist für Osman Tekin besonders wichtig: Im Neuköllner Kinder- und Jugendzentrum „Manege“ arbeitet nicht nur ein Held des Alltags, sondern viele. „Wir sind ein Team von 30 engagierten Menschen, teilweise ehrenamtlich“, sagt der 32-jährige Sozialarbeiter, „und wir haben kreative Lösungen gefunden, um die Beziehung zu den Kindern auch in Corona-Zeiten nicht abbrechen zu lassen.“ Tekin weiß dabei, wie wichtig Jugendclubs für die Entwicklung Heranwachsender, ihre Familien und den Kiez sind. Er, der wie die meisten seiner Schützlinge aus Neukölln stammt, hat seine eigene Kindheit und Jugend nämlich selbst in der „Manege“ verbracht. Dieser Hintergrund motiviert ihn.

„Normalerweise betreuen wir 80 bis 100 Kinder täglich mit Lernbegleitungen und Freizeitaktivitäten. Der Großteil stammt aus sozial schwächeren Familien.“ Als die Einrichtung wegen der Pandemie schließen musste, war daher Fantasie gefragt, um zumindest einige der Kinder noch zu erreichen: „Den Familien fiel die Decke auf den Kopf. Teilweise leben hier bis zu sieben Geschwister in drei Zimmern. Man hatte nicht einmal den öffentlichen Spielplatz, um Dampf abzulassen.“ Die Lösung wurde über Kanäle wie Instagram, WhatsApp, Telegram und Zoom gefunden. „Wir bieten jetzt ein digitales Wochenprogramm an. Hierzu gehören Foto-Challenges, interaktive Gartenarbeit, gemeinsames Musikhören, Online-Spielturniere, Quiz und Experimente in Kooperation mit der TU Berlin.“

Leider hätten jedoch nicht alle Familien die technischen Voraussetzungen hierzu – ebenso wenig wie zum E-Learning. „Die Familien waren mit der schulischen Situation sehr überfordert“, sagt Tekin, „der Druck, alle Schulaufgaben zu Hause machen zu müssen, war enorm.“ Deswegen lag ein besonderer Fokus der „Manege“ während der Corona-Zeit auf digitaler Lernbegleitung und entlastender Hausaufgabenhilfe, soweit dies eben möglich war.

„Besonders schlimm ist für mich, dass ich die vielen Fragen der Kinder zu dem Virus nicht beantworten kann“, gibt Tekin zu, „ich weiß leider selbst nicht, wann das alles wieder vorbei ist und der Alltag wieder anfängt.“ Ganz langsam kehrt derweil zumindest ein Stück Normalität zurück. Im Juni hat die „Manege“ wieder geöffnet – für Kleingruppen von vier bis sechs Kindern, nur für Projektarbeit und Workshops. „Es ist ein wichtiger erster Schritt“, sagt Tekin.

Pflegebedürftige im Heim so gut schützen wie möglich

Gisela Patschäke kümmert sich um an Demenz erkrankte Menschen, wäscht sie, versorgt sie mit Essen. „Ich bin total verliebt in meinen Job“, sagt die 63-Jährige aus Marzahn. Seit mehr als 30 Jahren arbeitet sie als Pflegerin im Seniorenheim. Mehr als zehn davon im „Park Alterssitz City“ in Wilmersdorf. Nach all den Jahren ist es auch für sie eine Umgewöhnung, nun mit Mundschutz und Handschuhen zu arbeiten. Das ständige Desinfizieren ist für sie mittlerweile zur Normalität geworden. „Für mich wäre es das Schlimmste, wenn sich auch nur einer mit dem Virus infizieren würde und ins Krankenhaus müsste.“ Glücklicherweise sei dies bisher nicht der Fall gewesen.

Viel mehr Kummer bereite ihr etwas ganz anderes: „Wie erkläre ich den Senioren, dass sie ihre Familien nur noch unter besonderen Schutzmaßnahmen sehen dürfen?“ Gerade die an Demenz erkranken Senioren könnten nur schwer verstehen, was gerade passiert. Da sei viel Sanftmut und Feinfühligkeit gefragt. „Natürlich belastet mich die Situation sehr“, so die Altenpflegerin. Seit der Krise sei ihr Team noch enger zusammengewachsen. „Ich habe so viel Herzlichkeit erfahren. Wir unterhalten uns viel über unsere Ängste und trösten uns gegenseitig.“ Wenn die Corona- Krise endlich vorbei ist, wünscht sich die Seniorenpflegerin, dass ihr Berufsstand weiterhin einen hohen Stellenwert behält und nicht plötzlich wieder vergessen wird.

So viele Pakete wie sonst nur kurz vor Weihnachten

Die Pakete übergibt Rohit Muhretja seit Wochen nur noch kontaktlos. Er stellt sie vor die Tür, wartet auf den Empfänger und verabschiedet sich anschließend. Seit Beginn der Corona-Krise hat er ähnlich viel zu tun wie kurz vor Weihnachten. Das sei eine große Herausforderung. Aber er sei schon ein alter Hase in seinem Job, sagt der 43-Jährige. Seine Erfahrung und Routine helfe ihm dabei.

Seit 22 Jahren arbeitet Muhretja bei der DHL als Zusteller. Seine tägliche Tour führt ihn durch Schöneberg. Er sei froh, dass er seinen Job weiter machen konnte. Bei den Kunden habe er viel Zuspruch und Anerkennung bekommen. Einmal habe er eine Retoure mitgenommen, auf der ein Zettel mit den Worten „an den lieben Paketboten“ stand. Manchmal bekommt Muhretja auch ein kleines Trinkgeld. „Die Menschen sind sehr dankbar, dass wir weiterhin zustellen“, sagt er.

Viele Empfänger, so der Paketbote, hätten Angst, sich anzustecken. Er habe davor keine Angst. Er habe schon Schlimmeres gesehen in anderen Teilen der Erde. Einen Mundschutz trägt er während seiner Tour nicht. Er habe zwar einen zur Verfügung gestellt bekommen, tragen müsse er ihn aber nicht. Morgens, bevor Muhretja in den Transporter steigt, freut er sich immer noch über einen kurzen „Schnack“ mit seinen Kollegen. Auf der Tour allerdings vermisst er die kurzen Gespräche mit Kunden, denn einige kenne er mittlerweile ganz gut.