BVG-Vorstand

BVG: „Höhere Ticketpreise sind nicht in der Diskussion“

Die BVG will trotz Finanzsorgen 90 weitere E-Busse kaufen, sagt Betriebsvorstand Rolf Erfurt. Auch für neue U-Bahnlinien hat er Pläne.

Durch den starken Rückgang der Fahrgastzahlen brach bei der BVG eine der Haupteinnahmequellen zusammen.

Durch den starken Rückgang der Fahrgastzahlen brach bei der BVG eine der Haupteinnahmequellen zusammen.

Foto: Christoph Soeder / dpa

Berlin. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) wollen trotz roter Zahlen weiter investieren. „Wir schauen natürlich, wo wir Einsparungen vornehmen können. Aber es sind jetzt keine großen Restrukturierungen oder Kostensenkungswellen geplant. Wir haben mit dem Nahverkehrsplan große Ziele für Berlin vor, und wir müssen Investitionen in die Strecken und die neuen Fahrzeuge tätigen“, sagte BVG-Betriebsvorstand Rolf Erfurt im Gespräch mit der Berliner Morgenpost.

Die BVG hat 2019 mit einem Minus von 58 Millionen Euro abgeschlossen, weil das Land die Kosten der Tariferhöhung nicht übernommen hat. Auch die Corona-Pandemie hat die BVG schwer getroffen. „Die Fahrgelderlöse sind unsere Haupteinnahmequelle. Wir gehen davon aus, dass uns dadurch eine halbe Million am Tag fehlt“, sagte Erfurt. Trotz der Finanzsorgen wollen die Berliner Verkehrsbetriebe 90 weitere Elektrobusse kaufen. Lesen Sie hier das komplette Interview.

Herr Erfurt, die Corona-Krise sorgt bei vielen Bauprojekten für Verzögerungen. Hat die Pandemie auch Auswirkungen auf die Großbaustelle der BVG, den Lückenschluss der U5?

Rolf Erfurt Es hat bislang zum Glück keine Auswirkungen auf den Lückenschluss der U5. Die Arbeiten sind planmäßig weitergelaufen. Ich war vergangene Woche noch vor Ort. Wir gehen weiterhin fest von einer Eröffnung und Inbetriebnahme bis Ende dieses Jahres aus.

Mittlerweile fährt die BVG wieder im Regelbetrieb. Zuletzt wurde das Angebot in der Corona-Krise jedoch deutlich reduziert. War der Eingriff in Betracht der Infektionsgefahr verhältnismäßig?

Wir wussten alle nicht, wie stark die Auswirkungen der Corona-Krise werden. Aber wir mussten uns auf einen Marathon und keinen Sprint einstellen. Wir hatten an einem Wochenende die Situation, dass Ausgangssperren diskutiert wurden, da war ein ganz hohes Maß an Unsicherheit da. Daher mussten wir mit Personal und Material haushalten. Bei der U-Bahn haben wir bemerkt, dass das vielleicht zu viel war und haben dann nachgesteuert. So haben wir in Summe das Angebot um 13 Prozent reduziert, aber 75 Prozent weniger Fahrgäste gehabt.

Die Fahrgastzahlen sind eingebrochen, Ticketeinnahmen fehlen. Überall ist deshalb derzeit die Rede von der Krise des öffentlichen Nahverkehrs. Wo sehen Sie die größten Probleme?

Es geht darum, unsere Busse und Bahnen wieder voll zu kriegen. Natürlich fehlen uns noch viele Touristen und Messebesucher, auch die Schulen sind nicht wieder normal geöffnet. Unsere Hauptaufgabe ist es nun, unseren Fahrgästen wieder ein sicheres Gefühl zu geben, wenn sie mit unseren Fahrzeugen unterwegs sind. Die Maskenpflicht trägt da sicherlich zu bei.

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Was möchten Sie sonst noch unternehmen, um das verloren gegangene Vertrauen zurückzugewinnen?

Wir haben in der Corona-Pandemie die Reinigungsintervalle erhöht. Das werden wir beibehalten. Auch dass sich die Fahrzeugtüren automatisch öffnen, werden wir beibehalten, sofern das technisch möglich ist. In den Bussen werden wir wahrscheinlich Schutzscheiben direkt beim Fahrer einbauen. Dann können die nicht so schönen Plastikfolien raus und es können wieder Fahrkarten verkauft werden. Zudem haben wir alle großen Unternehmen in Berlin gefragt, ob sie ihren Schichtbetrieb so organisieren wollen, wie wir das in den Werkstätten machen. Da fangen nicht zehn Leute gleichzeitig an, sondern wir haben eine Stunde Wechselphase. So ist die Schichtzeit entzerrt worden. Das hilft uns natürlich auch, wenn nicht zehn Leute gleichzeitig zur U-Bahn kommen, sondern nur zwei. Von ersten Unternehmen haben wir gehört, dass das auf positive Resonanz stößt.

Mit den Fahrgästen sind auch die Fahrkarteneinnahmen weggebrochen. Wie sehr trifft das die BVG?

Die Fahrgelderlöse sind unsere Haupteinnahmequelle. Wir gehen davon aus, dass uns dadurch eine halbe Million am Tag fehlt. Das ist massiv für uns. Intern haben wir geschaut, wo wir Einsparmaßnahmen vornehmen können. Dass man in so einer Situation nicht ganz so viel Marketing macht, liegt auf der Hand. Wir haben auch etwas weniger Personalaufwand, weil sich Einstellungen verzögert haben. Wir sparen aber nicht am Personal im betrieblichen Bereich. Die ganzen Ausbildungen laufen weiter. Wir gucken eher, ob im administrativen Bereich jede Stelle jetzt besetzt werden muss. Daneben haben wir die günstigen Energiepreise am Markt genutzt und uns für eine längere Zeit mit Diesel eingedeckt. Da ist ein hoher einstelliger Millionenbetrag an Einsparungen herausgekommen. Das ist ein richtiger Hebel für uns gewesen.

Könnte es dennoch nötig werden, auch beim Fahrangebot den Rotstift anzusetzen?

Wir schauen natürlich, wo wir Einsparungen vornehmen können. Aber es sind jetzt keine großen Restrukturierungen oder Kostensenkungswellen geplant. Wir haben mit dem Nahverkehrsplan große Ziele für Berlin vor, und wir müssen Investitionen in die Strecken und die neuen Fahrzeuge tätigen. Das läuft auch weiter. So haben wir auch mitten in der Corona Pandemie den größten U-Bahnauftrag in der Geschichte der BVG vergeben.

Durch den reduzierten Takt waren weniger U-Bahnen im Einsatz. Wieso wurde die Zeit nicht besser genutzt, um die Züge von Graffiti zu reinigen?

Wir haben in den Werkstätten die Wartungsarbeiten für die Fahrzeuge vorgezogen, da haben die Kollegen wirklich vorgearbeitet. Jetzt liegen wir deutlich über der Zahl an Fahrzeugen, die wir im Betrieb brauchen. Wir haben auch weiterhin fleißig gereinigt. Allerdings ist die Zahl der Graffitischäden stark angestiegen. In der Werkstatt Grunewald fallen typischerweise 800 Quadratmeter besprühte Zugwand in der Woche an. Da haben wir jetzt 1200 Quadratmeter. Die Menge der Graffitischäden ist also um ein Drittel hochgegangen. Als der Lockdown begann, gingen bei uns die Graffiti-Zahlen hoch. Die Sprayer haben offensichtlich Zeit gehabt.

Durch die Corona-Krise hat sich die Auslieferung neuer Busse verzögert. Auch konnten die Mitarbeiter nicht weiter ausgebildet werden. Inwiefern trifft das den Betrieb?

Inzwischen laufen die Ausbildungen wieder. Aber wir haben auch schon im letzten Jahr mehr Fahrer eingestellt, als wir eigentlich brauchen. Von daher trifft uns das betrieblich nicht. Ja, es gibt momentan Verzögerungen bei den Buslieferungen. Wir sind aber auf oberster Ebene mit unseren Lieferanten im Gespräch, dass wir da die Auswirkungen so gering wie möglich halten. Wie viele Busse es genau betrifft, kann ich aktuell noch nicht sagen. Wir erwarten aber, dass die coronabedingten Verzögerungen aufgeholt werden.

Was erwarten Sie sich in dieser Situation von der Politik?

Ich wünsche mir weiterhin Rückenwind von der Politik für den ÖPNV. Wenn man die Automobilindustrie unterstützen möchte, kann man das Geld auch gerne in die Anschaffung neuer Busse mit neuen Technologien investieren. Da sind wir auch ein guter Konjunkturmotor und wohl zuverlässiger, als wenn man jetzt wieder Abwrackprämien ausschüttet. Wir sind aktuell in der Diskussion mit dem Senat und dem Bund. Es ist die Rede von einem ÖPNV-Rettungsschirm, den es vom Bund geben soll. Da versuchen wir, möglichst viel Geld für Berlin zu bekommen.

Das vergangene Jahr haben sie mit einem Minus von 58 Millionen Euro abgeschlossen, weil es für die Kosten der Tariferhöhung keine ausreichende Übernahme vom Land gab. Gerade ihre Belegschaft ist nicht erfreut darüber.

Ich bedauere es auch sehr, dass es zu keiner Einigung gekommen ist. Das ist nicht schön. Wir haben sehr intensiv und konstruktiv mit allen beteiligten Senatsverwaltungen bis zum Ende gerungen, ob wir noch eine Lösung für das letzte Jahr finden. Die hat sich dann leider nicht mehr ergeben. Aber wir müssen jetzt nach vorne blicken. Für dieses Jahr haben wir die Mehrkosten, die durch den Tarifvertrag entstanden sind, gesichert. Da gibt es eine verbindliche Vereinbarung mit dem Senat. Und ab September werden die Kosten über den neuen Verkehrsvertrag abgedeckt. Nach vorne raus sind wir da also sicher.

Von der Arbeitnehmerseite gab es auch Kritik, dass trotz der Finanzlücke der Ausbau der E-Busflotte uneingeschränkt weitergeführt werden soll.

Ich kann die Enttäuschung der Arbeitnehmer nachvollziehen. Man darf aber deswegen jetzt nicht die Investitionen in die Zukunft stoppen. Es geht darum, dass wir in Berlin Technologievorreiter sind. Dass wir den Mut haben, auch mal neue Sachen auszuprobieren und die Förderbescheide, die es Seitens der Bundesregierung gibt, auch nutzen. Wenn wir die Mittel nicht abrufen, dann nutzt sie irgendeine andere Stadt.

Die Bundesförderungen für E-Busse sind an Lieferfristen gebunden. Sind diese in Gefahr durch die aktuelle Situation?

Wir arbeiten sehr eng mit dem Bundesverkehrsministerium zusammen. Wir haben auch mit dem Haus von Frau Günther eine entsprechende Absichtserklärung zur Finanzierung der notwendigen Investitionen in die nächste Ausbaustufe der Elektromobilität unterzeichnet, also nicht nur für die Busse, sondern auch für die Ladestationen und Betriebshöfe. Wir gehen davon aus, dass wir mit dieser Grundlage auch die Gelder aus den Förderbescheiden des Bundes abrufen können.

Zwischen Verkehrsverwaltung und BVG gab es zuletzt deutlich unterschiedliche Ansichten zur Höhe der Kosten der Elektrifizierung. Da haben Sie sich nun also geeinigt?

Es geht um die nächste Hochlaufphase für 90 weitere 12m-Elektrobusse. Diese Busse, werden erstmal auf unserem Betriebshof Indira-Ghandi-Straße aufgeladen und gewartet. Perspektivisch kommen die Busse dann vom neuen Betriebshof an der Minna-Todenhagen-Brücke zum Einsatz. Hierzu haben wir uns über die Summe und die Modalitäten verständigt.

Auch beim ab Herbst geltenden Verkehrsvertrag ist noch die Finanzierung großer Summen offen. Ist da mittlerweile eine Einigung in Sicht?

Wir gehen davon aus, dass wir noch in diesem Monat die wesentlichen Eckpunkte mit dem Land abschließen werden. Dazu gehören natürlich auch die finanziellen Rahmenbedingungen. Wir sind noch in den Verhandlungen, aber wir haben unsere Kalkulationen transparent offen gelegt. Da waren auch bestimmte Forderungen aus der Politik mit dabei, die wir entsprechend bepreist haben. Jetzt laufen die Diskussionen, ob man diese Anforderungen seitens der Politik wirklich durchsetzen möchte, oder ob man aufgrund der Haushaltslage auf bestimmte Anforderungen verzichtet, um zu einer Einigung zu kommen.

Führt die Krise also dazu, dass man am angestrebten Angebot für die Zukunft Abstriche machen muss?

Nein, die Krise hat dazu bislang nicht geführt. Aktuell ist weiter der Nahverkehrsplan die Marschrichtung.

Um die Einnahmenausfälle auszugleichen wird über einen Schutzschirm diskutiert. Die Frage ist jedoch, ob der alle Finanzsorgen lösen kann. Wird in Anbetracht dessen auch über eine Erhöhung der Ticketpreise nachgedacht?

Wir müssen wieder alle Energie darauf verwenden, möglichst viele Berliner und Touristen in unsere Fahrzeuge zu bekommen. Eine Erhöhung der Ticketpreise ist da momentan nicht in der Diskussion.

Mittlerweile liegen die ersten drei Machbarkeitsstudien für die Verlängerung von U-Bahnlinien vor. Welche neue Strecke hielten Sie grundsätzlich für die wichtigste?

Man sollte sicherlich über eine Flughafenanbindung der U7 an den BER nachdenken. Am einfachsten ist aber die Verlängerung der U3 zum S-Bahnhof Mexikoplatz. Da haben wir schon ein Stück Tunnel, da ist märkischer Sand, wir müssen nur einmal durchbohren und dann hat man einen Lückenschluss, der die Systeme U- und S-Bahn verbinden würde. Diese Überlegungen gibt es. Bautechnisch sehr schwierig ist hingegen die Anbindung der U6 an die Urban Tech Republik. Aber die Entscheidung muss im politischen Raum getroffen werden. Dann werden wir das auch schnell umsetzen.

Seit Monaten wird über die Zukunft des Berlkönigs gesprochen. Der Senat hat nun nochmal bekräftigt, für einen Betrieb in der Innenstadt kein Geld geben zu wollen. Ist das Projekt damit gestorben?

Gestorben ist das Projekt nicht. Wir arbeiten weiter mit unserem Partner ViaVan daran, das Angebot grundsätzlich für Berlin zu erhalten. Wir arbeiten gerade an anderen Möglichkeiten, den Berlkönig einzusetzen zum Beispiel um die ÖPNV-Anbindung in Berlin auf der ersten und letzten Meile am Stadtrand zu verbessern, indem man Verbindungen zu großen ÖPNV-Stationen aufbaut. Das Knowhow von ViaVan liegt ja darin, dass sie unglaublich gut Angebot und Nachfrage zusammenbringen. Wir konnten den kostenlosen Berlkönig für das Gesundheitswesen erweitern und verlängern, ohne dass wir mehr Geld reingeschossen haben. Das geht, weil ViaVan mit extrem guten Algorithmen feststellen kann, wann und wo welche Nachfrage entsteht und die Fahrzeuge entsprechend effizient einsetzen kann. Ich hoffe, dass wir aus dieser Technologie auch noch etwas für unser Kerngeschäft lernen.

Wie sollte ein Betrieb in den Außenbezirken denn finanziert werden?

Dazu gibt es interne Studien, die wir mit der Senatsverwaltung diskutieren. Es ist eine Entscheidung der Verkehrsverwaltung, ob sie den Berlinern so ein Angebot im Rahmen des Verkehrsvertrags machen will. Man kann auch überlegen, ob es bei unserem Nachtbuskonzept eventuell alternative Einsatzmöglichkeiten gibt, um die kleinen Fahrzeuge neben den großen Bussen als Rufbussysteme zu installieren. Es geht nicht darum den Berlkönig zu retten, sondern um die Verbesserung des ÖPNV in Berlin.

Ist denn absehbar, ob und wann der Berlkönig seinen regulären Betrieb wieder aufnehmen wird?

Wir beobachten das fast täglich. Der Berlkönig ist natürlich stark vom grundsätzlichen Verkehr in der Stadt abhängig. Wir hoffen aber, dass wir im Juni wieder mit dem regulären System starten können.

Sehen Sie durch die Krise im ÖPNV eine Situation, wo innovative Projekte schneller Probleme bekommen können?

Da einen Rotstift anzusetzen würde bei den hohen Beträgen, die uns fehlen, nicht weiterhelfen. Deshalb gehe ich davon aus, dass innovativen Themen wie Jelbi und Seemeile weiterlaufen werden.

Unabhängig von Corona gibt es schon seit längerem Probleme bei den U-Bahnfahrzeugen im Großprofil. Wie ist da derzeit die Lage?

Bei der Zuverlässigkeit sind wir in den letzten Monaten extrem gut gewesen und deutlich besser als im Vorjahr. Die Reduzierung des Takts 2019 war ja eine Reaktion auf die Probleme. Aber wir sind mittlerweile auch bei der Verfügbarkeit der Fahrzeuge besser geworden. Natürlich brauchen wir die neuen Wagen, aber wir sehen stand heute mit den aktuellen Fahrzeugen keine weiteren Einschränkungen kommen.

Im neuen Geschäftsbericht heißt es, dass die Busse und Straßenbahnen auf den Straßen zu langsam vorankommen. Haben da das Land und die Bezirke zu wenig für die Beschleunigung des ÖPNV getan?

Es wurden seitens der Senatsverwaltung über 20 Kilometer zusätzliche Busspuren angeordnet. Die Initiative, die man von den Bezirken bei den Pop-up-Radwegen sieht, würde ich mir auch bei den Busspuren wünschen, damit die Anordnungen, die aus dem Haus von Frau Günther gekommen sind, auch vor Ort umgesetzt werden. Das ist schon zäh.