Corona in Berlin

Corona-Tagebuch: Nachrichten aus dem Untergrund

Demonstrationen nehmen zu. Videos können Freundschaften entzweien. Friseure kommen kaum zum Luftholen. Corona-Tagebuch, 11. Teil.

Menschenleere Treppe im Hauptbahnhof Berlin.

Menschenleere Treppe im Hauptbahnhof Berlin.

Foto: Reto Klar / Funke Foto Services

Berlin. Das Wochenende steckte mir in dieser Woche mehr in den Knochen, als ich es zugeben wollte. Die Demonstration vom Sonnabend wollte mir nicht aus dem Kopf gehen. Rund um den Alexanderplatz waren Menschen versammelt, die Angst vor einer Zwangsimpfung hatten und sich als Corona-Rebellen bezeichneten. Sie hielten weder einen Mindestabstand ein noch ließen sie sich von der Polizei an die Regeln erinnern. Als es zu Rangeleien kam, verließ ich die Demo.

Zu Hause holte ich die Zeitung hervor, die von den Demonstranten verteilt wurde. Auf Seite 1 steht groß der Satz: „Das Virus ist nicht das Problem.“ Auf den nachfolgenden Seiten wird so getan, als sei das Grundgesetz komplett außer Kraft gesetzt und Deutschland befinde sich in einer Diktatur. Bebildert ist das Magazin mit Fotos aus dem Film StarWars (Todesstern und Prinzessin Leia), als wäre es Zeit, dass uns nur noch Jedi-Ritter vor dem „Impfperium“ beschützen könnten. Es wird schnell klar, dass es in dieser Woche vor allem um Verschwörungstheorien gehen wird.

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Montag. Der Tag beginnt im Grunde friedlich. Ich höre morgens durch das offene Fenster ein Geräusch, dessen Ausbleiben mir nicht einmal aufgefallen war: Das Klackern eines Rollkoffers auf dem Kopfsteinpflaster. Ich schaue hinaus und sehe eine Frau mit einem großen Koffer in Richtung U-Bahn laufen. Als ich davon später einem Freund erzähle, antwortet er, es könne auch eine gescheiterte Ehe sein. Touristische Reisen sind schließlich noch nicht erlaubt.

Mittags schaue ich meine erste Verschwörungstheorie auf YouTube an, eine Freundin hatte es auf Facebook geteilt. Sie stellte sich hinter die These, Bill Gates stecke hinter allem. Zugegeben, das Video von Ken Jebsen, dass sie verlinkt hatte, ist wirklich haarsträubend schlecht recherchiert. Er behauptet durchweg Dinge, die von verschiedenen Faktenfindern längst widerlegt sind. Wie kommt man dazu, dem zu glauben? Sie bekommt aus ihrem Freundeskreis recht harsche Kritik. Einer kündigt ihr „sowohl offline als auch online die Freundschaft“. Ich schreibe einen Kommentar, aber lösche ihn wieder. Man muss sich ja nicht überall einmischen.

Infizierte in Berlin: 6269, Tote: 165.

Dienstag. Morgens erreicht mich eine E-Mail aus Südkorea. Das Fernsehen habe über den Fall der angegriffenen und beleidigten Südkoreaner in der Berliner U-Bahn berichtet, ich sehe die U7 in dem YouTube-Link und eine koreanische Moderatorin, die immer wieder „Be-le-lin“ erwähnt. Ich hatte die beiden Betroffenen ja schon vor ein paar Tagen interviewt und mir ihre Geschichte angehört. Aber dass dieser fremdenfeindliche Angriff im 8000 Kilometer entfernten Seoul wirklich zu einer Nachricht wird, hätte ich nicht gedacht.

Den Tag verbringe ich damit, durch Berlin zu fahren und verschiedene Restaurant-Besitzer zu interviewen, wie sie zur bevorstehenden Wiedereröffnung am Freitag stehen. Der Besitzer eines Italieners in Wilmersdorf bleibt mir besonders im Kopf. Er sagt, dass er es vor der Pandemie gerade geschafft hatte, sein Restaurant im Kiez bekannt zu machen, als plötzlich niemand mehr kam. Wie er mit 40 Prozent der Plätze überhaupt auf einen nennenswerten Umsatz kommen kann, weiß er nicht. Er sagt, dass sein Bruder ein Restaurant in Karlshorst betreibe. „Dort kamen Leute aus dem Kiez vorbei und kauften viele Gutscheine“, sagt er. Diese Welle der Unterstützung habe ihn bisher nicht erreicht.

Als ich nach Hause komme, liegt bei meinen Nachbarn ein Paket für mich. Als ich klingele, fragt sie, was der Club „Berghain“ mir schicken würde. Ich erkläre ihr, dass ich zwei Fanschals bestellt habe. Ein Schal, der in Orange auf Schwarz den Namen des Clubs quer über die Länge des Schals gedruckt hat – wie sonst nur bei Fußball-Clubs üblich. Das ideale Geburtstagsgeschenk für Nicht-Berliner.

Abends schaue ich den Film „Infokrieger“ in der ARD-Mediathek. Ein junges Reporterteam hat Erfinder von Verschwörungstheorien gefragt, warum sie tun, was sie tun. Im Film erklären ehemalige Mitarbeiter von YouTube, wie Filterblasen entstehen und Twitter-Nutzer, warum sie Falschmeldungen verbreiten. Wirklich erstaunlich ist eine Szene am Ende des Films. Da besuchen die Reporter einen „Peter“ in Uruguay, der sich „Uru-Guru“ nennt und für mehrere Fakenews-Seiten aus Deutschland das Impressum stellt. „Du findest in deutschen Medien keine Wahrheiten“, sagt Peter. „Es gibt so viele Lügen, die Wahrheit kann dir nur das Bauchgefühl sagen.“ Er kämpfe von Uruguay aus gegen die „komplette Zerstörung Deutschlands“. Er glaubt das wirklich.

Infizierte in Berlin: 6294, Tote: 170.

Mittwoch. Am Mittwoch gehe ich zum Friseur, laut Reservierungs-App sollte ab 13 Uhr „Markus“ für mich Zeit haben. Markus kommt zu mir nach draußen auf eine Bank, wo ich mich zum Warten hingesetzt habe. Er wolle selbst kurz verschnaufen. „Seit wir wieder geöffnet haben, sind alle Mitarbeiter nonstop im Einsatz“, sagt er und zeigt auf die weit auseinanderstehenden Frisierstühle. „Du kannst mir ja hier draußen schon mal sagen, wie ich schneiden soll.“

Beim Frisieren trägt er die ganze Zeit eine Maske und hat auch für Kunden immer einige auf Vorrat. Dank des Online-Buchungssystems muss er nicht per Hand ein Buch führen über seine Kunden. Beim „Ohren-Frei“-Machen muss er extra aufpassen. „Ich hab neulich jemandem eine Glatze nachrasiert und dabei das Gummiband an der Maske erwischt.“ Der Kunde musste dann nichts für den Haarschnitt zahlen.

Nachmittags rufen meine Eltern aus Sachsen an. Sie haben gerade Besuch vom jüngsten Spross der Familie. Der Zweijährige ruft „Telefon“ ins Telefon und es wird Zeit, dass ich mich auch mal wieder blicken lasse. Es heißt, dass ab dem Wochenende auch Sachsen wieder Besuche von außerhalb zulässt. Als könnte sie Gedanken lesen, schickt meine Nichte (12) ein Bastelvideo. In zwei Minuten von der Tafelsalz-Verpackung zum Mini-Kleiderschrank. Schere, Pinsel, Heißkleber — „und den Türknauf nicht vergessen!“ Wenn die Krise noch länger dauert, wird sie TikTok-Königin.

Abends ist der Terminkalender voll, ich stolpere von einem Telefonat zum nächsten. Zuerst habe ich Klavierunterricht per Skype. Ich staune, was mein Lehrer alles hört. „Versuch die Töne bei der Tonleiter alle gleichlaut zu drücken“, sagt er, und: „Im Takt 16 muss es ein As statt einem Ges sein.“ Anschließend erzählt er, dass seine Freundin schwanger sei. Ich hatte mich schon die ganze Zeit über seine gute Laune gewundert. Aber schon allein um seine Frau zu schützen, wird wohl der Unterricht weiter per Video-Chat laufen.

Als ich auflege, starte ich gleich den nächsten Konferenz-Anruf. In Video-Chat meiner Väter-Gruppe erzählt einer, der mit der Mutter nicht in einem Haushalt wohnt, dass er vor sechs Wochen Vater geworden sei. Sein Kind durfte er bisher nur über Video sehen. Die Mutter hatte wegen Corona zuviel Angst. „Erst gestern habe ich die Kleine zum ersten Mal im Arm gehalten.“ Wir fragen: Wie war’s? Er sagt: „Wahnsinn, es gab sofort eine Verbindung.“ Er hofft schon deshalb, dass die Lockerungen nicht wieder zurückgenommen werden.

Infizierte in Berlin: 6338, Tote: 173.

Donnerstag. Morgens wache ich sehr früh auf, weil ich wieder zum Sport mit einer Freundin verabredet bin. Wir haben uns zwei Wochen nicht gesehen, konnten aber den Streit inzwischen beilegen. Der hatte auch mit diesem Tagebuch zu tun, denn das Abwägen, welche Information „für die Öffentlichkeit“ bestimmt ist und was ein „geschützter Raum“ bleiben muss, ist auch für mich nicht immer ganz eindeutig.

Auf Sport habe ich allerdings wenig Lust an diesem Morgen. Nach dem Sprint die Treppen im Friedrichshain den Berg hinauf bin ich außer Puste. Ich mache halbherzig ein paar Übungen, bei denen mein Körper unschön mitwippt und schaue eher fasziniert einer Gruppe dreier Sportler zu, die per Lautsprecher ein ziemlich hartes Training durchzieht – aber irgendwann schauen sie zurück und ich achte wieder mehr auf mich.

Auf dem Rückweg komme ich am La Tazza vorbei, jenem Café, in dem ich mich einmal mit Christian Y. Schmidt getroffen habe. Seit neun Wochen haben wir uns nur per Skype gesehen. Ich frage, ob er jetzt Zeit hat. Wir kaufen uns einen Kaffee und setzen uns auf eine Bank mit Abstand zueinander. Kommende Woche, verabreden wir uns, soll unser letztes Treffen sein für dieses Tagebuch.

Das machen wir dann wieder im Café. Doch schon heute ziehen wir eine kleine Bilanz. Ich frage ihn, ob er eigentlich einmal falsch gelegen habe. „Ich dachte“, sagt er, „dass es bei uns schlimmer wird als in Italien.“ Er habe damit gerechnet, dass die Intensivstationen überfüllt sein werden. „Aber das wird wohl erst einmal nicht passieren – es sei denn, die Verschwörungsgläubigen machen wirklich Massenveranstaltungen mit 500.000 Teilnehmern.“

Auch Schmidt hat von den wöchentlich größer werdenden Demonstrationen gehört. Er habe sich einen „von den Einpeitschern“ angeschaut, sagt er, einen gewissen Heiko Schrang. „Der erzählte irgendetwas von vielen Wassertropfen, die zusammen eine Welle ergeben, die man nicht aufhalten kann.“ Schauerlich seien die Thesen gewesen. „Es war intellektuell schwach und rhetorisch ebenfalls nicht gut, aber durch die permanente Wiederholung des Immerselben erreicht er sein Publikum.“ Ken Jebsen hat Christian Y. Schmidt noch persönlich kennen gelernt. „Wir haben vor 20 Jahren beide für die Pro7 Morning Show gearbeitet.“ Jebsen war da für Straßenbefragungen zuständig. „Leute mit suggestiven Fragen vorführen – das fand ich damals schon unangenehm.“

Schmidts Arbeit für Pro7 endete mit einem schlimmen Arbeitsunfall. Er war bei einer Führung durch die neuen Produktionsstudios in ein nicht abgesperrtes Loch gestürzt, dreieinhalb Meter tief. Der Sturz pulverisierte buchstäblich seinen Oberschenkel. Als wir zurücklaufen, sehe ich, dass er leicht humpelt. „Ich muss bis zu meinem Lebensende Einlagen in den Schuhen tragen, um das kürzere Bein auszugleichen.“

Wieder zurück in meiner Wohnung, stehen wieder Videokonferenzen an. Ich merke zu spät, dass ich noch meine Jogginghose anhabe und achte darauf, dass ich nicht aufstehe. Zum Glück sind die Kollegen ohnehin abgelenkt, weil der Sohn einer Kollegin immer wieder eine Frage hat. Ich vermute, er findet es heimlich ganz lustig, dass er live in das Arbeitstreffen der Mutter hineinplatzt. Aber die Grundstimmung der Arbeitsgruppe ist ohnehin recht entspannt.

Infizierte in Berlin: 6393. Tote: 177.

Freitag. Morgens schaue ich ein Video der Bild-Zeitung, die den Rapper Sido im Garten gefilmt haben. Er geht auf die Journalisten los. Das alles eskaliert natürlich in einer Situation, in der Prominente in dieser Woche immer wieder Verschwörungstheorien verbreiten. Ich schalte um auf Instagram, dort sehe ich, dass das KaDeWe wiedereröffnet hat. Jemand nennt es „Kaufhaus der Wehmut“.

Es ist ein sonniger Tag, als ich in Richtung des Cafés „Lola was here“ aufbreche, um zwei Frauen zu interviewen, die seit 27 Jahren am Flughafen Tegel gearbeitet haben. Sie sagen, dass der Hauptterminal seit Wochen ein Geisterterminal sei und Corona dem angeschlagenen Flughafen jene Ruhe gönne, die ihm vor acht Jahren versprochen wurde. Nachdem wir eine Stunde über Tegel geredet haben, versuchen wir einen Fototermin auszumachen. Dabei erzählen die beiden Frauen von Krankenhaus-Terminen ihrer Verwandten und wie sehr sie das alles emotional mitnehme.

Wir sitzen im Abstand zueinander, der Kaffee wird mit Maske serviert. Ich lerne, dass auch das Sprechen der Serviererin erst erlaubt ist, wenn sie wieder in einem Abstand zu unserem Tisch steht. Diese neuen Regeln werden am ersten Tag noch eingeübt. In der Ecke sitzt ein Stammkunde mit Sekt und liest ein dickes Buch. Er bleibt neben uns der einzige Gast in dem sonst sehr beliebten Café.

Am Abend lädt ein Freund zu einem ersten Feierabendbier nach Kreuzberg in eine unserer Stammkneipen. Erst sagen mehrere zu, doch nachdem auch ich innerhalb einer halben Stunde nicht auftauche, fährt er frustriert nach Hause. Mir war ein längerer Anruf dazwischen gekommen – und irgendwie steckt mir die Aussage von Christian Drosten am Donnerstag in den Knochen, dass wir jetzt in der Phase seien, die dem „Tanz mit einem Tiger“ gleiche.

Infizierte in Berlin: 6424, Tote: 181.

Sonnabend. Die Freundin von Montag hat das Ken-Jebsen-Video inzwischen gelöscht. Dafür hat sie ein Video eines „Intensivmediziners“ verlinkt, der sich vor allem durch ein Stethoskop um seinen Hals legitimiert. Er warnt davor, dass Wissenschaftler nur Angst erzeugen wollen. Aber diese Angst sei unberechtigt. Dieses Mal kommentiere ich, allerdings nur mit einem Video von Christian Drosten, in dem er „scheinbare Fachleute“ kritisiert. Sie antwortet mit einem „Lach-Smiley“ und schreibt, sie könne Drosten nicht mehr ernst nehmen, weil er bei der Schweinegrippe im Jahr 2010 falsch gelegen habe. Im „Spiegel“ steht diese Woche, dass man laut der Extremismusforscherin Natascha Strobl Anhänger von Verschwörungstheorien mit Argumenten nicht erreichen kann.

Infizierte in Berlin: 6428, Tote: 181.

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