Botschafter von Südkorea

„Die Ängste unter Koreanern in Deutschland nehmen zu“

Der Botschafter von Südkorea äußert sich zu der Attacke auf zwei Koreaner am U-Bahnhof Fehrbelliner Platz vor zwei Wochen.

Botschafter Bum Goo Jong.

Botschafter Bum Goo Jong.

Foto: pa

Bum Goo Jung ist Botschafter der Republik Korea in Berlin. Mit ihm haben wir über die Attacke auf ein koreanisches Pärchen vor zwei Wochen in der Berliner U-Bahn gesprochen.

Herr Jong, wie haben Sie von dem Vorfall in der U-Bahn gehört?

In der Nacht zum Samstag hat uns das betroffene koreanische Studenten-Ehepaar über den Notruf der Botschaft über den Vorfall benachrichtigt. Der zuständige Botschaftsmitarbeiter hat umgehend den Polizisten am Tatort telefonisch kontaktiert.

Ist es das erste Mal, dass Sie von einem derartigen Vorfall gehört haben?

Laut Berliner Polizei kam es in diesem Jahr zu rund 50 Vorfällen wegen Beleidigungen und Attacken im Zusammenhang mit Covid-19. Bei 14 Prozent dieser Fälle handelt es sich um Asiaten. Je weiter sich das Coronavirus in Deutschland ausbreitet, desto mehr nehmen die Fälle zu, in denen Menschen nur aufgrund ihres Aussehens beleidigt oder körperlich angegriffen werden.

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Wie beurteilen Sie das Vorgehen der Polizei?

Viele Menschen sind enttäuscht und empört darüber, dass die Polizei diese Tat nicht als fremdenfeindlich einordnet. Das lässt Raum für Spekulationen, dass die Polizei solche Angelegenheiten nicht ernst nimmt. Bei Angriffsfällen unterscheidet sich die Perspektive des Opfers sehr von der des Täters. Der Täter würde in diesem Fall wohl sagen, es sei eine Lappalie ohne böse Absicht. Aber aus der Sicht des Opfers ist es eine Tat, die seine Würde verletzt.

Was können Sie tun?

Die Botschaft der Republik Korea hat am Montag, den 27. April, mit dem attackierten Studenten-Ehepaar ein ausführliches Gespräch geführt und steht mit ihm im engen Kontakt. Beide sind von dem Vorfall so tief getroffen, dass sie bis jetzt unter den psychischen Folgen leiden. Die Botschaft stellt dem betroffenen Ehepaar juristische Beratung zur Verfügung. Darüber hinaus hat die Botschaft an den für diesen Fall Verantwortlichen bei der Polizei ein Schreiben eingereicht, mit der Bitte, den Angriffsfall unverzüglich und rechtlich zu untersuchen. Außerdem haben wir eine Mitteilung auf die Homepage der Botschaft gestellt, um ähnlichen Fällen vorbeugen zu können.

Was erwarten Touristen aus Asien, wenn sie nach Europa kommen – muss mit ähnlichen Vorfällen gerechnet werden?

Deutschland ist für Koreaner ein attraktives Reiseziel. Letztes Jahr haben mehr als 340.000 Koreaner die Bundesrepublik besucht. In Korea hat die Attacke auf das koreanische Studentenpaar hohe Wellen geschlagen. Die koreanischen Medien haben ausführlich darüber berichtet. Meine Sorge ist, dass das Bild Deutschlands in Korea durch solche Berichte negativ beeinflusst wird.

Haben Sie als Botschaft Wünsche an die deutsche Regierung?

Derzeit leben über 45.000 Koreaner in Deutschland. Dazu gehören koreanische Deutsche wie auch Koreaner, die zum Studium nach Deutschland gekommen sind oder hier arbeiten. Durch die Zunahme von rassistisch motivierten Attacken seit der Covid-19-Krise haben die Sorgen und Ängste in der koreanischen Community in Deutschland zugenommen. Nach einer Attacke gegen Franzosen im Grenzgebiet zum Saarland hat Bundesaußenminister Heiko Maas auf seinem Twitter-Account diesen Vorfall persönlich verurteilt. Ich gehe davon aus, dass solch ein entschlossenes Vorgehen bei allen fremdenfeindlichen Attacken gilt.

Erwarten Sie etwas vom Berliner Senat, damit sich so etwas nicht wiederholt?

Grundvoraussetzung ist eine offene Haltung gegenüber Minderheiten mit Migrationshintergrund. So ist Aufklärungsarbeit unverzichtbar, um das Bewusstsein gegenüber Rassismus zu stärken.

Fühlen Sie persönlich sich sicher in Berlin?

Erich Kästner hat einmal gesagt: „In Berlin fragte niemand nach der Hautfarbe, nach dem Pass, nach dem Bankkonto, nach der Vorbildung.“ Ob diese tolerante und multikulturelle Haltung Berlins immer noch der Realität entspricht, das frage ich mich nach solchen Vorfällen schon. Auch, ob ein ähnlicher Vorfall in der U-Bahn in Seoul passieren könnte. Leider muss ich mir selbst eingestehen, dass dies wohl sehr unwahrscheinlich wäre.

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