Wegen Corona

Wegen Corona: Berlins Toiletten-Konzept droht Verzögerung

Der Stadtmöblierer Wall soll in diesem Jahr 88 neue WC-Häuschen aufstellen. Wegen der Coronakrise droht der Plan zu scheitern.

172 barrierefreie, vollautomatische WCs, wie hier an der Wilmersdorfer Straße, soll es bis Ende 2020 geben.

172 barrierefreie, vollautomatische WCs, wie hier an der Wilmersdorfer Straße, soll es bis Ende 2020 geben.

Foto: Felix Recke

Berlin. Aus 2500 Teilen baut der Berliner Stadtmöblierer Wall in seinem Werk im brandenburgischen Velten die Toiletten-Häuschen zusammen. 172 der barrierefreien, vollautomatischen WCs sollen bis Ende 2020 berlinweit stehen, 88 davon sollen dieses Jahr aufgebaut werden. Das sieht ein Vertrag zwischen Land und Unternehmen aus dem Jahr 2018 vor. Doch wegen Corona könnte sich der Plan nun verzögern, warnt Wall.

Ausgelöst durch die weltweite Pandemie befürchtet der Stadtmöblierer Produktionsengpässe in seinem Werk. „Wir bemerken zunehmend, dass unsere Lieferketten unter Druck geraten, auch, weil viele Zulieferbetriebe ihre Produktion aussetzen mussten“, sagte Wall-Geschäftsführer Patrick Möller der Berliner Morgenpost.

Am Wall-Standort Velten werden die WC-Häuschen zwar zusammengebaut, nur 30 Prozent der Teile werden jedoch vor Ort gefertigt. Den Großteil des benötigten Materials für die Toiletten erhält Wall, Teil des französischen Konzerns JCDecaux, von Zulieferern aus den angrenzenden EU-Staaten.

Wall befürchtet Engpässe bei Zulieferern

Die Toiletten-Fertigung ist Teil des größten Auftrags der Wall-Firmengeschichte. 240 Millionen Euro zahlt der Berliner Senat bis zum Jahr 2034 für den Service, der nicht nur Konstruktion und Fertigung, sondern auch Betrieb und Instandhaltung der WC-Häuschen beinhaltet. Ursprünglich sollten bis Ende des Jahres sogar 192 Toiletten durch Wall aufgebaut werden. Die Zahl war nach örtlichen Begehungen aber reduziert worden. Per Option hat der Senat aber die Möglichkeit, das Volumen des Auftrags zu vergrößern und WC-Häuschen nachzuordern.

Doch um das mit dem Land zunächst verabredete Ziel halten zu können, müssten in diesem Jahr insgesamt 88 neue Toiletten-Häuschen aufgestellt werden. In den ersten drei Monaten des Jahres hat Wall 19 geschafft.

„Bislang läuft unsere Produktion nach Plan. Aber am Ende sind wir abhängig von Zulieferern und von Genehmigungsprozessen in den jeweiligen Bezirken, die aufgrund der Corona-Pandemie anders verlaufen als gewöhnlich und länger dauern“, sagte Möller.

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Senatsverwaltung signalisiert Gesprächsbereitschaft

Falls Wall aufgrund fehlender Bauteile die Fertigung herunterfahren muss und deswegen weniger Toiletten als geplant ausliefern kann, droht eine Vertragsstrafe durch den Senat. Das Bußgeld könnte nach Morgenpost-Informationen im sechsstelligen Bereich liegen.

Unter anderem deswegen hatte sich Wall bereits vor vier Wochen per Brief an die zuständige Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz gewandt – bislang ohne Reaktion. „Wir appellieren an die Verwaltung, sich mit uns an einem Tisch zu setzten und gemeinsam zu Lösungen zu kommen, um die Coronakrise bewältigen zu können“, so Möller.

Die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz teilte auf Anfrage mit, die Firma Wall habe bislang keine konkreten Probleme ihrer Lieferketten angezeigt. „Falls es zu Lieferschwierigkeiten kommen sollte, werden wir gemeinsam mit der Firma Wall besprechen, wie dadurch auftretende Probleme dann gelöst werden können“, erklärte eine Sprecherin.

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Werbewirtschaft mit deutlichen Einnahmeeinbußen wegen Corona

Neben den drohenden Verzögerungen beim Toiletten-Konzept hat sich der Wall-Geschäftsführer auch in einer anderen Vertragsangelegenheit an das Land gewandt. Denn Wall plagen wie andere Werbe-Unternehmen sinkende Erlöse wegen der Corona-Krise.

Der Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft (ZAW) hatte sich zu der bedrohlichen Lage bereits Ende April geäußert. In einem Schreiben an die Politik nannte der ZAW auch Zahlen: Demnach seien Werbeinvestitionen der Wirtschaft „dramatisch“ eingebrochen. In den Monaten April bis Mai seien im Durchschnitt 50 Prozent der Media- und Werbeinvestitionen storniert worden. Für das gesamte Jahr rechnet der Verband mit einem Rückgang der Investitionen von mindestens 30 Prozent. Bei Wall zeichnen sich laut Möller ähnliche Entwicklungen ab.

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Wall hatte sich, ebenfalls 2018, bei der Vergabe um ein Los im Rahmen der Werberechte auf öffentlichem Grund durchsetzen können. Auf 1052 Anlagen im Berliner Stadtgebiet darf Wall seitdem Werbung schalten, muss dafür einen festen Sockel-Betrag plus Umsatzbeteiligung an Berlin abführen. Ähnliche Verträge ist das Land auch mit anderen Unternehmen eingegangen. Für die Vermarktung der Litfaßsäulen etwa ist die Stuttgarter Ilg GmbH zuständig.

Wall wirbt derzeit vor allem über digitale Flächen in Berlin

Wall-Chef Möller hofft angesichts der sinkenden Einnahmen auf ein Entgegenkommen der Senatsverwaltung. Er wünsche sich „pragmatische Lösungen“, sagte er. „Wenn die Umsätze nicht da sind, hilft es auch nicht, wenn Zahlungen nur gestundet werden“, so Möller weiter.

Wall beschäftigt am Hauptsitz in Berlin und am Produktionsstandort in Velten (Landkreis Oberhavel) derzeit 504 Mitarbeiter. Die Hälfte der Belegschaft in der Region ist nach Angaben des Unternehmen bereits in die Kurzarbeit gegangen.

Wall hatte während der Corona-Krise zuletzt vor allem seine digitalen Werbeflächen in der Stadt genutzt. Der digitale Ausspielweg mache es möglich, auch kurzfristigen Kampagnenwünsche von Kunden nachzukommen, so Möller. Die herkömmliche Wall-Werbung über gedruckte Plakate sei hingegen wegen Corona deutlich zurückgegangen, so Möller. Konkrete Zahlen nannte das Unternehmen auf Nachfrage aber nicht.