8. Mai

So gedenkt die Hauptstadt der Befreiung vom NS-Terror

Kein Ende des Erinnerns: Politiker legen Kränze nieder, Menschen pilgern, Kirchen laden zu digitaler Friedensandacht ein.

Viele Menschen pilgern am 8. Mai 2020 anlässlich des Gedenkens an die Befreiung Deutschlands durch die Sowjetarmee vor 75 Jahren an die Gedenkstätte Sowjetisches Ehrenmal im Treptower Park in Berlin.

Viele Menschen pilgern am 8. Mai 2020 anlässlich des Gedenkens an die Befreiung Deutschlands durch die Sowjetarmee vor 75 Jahren an die Gedenkstätte Sowjetisches Ehrenmal im Treptower Park in Berlin.

Foto: Jörg Krauthöfer / FUNKE Foto Service

Berlin. Innig umschlingt die Mutter die Leiche ihres Sohnes. Mit geschlossenen Augen drückt sie seinen leblosen Körper an sich. Beide Figuren bilden in der Plastik „Mutter mit totem Sohn“ von Käthe Kollwitz eine geschwungene Silhouette. Sie erinnern in der Neuen Wache Unter den Linden an den Terror, den Menschen unter dem NS-Regime erlitten, bevor die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs sie am 8. Mai 1945 von dessen Herrschaft befreiten.

Vor Kollwitz’ Statue standen am Freitagmittag Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU), Bundesratspräsident Dietmar Woidke (SPD), Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sowie Andreas Voßkuhle, Präsident des Bundesverfassungsgerichts.

Bei einer Kranzniederlegung in der Neuen Wache gedachten sie des Tages, an dem die deutsche Wehrmacht kapitulierte. Zur Begrüßung nickten sich die Politiker kurz zu – mehr ist in Zeiten der Corona-Krise nicht möglich. In seiner Rede erklärte Steinmeier, es gebe kein „Ende des Erinnerns“ an das Grauen des Nationalsozialismus. Die Befreiung von Krieg wie auch Totalitarismus sei „niemals abgeschlossen“. Er appellierte an die jüngeren Generationen: „Auf Euch kommt es an. Ihr seid es, die die Lehren aus diesem furchtbaren Krieg in die Zukunft tragen müssen.“

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Steinmeier hält Rede wegen der Corona-Krise ohne Publikum

Zum Staatsakt waren ursprünglich Tausende Jugendliche aus aller Welt sowie Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft eingeladen worden. Die Veranstaltung mit insgesamt 1600 Gästen vor dem Reichstagsgebäude musste jedoch aufgrund der Corona-Einschränkungen abgesagt werden.

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So hielt Steinmeier seine Rede ohne Publikum, während Merkel, Schäuble, Woidke und Voßkuhle in gebührendem Sicherheitsabstand neben dem Pult saßen. Das gemeinsame Erinnern sei nun zwar nicht möglich, so Steinmeier, doch die Einsamkeit biete eine Möglichkeit: „Ich bitte alle Deutschen: Gedenken Sie heute in Stille der Opfer des Krieges.“

Eine besondere Errungenschaft nach dem Kriegsende ist Steinmeier zufolge ein „friedliches, vereintes Europa“. Ehemals verfeindete Nationen hätten Deutschland in den Nachkriegsjahren nur deshalb Vertrauen entgegenbringen können, weil Deutsche „ihrer Geschichte ins Auge sehen“, indem sie die NS-Vergangenheit aufarbeiten. Den Zusammenhalt Europas sowie der Weltgemeinschaft sollen Staaten auch während der Corona-Krise weiter fördern, erklärte Steinmeier.

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Michael Müller bei Kranzniederlegung vor dem sowjetischen Ehrenmal

Unterdessen nahm Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) am Freitagmorgen andernorts an einer Kranzniederlegung teil. Die Gedenkveranstaltung wurde von der russischen und ukrainischen Botschaft vor dem sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten ausgerichtet.

Ukrainische Soldaten salutierten vor den zahlreichen Kränzen. Auch Brandenburgs ehemaliger Ministerpräsident, Matthias Platzeck (SPD), sowie der Verleger der deutsch-russischen Zeitung „Petersburger Dialog“, Detlef Prinz, waren vor Ort. Dabei würdigten sie die Rolle der deutsch-russischen Beziehungen und hoben die Verantwortung gegenüber den Kriegsopfern hervor.

Müller hatte zuvor erklärt, im Gedenken an den Nationalsozialismus ergebe sich die Verpflichtung: „Nie wieder Krieg, nie wieder Diktatur“. Der Tag der Befreiung sei ein ständiger Appell, Frieden, Freiheit und Demokratie „durch kluge und vernünftige Politik mit Augenmaß, Respekt und Verantwortungsbewusstsein zu bewahren und zu fördern“.

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Konzert und Friedensandacht digital übertragen

Um die Erinnerung trotz der Corona-Krise lebendig zu halten, wurden viele Veranstaltungen in die digitale Welt verlagert. So veranstalteten die evangelischen und katholischen Kirchen der Hauptstadt eine ökumenische Friedensandacht im Turm der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, der von den Bomben des Zweiten Weltkriegs stark zerstört worden war. Vor Ort wurden keine Besucher zugelassen. Doch die Andacht wurde ab 18 Uhr auf der Internetseite der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz übertragen. Den Gottesdienst leiteten der Bischof von Berlin, Christian Stäblein, sowie der Vorsitzende des Diözesanrats der Katholiken, Bernd Streich. Musikalisch begleitete sie dabei das Streichquartett der Professoren der Universität der Künste.

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Auch die Staatskapelle Berlin hatte sich zum Tag der Befreiung etwas Besonderes einfallen lassen: Unter der Leitung ihres Generalmusikdirektors Daniel Barenboim wollten sie am Freitagabend ein Gedenkkonzert spielen, das von 3sat im Fernsehen sowie per Livestream im Internet übertragen werden sollte.

„Das Ende des Zweiten Weltkriegs am 8. Mai 1945 markierte einen Neubeginn nicht nur für Deutschland, sondern für die ganze Welt“, sagten Barenboim und der Intendant der Staatsoper, Matthias Schulz im Vorfeld. Aufgrund der immensen Bedeutung des Tages sei es ihnen ein Bedürfnis gewesen, 75 Jahre später das Konzert auszurichten.