Schicksale

Aus dem Leben katapultiert: Obdachlose in Berlin

Obdachlose Menschen wünschen sich oft einfach nur, ihr Leben zu leben. Auch das ist in dieser Zeit noch schwieriger als sonst

Björn S. am Schäfersee in Wedding. Häufig, sagt er, fühl er sich nicht wahrgenommen. So, als sei er allein auf der Welt.

Björn S. am Schäfersee in Wedding. Häufig, sagt er, fühl er sich nicht wahrgenommen. So, als sei er allein auf der Welt.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto ServicesVertragsfotografen (HA und BM)! Honorarfrei für FMG-Tageszeitungen!

Als kleiner Junge träumte Björn S. davon, sich aus seinem Leben zu katapultieren. Er wollte Stabhochspringer werden. Er wusste nicht, wie man Stabhochspringer wird, aber er hatte vom Sportlehrer gehört, er müsse vor allem schnell laufen können. Im Sportunterricht in der Schule rannte er den anderen Kindern davon. Den Stab, da war er damals überzeugt, hätte er schon zum richtigen Zeitpunkt in die Vertiefung gestochen, um in die Höhe zu schnellen und Millimetergenau über die Messlatte zu gleiten.

Er kann heute gar nicht sagen, warum er die Sportart nie ausprobiert hat. Aber den Traum hat der mittlerweile 22-Jährige lange nicht mehr geträumt. Er sitzt auf einer Parkbank am Schäfersee in Reinickendorf und sagt, ihm sei nicht nach Rennen. Seine Füße schmerzen, da er den ganzen Tag gelaufen ist. Vor ein paar Wochen habe er sich in ein Schnellrestaurant gesetzt oder in ein Café. Nicht um etwas zu bestellen, sondern um sich auszuruhen und den Akku seines Smartphones, ein altes Samsung mit kaputtem Display, aufzuladen. Wenn das aufgeladen ist, schaut er sich Videos auf Youtube an. Sein Favorit: Gewitter im Kopf. Auf dem Kanal zeigen zwei junge Männer den Alltag mit dem Tourette-Syndrom. Seit der Coronavirus-Pandemie kauert sich Björn S. auf den Boden in den U-Bahnhof und lacht über die „beiden Bekloppten“.

Auch in der Coronakrise schlagen sich die Obdachlosen auf der Straße durch

2000 Obdachlose, so viele wurden zu in der „Nacht der Solidarität“ zu Beginn des Jahres gezählt. Auch während der Coronavirus-Pandemie müssen sie sich auf der Straße durchschlagen. Sie trifft die Krise besonders hart. Bei ihnen steht an erster Stelle das tägliche Überleben: Essen und Trinken, ein paar Euro auf die Hand und abends vielleicht eine Matratze. Aber viele Notunterkünfte oder Suppenküchen mussten in den vergangenen Wochen schließen oder stellten auf einen Notbetrieb um. Die meisten obdachlosen Menschen sind zudem gesundheitlich angeschlagen und gehen selten zum Arzt. Außerdem sind die meisten nicht über das Thema Coronavirus aufgeklärt. Für sie ist allein schon das regelmäßige Händewaschen schwierig.

Damit zu kämpfen hat auch Jaroslav Klement, der in Charlottenburg-Wilmersdorf als „Rattenrudi“ bekannt ist. Er schläft mit den Ratten in einem kleinen Raum am Parkhaus hinter der „Bar jeder Vernunft“, den er als sein „Atelier“ bezeichnet. Als Klement einen Fünf-Euro-Schein neben das Futter einer Ratte legt, flitzt sie los und versteckt den Geldschein hinter einem Häuschen in ihrem Käfig. Mit Kunststücken wie diesen sammelte Klement über zehn Jahre Spendengelder ein. Er führte sie Touristen nahe dem Hard Rock Café am Kurfürstendamm vor. Dort kann er mit seinen Ratten nun nicht mehr auftreten – wegen der Kontaktsperre in der Coronakrise.

Bis vor ein paar Monaten, als der Welt das Coronavirus noch kein Begriff war, hat Björn S. das Gefühl gehabt, er bekommt sein Leben ganz gut in den Griff. Er arbeitete auf einem kleinen Bauernhof in Berlin und sammelte Pferdeäpfel auf. Abends schlief er in seiner Wohnung. Dann aber verlor er seinen Job. Er sagt, sein damaliger Sozialbetreuer habe schlecht über ihn geredet. Kurz danach hatte er keine Wohnung mehr. Übergangsweise wohnte er in einer Gartenlaube, doch der Besitzer fand nach wenigen Tagen, das sei keine gute Idee.

Viele Obdachlose geraten in einen Kreislauf

Es ist ein Kreislauf in den viele Obdachlose geraten, zunächst verlieren sie ohne Job ihre Wohnung und dann finden sie ohne Job keine Wohnung und andersherum. In den vergangenen Jahrzehnten überforderten der starke Zuzug und die vielen Einwanderer aus dem Osten die Stadtregierung Berlins zunehmend. Da wurde den Obdachlosen kein hoher Stellenwert eingeräumt. Die Versäumnisse dieser Zeit versucht Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) seit ihrem Amtsantritt 2017 aufzuräumen. Sie plante mehr Geld für Obdachlose im Haushalt ein – aktuell sind es rund 8,9 Millionen Euro. Zum Vergleich im Jahr 2010 waren es 4,2 Millionen Euro. Mit dem Geld stockte die Politik beispielsweise die Betten in Kältehilfen und Notunterkünften auf.

Auch Björn S. zog in die Notunterkunft für Obdachlose der Berliner Stadtmission in Friedrichshain. Aber seine erste Nacht dort war auch seine letzte. Er sei an diesem Tag so müde gewesen, er habe wirklich nur schlafen wollen. Doch in der Wärmelufthalle, die 2014 eröffnet wurde, übernachten bis zu 120 Menschen. „Zu laut“, sagt S.. Als es spät in der Nacht endlich ruhiger geworden sei, hätten seine Gedanken eingesetzt. Schlafen konnte er da auch nicht mehr.

Bis Ende April waren Notunterkünfte noch geöffnet. Doch nun ist bei vielen Schluss, wenn sie nicht schon wegen der Coronavirus-Pandemie geschlossen waren. Politik und Hilfsorganisationen versucht dennoch Obdachlose von den Straßen herunterzubekommen. Im Bezirk Mitte gibt es deshalb seit Wochen Gespräche zwischen Bezirksamt, Senat und der Berliner Stadtmission. An der Lehrter Straße sollen in absehbarer Zeit bis zu 110 obdachlose Menschen einziehen können. Wie Mittes Gesundheitsstadtrat Ephraim Gothe (SPD) sagt, soll es auch Quarantänezimmer für Menschen geben, die Symptome aufzeigen. Unterschrieben ist allerdings noch nichts.

Für „Rattenrudi“ sind Notunterkünfte nichts. Er bleibt lieber in seinem „Atelier“. Dort züchtet er seine Tiere selbst. Eine Tierärztin untersucht sie regelmäßig. Momentan betreut er einen Wurf mit wenigen Wochen alten Rattenbabys. „Wegen der Coronakrise und den ausbleibenden Vorführungen habe ich Schwierigkeiten, das Futter für so viele Ratten zu bezahlen“, sagt er. Wenn Klement für sich kocht, dann kocht er auch für die Ratten: „Ihre Lieblingsspeise ist Hähnchen mit Reis.“ Stets achte er darauf, Mahlzeiten möglichst ohne Gewürze zuzubereiten, da Ratten sie wegen ihrer kleinen Lebern nicht vertragen.

Um Klement und seinen Ratten in der Corona-Notlage zu unterstützen, hat der Gesundheitsstadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf, Detlef Wagner (CDU), eine Sozialarbeiterin auf den Fall angesetzt. „Wir haben ihm eine 50-Euro-Soforthilfe ausbezahlt, damit er Futter kaufen kann“, sagt Wagner. Auch in Zukunft sollen kleinere Beträge fließen. Zudem soll Klement die Krankenversicherung bezahlt werden.

In der Notübernachtung fühlt Björn S. sich wohl

Auf Hilfe ist auch Björn S. angewiesen, allerdings nicht auf finanzielle. Bis Ende April lebt er in der Notübernachtung der Berliner Stadtmission in Reinickendorf. In einem Zimmer stehen 26 Stockbetten aus Metall. Hier fühlt er sich wohl. Ab 19 Uhr können hilfsbedürftige Menschen am Hintereingang des Gebäudes eine Marke ziehen und zwei Stunden später ihre Betten beziehen. Die Tage werden zwar wärmer, die Nächte sind zu diesem Zeitpunkt aber noch kalt. Björn S. wartet an einem Abend im April auf einer Bierbank bis er sich in der Unterkunft duschen und noch etwas essen kann. In der Kopenhagener Straße fühle er sich wohl, sagt er. Ruhe und nette Menschen. Vor allem zur Leiterin der Einrichtung habe er einen guten Draht. Sie helfe ihm manchmal, seit er keinen Betreuer mehr habe, sagt er.

Sophie Rothe sagt, dem 22-Jährigen zu helfen, sei eigentlich nicht ihre Aufgabe. Aber er habe eine gute Perspektive. Er trinke nicht und nehme keine Drogen. Außerdem habe er für Mai einen Job in Aussicht. Dafür braucht er einen gültigen Personalausweis. Doch das Schreiben und Organisieren überfordere den jungen Mann. Deshalb hilft Sophie Rothe ihm beim Beantragen der Papiere. Sie bittet das Amt, schnell ein Termin zu finden. Doch auch die Behörden haben dieser Tage den Betrieb heruntergefahren.

Wenn er am Boden lag, riss ihn ein weiteres Loch in die Tiefe

In dem Leben des jungen Mannes war es schon immer so. Wenn er am Boden lag, riss ihn ein weiteres Loch in die Tiefe. Seine frühe Kindheit war geprägt von Gewalt: Vater gewalttätig, ein Bruder starb in er Obhut des Vaters. S. wuchs in einem Kinderheim auf. Zu seinen anderen zehn Geschwistern hat er kaum Kontakt. Seine Mutter besucht er regelmäßig. Sie hätten immer zusammen gelacht. Als er die Wohnung verließ, begann seine Mutter zu trinken. Als sie starb, rief Björn S. den Notruf. „Der sagte ich soll das Herz massieren, bis sie kommen.“ Überfordert sei er auf dem Boden gesessen, neben seiner Mutter und hätte geweint. „Meine Mutter hat mir immer gesagt, ich soll mein Leben leben. Diesen Wunsch will ich ihr erfüllen“, sagt S. Aber wie das geht, sagte sie ihm nicht.

Gewalt in Familien, das ist auch während der Beschränkung zur Eindämmung des Coronavirus ein Problem. Sozialarbeiter haben in Zeiten der Krise oftmals keinen Zugang mehr zu betreuten Familien und befürchteten bereits zu Beginn der Corona-Pandemie einen Anstieg der häuslichen Gewalt. Deshalb hat Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) die bundesweite Kampagne „Zuhause nicht sicher?“ gestartet. Seitdem wird in Supermärkten, die derzeit als wichtiger Teil des öffentlichen Lebens gesehen werden, über Hilfsangebote bei häuslicher Gewalt informiert.

Die erste Flasche einzusammeln, kostete ihn Überwindung

Eineinhalb Jahre nach dem Tod seiner Mutter schlich S. eine halbe Stunde um eine Bushaltestelle am Gesundbrunnen. Neben der Bank stand eine Bierflasche mit einem Bügel. Er habe gewartet bis die Fahrgäste in den Bus stiegen. Danach habe er mit sich gerungen. Und schließlich griff er zu. „Das war die peinlichste Situation in meinem Leben“, sagt S. Die Flasche habe aber 15 Cent gegeben. Der Kaufland am Gesundbrunnen sei nun sein Gebiet. Jeden Morgen fahre er von der Notunterkunft für Obdach­lose erst einmal in sein Revier und sammle Flaschen.

Aber nur die, die draußen stehen. In einen Mülleimer greife er nicht wegen der Verletzungsgefahr und wegen des Coronavirus. Man wisse ja nicht, was da so drin sei. Vor dem Lockdown in Berlin habe er bis zu einer Stunde gesucht, um Flaschen im Wert von fünf Euro zu sammeln. Nun können es auch mal drei sein. Aber er habe doch Zeit, sagt S. Von dem Geld kauft sich der 22-Jährige zwei große Energydrinks und manchmal noch ein Laugencroissant. Die Energydrinks, damit er nicht tagsüber einschläft. Den Croissant, um sich wie ein Mensch zu fühlen.

„Wenn ich durch die Straßen laufe, glaube ich manchmal alleine auf der Welt zu sein“, sagt S. Die Menschen um ihn herum, würden ihn nicht wahrnehmen wollen. Er sei ein Einzelgänger, der für seine Kinder da sein will. Sein zweijähriger Sohn und seine einjährige Tochter leben bei den Müttern. Björn S. klingt wie ein stolzer Vater, wenn er über seine Kinder spricht. Sein Sohn sei intelligent, er habe früh seine ersten Worte gesagt. Er lächelt, was selten ist in letzter Zeit. Dabei zeigt er die Brackets von der Zahnspange, die noch auf den Zähnen kleben. Deswegen sei er übrigens mal bei einem Zahnarzt gewesen. Die Drähte der Spange habe der Arzt herausgebrochen, aber dann habe er den Schmerz nicht mehr ausgehalten. Manchmal reiße er sich die Lippe daran auf. Er sagt: „Aber alles gut.“