Psychiatrie

Trotz Corona-Krise: „Die psychiatrische Versorgung ist da“

Wie bekommen Menschen mit seelischen Krisen trotz Kontaktsperre Hilfe? Chefarzt Andreas Bechdolf im Interview.

Psychiatrische Hilfen laufen weiter: Andreas Bechdolf (r.) ist Chefarzt für Psychiatrie und Psychotherapie des Vivantes-Klinikums am Urban, Kreuzberg. Das „Soulspace“ ist ein Angebot für junge Patienten.

Psychiatrische Hilfen laufen weiter: Andreas Bechdolf (r.) ist Chefarzt für Psychiatrie und Psychotherapie des Vivantes-Klinikums am Urban, Kreuzberg. Das „Soulspace“ ist ein Angebot für junge Patienten.

Foto: Reto Klar

In der Krise nehmen Ängste und seelische Leiden zu, viele Hilfe-Angebote eingeschränkt. Wie bekommen Menschen trotzdem Beratung und Therapie? Prof. Dr. Andreas Bechdolf ist Chefarzt der Vivantes Kliniken für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik Am Urban und im Friedrichshain.

Berliner Morgenpost: Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN) hat kürzlich vor einem Anstieg der Suizidrate gewarnt. Bemerken Sie davon schon Anzeichen?

Andreas Bechdolf: Grundsätzlich ist klar, dass eine Reduktion der sozialen Kontakten die psychosoziale Situation von Menschen belastet. Bei Menschen, die ohnehin mehr zu Depressionen und Ängsten neigen als andere, können die Symptome dadurch mehr werden – zumindest, wenn man nicht proaktiv damit umgeht. Es ist dann auch durchaus möglich, dass es zu einer höheren Suizidrate kommt.

Wie ist die Situation im Klinikum am Urban?

Was auffällt ist, dass mehr Menschen als sonst in die Rettungsstelle kommen, die beunruhigt sind. Wegen des Coronavirus, aber auch wegen der gesamten Situation. Es geht um die Angst vor einer Ansteckung oder vor der sozialen Isolierung. Es geraten mehr Menschen wegen der häuslichen Situation aneinander. Dass es mehr familiäre Konflikte gibt, war leider auch zu erwarten.

Alle Nachrichten zum Coronavirus in Berlin, Deutschland und der Welt: Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Coronavirus in Berlin haben wir hier für Sie zusammengetragen. In unserem Newsblog berichten wir über die aktuellen Corona-Entwicklungen in Berlin und Brandenburg. Die deutschlandweiten und internationalen Coronavirus-News können Sie hier lesen. Zudem zeigen wir in einer interaktiven Karte, wie sich das Coronavirus in Berlin, Deutschland, Europa und der Welt ausbreitet. Alle weiteren wichtigen Informationen zum Coronavirus bekommen Sie hier. Die aktuelle Auslastung der Intensivstationen in Deutschland finden Sie in unserem Klinik-Monitor.

Im Klinikum Am Urban wurden einzelne Abteilungen geschlossen, um die Intensivbehandlung von Corona-Patienten zu ermöglichen. Können Sie noch arbeiten?

Das ist ja die größte Beunruhigung bei unseren Patienten: Wenn es mir schlecht geht, ist dann überhaupt noch jemand für mich da? Aber da kann ich beruhigen, das ist der Fall. Es ist natürlich gerade für psychisch kranke Menschen eine Erschwernis, mit der Situation umzugehen, auch mit der verordneten sozialen Isolierung und Distanzierung. Doch die Versorgungsangebote sind weiter da, unsere Ambulanz arbeitet weiter, die Rettungsstelle des Krankenhauses auch, obwohl wir natürlich unsere Angebote etwas verändern müssen. Grundsätzlich muss man die Zahlen in Relation sehen: Auch, wenn Praxen infolge der Corona-Krise geschlossen sind, gibt es in Berlin insgesamt rund 6500 Arztpraxen. Die Versorgung ist immer noch gewährleistet, und das gilt auch für Menschen mit psychischen Erkrankungen.

Das Klinikum Am Urban hat einige Stationen umgewidmet für Corona-Patienten, betrifft das auch die psychiatrische Abteilung?

Wir haben einige Betten weniger zur Verfügung, weil wir die Kollegen natürlich auch unterstützen wollen. Das heißt aber nicht, dass wir deshalb Menschen ablehnen müssen, die einen akuten Krankenhausaufenthalt benötigen. Grundsätzlich bestehen alle psychiatrischen Angebote weiter fort.

Wie laufen die Behandlung konkret?

Unsere Patienten sind ja ohnehin meist einsamer als Menschen ohne psychische Erkrankung. Bei den meisten Erkrankungen versuchen wir deshalb, die Betroffenen in ihren sozialen Kontakten zu stärken und die Menschen untereinander zu vernetzen. Das wird natürlich etwas schwieriger, es kann in der Regel nicht mit den üblichen Gruppenangeboten laufen, die sonst etwa in Tageskliniken oder Tagesstätten für Menschen mit psychischen Erkrankungen stattfinden oder in unserer Ambulanz.

Die allermeisten Hilfe-Angebote laufen aber dennoch weiter?

Ja, wenn auch in veränderter Form. Ganz wichtig ist, dass die Fachärzte, Psychotherapeuten und Beratungsstellen weiter Termine zur Verfügung stellen können. In Coronazeiten können wir auch Telefon- und Videositzungen anbieten. Das ist eine wichtige Nachricht: Wir sind weiter für die Patienten da. Zudem werden andere Hilfen verstärkt. Derzeit ist die Versorgung also gewährleistet. Im Verlauf dieser Pandemie müssen wir aber sehen, ob der Bedarf steigt und die psychosozialen Aspekte noch mehr berücksichtigen werden müssen.

Welche Angebote gibt es konkret in Ihrer Abteilung, was machen Sie jetzt anders?

Besonders bekannt ist das Frühinterventions- und Therapiezentrum „FRITZ am Urban“ mit einem stationären, tagesklinischen und ambulanten Angebot speziell für junge Patientinnen und Patienten mit ersten psychotischen Episoden. Weitere Schwerpunkte liegen bei Depressionen und Borderline-Erkrankungen. Wir haben ein spezielles Angebot für Menschen mit Suchterkrankungen, eines für ältere Menschen mit psychischen Erkrankungen, zudem eines für Menschen aktuellen Lebenskrisen, wenn zum Beispiel ein Angehöriger unerwartet verstirbt. All das findet auch nach wie vor statt.

Organisiert ist unsere Klinik in vollstationäre Abteilungen, die Tagesklinik, in die Patienten auch jetzt tagsüber kommen, es gibt die Ambulanzen und die „Home Treatment Teams“, die Patienten zu Hause besuchen. Allerdings bitten wir jetzt häufiger Menschen, die langfristig eine stationäre oder teilstationäre Aufnahme geplant haben, diese zu verschieben und die ambulante Behandlung fortzusetzen. Dies übrigens vor allem auch wegen des Infektionsrisikos. Das ist eben für alle von uns zu Hause am geringsten.

Ein Teil Ihrer Arbeit richtet sich speziell an junge Menschen, die unverbindlich ins „Soul Space“ kommen können, wenn sie nicht sicher sind, ob sie psychotherapeutische Hilfe benötigen.

Die Idee ist, dass sich junge Menschen dort melden können, wenn sie Ängste haben oder sich psychisch unwohl fühlen. Junge Menschen haben das größte Risiko, psychisch zu erkranken, aber ihnen fällt es am schwersten, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Deshalb wollen wir niederschwellig und nicht stigmatisierend sein. Eigentlich kann dort jeder junge Mensch vorbeikommen, der sich seelisch belastet fühlt – jetzt allerdings mit Mundschutz.

Sie haben in der Klinik auch Home-Treatment-Teams, die Patienten zu Hause besuchen.

Ja, auch aus dem Grund, das Infektionsrisiko für die Betroffenen klein zu halten. Die Idee der Teams ist, dass die meisten Patienten ja auch zu anderen Zeiten nicht so gern ins Krankenhaus kommen, gerade, wenn es um psychische Erkrankungen geht. Jetzt hilft es auch, das Infektionsrisiko für die Betroffenen klein zu halten. Ärzte, Psychologen, Pflegende, Sozialarbeiter und auch Genesungsbegleiter besuchen Patienten zu Hause. Aktuell haben wir im Klinikum Am Urban 14 solcher externen Behandlungsplätze, sozusagen eine Station ohne Station. Die Teams behandeln etwa zehn Prozent unserer etwa 3000 Patienten im Jahr. Sollte die Krise länger dauern, erwägen wir, diese Angebote noch zu verstärken.

Wie können wir Menschen im Umfeld helfen, bei denen wir den Eindruck haben, dass es ihnen jetzt seelisch schlecht geht?

In erster Linie dadurch, die Betroffene selbst zu motivieren, sich an die Hilfsangebote zu wenden. Aber auch Angehörige oder Menschen aus dem Umfeld können sich bei uns melden, um Informationen zu bekommen.

Wie gehen wir alle mit dieser Belastung durch die Krise um? Angst und Beruhigung spürt doch eigentlich jeder in dieser Situation.

Der erste Schritt ist, anzuerkennen, dass es für alle Menschen eine Umstellung ist. Die soziale Isolation, zu Hause zu arbeiten, während die Kinder da sind, oder auch gar nicht mehr arbeiten zu können: Unser gesamter Lebenswandel ist jetzt verändert. Wenn sich unser Leben und auch die Gewohnheiten ändern, kann uns das seelisch unausgeglichener machen, als wir das sonst von uns kennen. Das ist erstmal ganz normal. Es geht derzeit den allermeisten so.

Wie äußert sich das konkret?

Die Symptome können unterschiedlich sein. Die einen sind etwas niedergedrückter, manche regen sich über Dinge schneller auf. Symptome können auch sein, dass man schlechter schläft, keinen Appetit mehr hat.

Wie geht man damit um?

Der erste Schritt ist zu akzeptieren: Die Seele reagiert auf Veränderungen eben so. Aber auf der anderen Seite können wir selbst einiges tun, um die Seele wieder zu beruhigen.

Haben Sie praktische Tipps?

Man sollte zum Beispiel die Zeit, in der man sich mit dem Corona-Thema beschäftigt, eingrenzen. Um ausreichend informiert zu sein, reicht es, wenn man sich zweimal am Tag informiert. Man sollte die Zeit dafür beschränken und sich auf die Themen konzentrieren, die einen selbst tatsächlich betreffen. Zum Beispiel neue Hygiene-Vorschriften oder Ratschläge zur Verminderung des Infektionsrisikos. Zugegeben, es ist auch interessant zu sehen, wie sich die Zahlen entwickeln, was in anderen Ländern passiert. Doch je länger man sich damit befasst, desto größer ist die Beunruhigung.

Gerade in den sozialen Medien scheint es gerade nur noch dieses eine Thema zu geben.

Ja, umso wichtiger ist es, sich vertrauenswürdige Quellen zu suchen. Das Robert-Koch-Institut, Informationen des Bundesgesundheitsministeriums, die Tagesschau, Tageszeitungen.

Manche würden sagen: Etwas anderes als Nachrichten zu konsumieren, kann man jetzt ohnehin nicht machen.

Doch, es ist jetzt gerade wichtig, die Dinge weiterzuführen, die wir vorher gemacht haben, soweit es eben geht. Ein Hobby weiter zu betreiben, spazieren zu gehen. Es hilft auch, sich bewusst Dinge zu suchen, die einem gut tun. Musik zu hören, die einem gefällt. Oder ein Buch zu lesen. Körperliche Aktivität hilft der Seele – Sport, Fitness, Entspannungstraining. Oder man erledigt einfach mal Dinge, zu denen man sonst eher nicht kommt – vom Aufräumen bis zum Renovieren.

Derzeit kursieren viele Witze über Netflix und ein lockeres Leben auf dem Sofa...

Einerseits kann man in diesen Zeiten vielleicht morgens eine Stunde länger schlafen als sonst, das sollte man sich dann auch gönnen. Grundsätzlich ist es aber wichtig, Routinen einzuhalten. Zu festen Zeiten aufzustehen, sich anzuziehen, zu frühstücken und auch darauf zu achten, dass man regelmäßig und richtig isst. Umgekehrt sollte man darauf achten, regelmäßig zu schlafen. Auch das trägt dazu bei, seelisch stabil zu bleiben.

Sind Gespräche über Video oder Treffen im Gruppenchat oder ein Ersatz für echte Kontakte?

Ich sehe diese Krise durchaus auch als Chance, zumindest für Menschen, die nicht ohnehin schon mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen haben. Die Zeit kann man zum Beispiel nutzen, um einmal Menschen anzurufen, die man länger nicht gesprochen hat.

Welche Strategien gibt es noch?

Wir sollten uns klar machen: So ungewohnt die Situation jetzt ist – sie wird vorbeigehen. Es wird wieder normale Zeiten geben. Und auch jetzt gibt es viele Dinge und Menschen, denen wir uns zuwenden können und sollten. So schwierig die Situation für tatsächlich Betroffene von Corona ist – der allergrößte Teil der Bevölkerung ist ja nicht persönlich von der Krankheit betroffen, sondern „nur“ von den Maßnahmen zur Risikobegrenzung. Es ist wichtig, sich das klar zu machen. Und selbst wenn, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es ein schwerer Verlauf wird, eher gering. Gleichzeitig steigt die Zahl der Geheilten – je mehr Zeit vergeht, desto mehr von uns haben Antikörper und können sich wieder normal bewegen.

Viele Berliner engagieren sich derzeit für Nachbarn und andere Menschen. Hilft es eigentlich, anderen zu helfen?

Ja, auf jeden Fall. Helfen tut tatsächlich gut – auch der eigenen Seele.

Kontakt und Beratung:

Soulspace, Haus der Parität, Grimmstr. 16 (Kreuzberg), Tel. 030 ‐ 28 47 66 48, E-Mail kontakt@soulspace-berlin.de, soulspace-berlin.de

FRITZ, Erstkontakt über 030 – 130 22 60 49, E-Mail fritz@vivantes.de FRITZ-Station, fritz-am-urban.de

Vivantes Kliniken für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Klinikum Am Urban und im Klinikum im Friedrichshain, Tel. 030 130 22 6030. www.vivantes.de/kau/psych

Tipps für seelische Gesundheit in Zeiten von Corona der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN): www.dgppn.de/schwerpunkte/corona-psyche.html

Coronavirus in Berlin - Das müssen Berliner wissen: