Gesundheitsausschuss

Kliniken: Wieder mehr Patienten ohne Covid-19 behandeln

| Lesedauer: 6 Minuten
Joachim Fahrun
Leere Betten in einem Krankenhausflur

Leere Betten in einem Krankenhausflur

Foto: imago stock&people

Im Gesundheitsausschuss waren sich Vertreter von Koalition und Opposition einig: Berlin sei bisher glimpflich davongekommen.

Berlins Krankenhäuser sind weit entfernt davon, unter der Last der Covid-19-Pandemie zu kollabieren. Auch die niedergelassenen Ärzte haben die Schwierigkeiten aus der Anfangszeit der Krise weitgehend überwunden. Nur noch eine Praxis ist nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) noch geschlossen, dafür sind 23 Praxen eigens auf Corona-Behandlungen spezialisiert. Allerdings fehlten solche Angebote noch im Südwesten und im Nordosten der Stadt, sagte KV-Vize Burkhard Ruppert am Montag im Gesundheitsausschuss des Abgeordnetenhauses.

Die Parlamentarier zogen ein positives Zwischenfazit zum Verlauf der Epidemie in Berlin. „Hätten wir uns vor ein paar Wochen einen Zustand gewünscht, dann wäre es ein solcher gewesen“, sagte Tim-Christopher Zeelen (CDU): „Das ist ein Grund für Zwischenfreude.“ Auch Forian Kluckert (FDP) sieht Berlin in einer „komfortablen Situation“. Thomas Werner von der Ärztekammer Berlin, Chirurg im Vivantes-Klinikum Friedrichshain, bestätigte den Eindruck: „Wir kommen mit Behandlung der Covid-Patienten gut zurecht.“

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Der Ausschuss befasste sich deshalb auch mit der Frage, wie die vielen anderen Patienten, deren Behandlung wegen Corona aufgeschoben worden war, in die halb leeren Krankenhäuser zurückkehren können. Derzeit stünden in Berlins Krankenhäusern 525 Intensivbetten frei, sagte Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD). In den Kliniken sei „Luft“ für mehr Nicht-Covid-Patienten.

KV-Vertreter Ruppert warnte, bei den Ärzten meldeten sich weniger Patienten als vor der Krise etwa wegen Kreislauf- oder Herzproblemen. „Die Praxen sind inzwischen auf Corona eingestellt. Es ist vielmehr ein Problem, zu Hause gesundheitliche Probleme auszusitzen.“

Für die Krankenhäuser soll jetzt die zweite Phase der Pandemie beginnen. Eine Priorisierung der Corona-Patienten sei „nicht länger hinzunehmen“, sagte der Ausschussvorsitzende Wolfgang Albers (Linke). Auch andere Krankheiten müssten wieder behandelt werden. Man könne damit nicht warten, bis es einen Impfstoff gegen Corona gebe. Das könne der „St. Nimmerleins-Tag sein.“

„Behutsam“ wieder mehr Nicht-Corona-Patienten behandeln

Vivantes-Arzt Werner widersprach: Eine Priorisierung von Covoid-Patienten gebe es nicht. Dringende und notwendige Behandlungen würden erbracht. Gleichwohl warb Werner für ein Umsteuern. „Wir arbeiten seit Wochen in einem Notfallmodus. Weil der Notfall nicht eingetreten ist, muss dieser Zustand absehbar endlich sein“, sagte der Mediziner. Man brauche eine Perspektive für Regelbehandlungen.

Marc Schreiner, Chef der Berliner Krankenhausgesellschaft, die 60 Kliniken und 48 Pflegeheime vertritt, verwies trotz der Abschlagszahlungen des Bundes auf die finanziellen Einbußen. Jetzt müssten „behutsam“ wieder mehr Nicht-Corona-Patienten behandelt werden. „Wir sehen nicht, dass es gelingen kann, eins zu eins in die Krankenhausversorgung von vor der Krise zurückzukehren“, sagte Schreiner.

Immer noch Engpässe bei dem Schutzmaterial

Nach wie vor gebe es in den Kliniken Engpässe bei dem Schutzmaterial, es fehlten FFP-Schutzmasken und Kittel. „Das Material muss lange getragen werden und wiederholt genutzt werden“, sagte Ärztekammer-Vorstand Werner. Das sei auch ein Risiko für die normale Krankenhaushygiene. Juliane Blume vom Pflegerat Berlin-Brandenburg bestätigte den Befund für die Pflegekräfte in Altenheimen: „Pflegende verfügen immer noch nicht über ausreichend Schutzausrüstung“, so Pflegerin Blume.

Ärzte und Pfleger fordern auch dringend ein Ausweiten der Corona-Tests in Berlin. „Wir müssen weg vom anlassbezogenen Testen hin zum konsequenten Screening für Patienten und Personal“, sagte Thomas Werner von der Ärztekammer Berlin, der als Chirurg im Vivantes-Klinikum Friedrichshain tätig ist: „Das Personal hat ein Anrecht darauf, besonders geschützt zu werden“, so Werner. Das Pflegerin Blume: „Ein flächendeckendes Screening wäre wünschenswert.“

Jetzt sollen Kontaktpersonen immer getestet werden

Wie berichtet schöpft Berlin die in den Laboren bereit stehenden Testkapazitäten bei Weitem nicht aus. Gesundheitssenatorin Kalayci kündigte an, diese Kapazitäten künftig stärker nutzen zu wollen. „Wir ändern unsere Test-Strategie gerade“, sagte Kalayci. Künftig sollen alle Patienten mit den typischen Symptomen auf Covid-10 grundsätzlich getestet werden. Das solle auch für alle Kontaktpersonen der Kategorien 1,2,3, gelten, unabhängig davon, ob sie Symptome zeigen. Erste flächendeckende Testreihen seien erfolgt. So habe die Charité alle Mitarbeiter auf das Virus selbst und auf mögliche Antikörper getestet. „Das wäre erstmals eine repräsentative Erhebung“, sagte die Senatorin. Der kommunale Klinikkonzern Vivantes habe zwei Pflegeheime von ihren 18 durchgetestet. Alle Mitarbeiter und Bewohner seien negativ gewesen. „Wir wollen andere Pflegeheime und ambulante Dienste testen“, sagte Kalayci. Man verhandele zunächst über eine Auswahl von zwei Einrichtungen pro Bezirk. Das Thema von Tests in Schulen habe die Charité aufgegriffen. Über die Tests in Kitas sei man mit der Senatsbildungsverwaltung im Gespräch.

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