Kriminalität

Rückgang der antisemitischen Vorfälle in Berlin

Verbale oder körperliche Attacken gegen Juden oder solche Menschen, die dafür gehalten werden, gehören in Berlin quasi zur Tagesordnung. Daran ändert auch ein positiver Trend in der Statistik nichts.

Berlin. In Berlin sind im vergangenen Jahr deutlich weniger antisemitische Vorfälle gemeldet worden. Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) zählte 881 entsprechende Taten nach 1085 im Jahr 2018. Das entspricht einem Rückgang von 19 Prozent.

Die Zahlen seien allerdings kein Grund zur Entwarnung, sagte Projektleiter Benjamin Steinitz. Für jüdische Menschen habe sich die Bedrohungssituation in Berlin nicht entspannt. Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) erklärte: "Der quantitative Rückgang ist eine positive Entwicklung, aber qualitativ haben wir eine antisemitische Grundstimmung, die uns weiter wachsam halten muss."

Laut der am Mittwoch vorgelegten Rias-Statistik ging die Zahl der tätlichen Angriffe 2019 um 28 Prozent von 46 auf 33 zurück. Die Zahl gezielter Sachbeschädigungen sank um 12 Prozent von 43 auf 38. Einen Anstieg um 28 Prozent verzeichnete Rias hingehen bei antijüdischen Bedrohungen: 59 Fälle wurden 2019 bekannt, die meisten davon spielten sich im Internet ab.

Den mit fast drei Vierteln größten Anteil an den registrierten antisemitischen Taten haben solche mit verletzendem Verhalten. Dazu gehören Beleidigungen in sozialen Netzwerken, mündliche Anfeindungen, Propaganda oder Veranstaltungen. Hier zeigt die Statistik eine Verringerung von 833 auf 648 im Jahr 2019 - ein Minus von 22 Prozent.

Laut Rias waren im Vorjahr 329 Personen und 391 Institutionen von Antisemitismus direkt betroffen. Die Zahl der Einzelpersonen verringerte sich gegenüber 2018 (368) um 11 Prozent.

Gut die Hälfte der Vorfälle konnten die Rias-Fachleute einem politischen Spektrum zuordnen. Der größte Anteil mit 29,3 Prozent entfällt demnach auf Rechtsextremismus und Rechtspopulismus. Mit 9,5 Prozent folgt sogenannter antiisraelischer Aktivismus.

2,3 Prozent der Vorfälle hatten islamistischen Hintergrund. Rias zählt dazu den Messerangriff eines 23-Jährigen auf Sicherheitsleute vor der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße im Oktober 2019. Die Attacke habe gemeinsam mit dem Terroranschlag eines Rechtsextremisten in Halle einige Tage später große Sorge der jüdischen Gemeinschaft um ihre Sicherheit zur Folge gehabt.

In Berlin erheben verschiedene Institutionen nach unterschiedlichen Kriterien Statistiken zu Antisemitismus. Die 2015 gegründete und vom Senat geförderte Rias sammelt ihre Daten auf Grundlage von Meldungen über das Internet, Beobachtungen und einer Zusammenarbeit mit Opferberatungsstellen und Polizei.

Der Antisemitismusbeauftragte der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Sigmount Königsberg, erklärte: "Auffällig ist, dass bei antisemitischen Vorfällen seitens offizieller Stellen oft von Einzeltätern die Rede ist, als ob der Hass vom Himmel fallen würde." Aus seiner Sicht wäre hier eine "sorgfältigere Einordnung" wünschenswert. "Denn Antisemitismus kommt nicht aus dem Nichts, sondern ist im gesellschaftlichen Umfeld eingebettet."