Helden des Alltags

Sie halten Berlin in der Corona-Krise am Laufen

Ein Hausarzt behandelt trotz Virus, eine Altenpflegerin kümmert sich um Senioren, andere teilen bei der Stadtmission Essen aus.

Nele Suhr teilt in der Stadtmission am Bahnhof Zoo Essen aus. Persönliche Gespräche sind derzeit untersagt.

Nele Suhr teilt in der Stadtmission am Bahnhof Zoo Essen aus. Persönliche Gespräche sind derzeit untersagt.

Foto: Reto Klar

Eine Mahlzeit für Bedürftige

Wenn um 14 Uhr die Essenausgabe in der Stadtmission am Bahnhof Zoo beginnt, hat Nele Suhr alle Hände voll zu tun. Schließlich haben die Gäste, wie die obdachlosen Menschen genannt werden, Hunger. Doch so intensiv, wie sich die 19-Jährige normalerweise mit ihren Gästen beschäftigt, kann sie sich derzeit nicht um sie kümmern – durch das Coronavirus wurden strenge Vorschriften verhängt, die einen direkten Kontakt untersagen.

„Das ist wirklich schade. Vor dieser Zeit haben alle gemeinsam in einem Raum gegessen. Wenn ich nach der Essensausgabe Zeit hatte, habe ich mich dazu gesetzt und mit den Menschen gesprochen“, erzählt Nele Suhr. Jetzt würden Esspakete durch ein Fenster gereicht, um eine Ansteckungsgefahr zu minimieren.

Genau diese Gespräche fehlen der jungen Frau heute. „Wir haben viele Stammgäste. Im Laufe der Zeit lernt man die Menschen schon ganz gut kennen und kann intensivere Gespräche führen.“ Nele Suhr absolviert seit sechs Monaten ein freiwilliges soziales Jahr bei der Berliner Stadtmission. Normalerweise hilft sie an drei Tagen in der Woche bei der Essensausgabe am Bahnhof Zoo, an zwei Tagen arbeitet sie bei der Veranstaltungsplanung in der Geschäftsstelle.

Durch das Coronavirus ist die 19-Jährige nun an fünf Tagen für die Essensausgabe eingeteilt. Die Aufgabe und besonders der Kontakt zu den Menschen machen ihr Spaß. Sie hofft aber, dass sie sich bald wieder zu ihren Gästen an den Esstisch setzen kann. suko

Teil 1 der Serie: Helden der Krise - Ob im Supermarkt, in der Kita, bei der Feuerwehr oder in der Pflege – diese Menschen halten die Stadt am Laufen.

Teil 2 der Serie - Sie transportieren den Müll ab, liefern die Post aus, kümmern sich um Zootiere oder führen Corona-Tests aus: Berlins Corona-Helden.

Teil 3 der Serie: Lkw-Fahrer liefern Lebensmittel zu den Supermärkten, Erzieherinnen kümmern sich um die Kinder, andere Berliner helfen bei der Tafel.

Labormitarbeiterin auf den Spuren des Coronavirus

Wenn ihre Freunde sie fragen, ob sie sich wie eine Heldin fühle, verneine sie stets, sagt Anne Yakubu. „Für mich ist es selbstverständlich, dass ich Menschen in der Corona-Krise helfe, da mein Arbeitgeber mir die Technik und die finanziellen Mittel dafür zur Verfügung stellt.“ Die 36-Jährige ist Biolaborantin und arbeitet beim Pharmakonzern Bayer. Als Expertin für die Analyse genetischer Information führt sie dort nun Coronavirus-Tests durch.

Yakubu gehört zu den 140 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Berlin, die sich freiwillig für die Arbeit im neuen Testlabor gemeldet hatten. Und sie war maßgeblich an dessen Aufbau beteiligt: „In den letzten Wochen haben ich und meine Kollegen bis zu zwölf Stunden am Tag überlegt, besprochen und die Gestaltung des Labors umgesetzt.“ Yakubus Team besteht aus sieben Mitarbeitern. Die Sicherheitsmaßnahmen während der Arbeit sind streng.

Ihre Schutzkleidung wechseln die Mitarbeiter täglich. Zugang zu den zwei Etagen des Coronavirus-Labors haben ausschließlich die zuständigen Angestellten. Es wird darauf geachtet, dass die insgesamt zehn Teams, die dort arbeiten, sich nicht untereinander mit dem Virus anstecken. Die Regelungen seien nach der Beratung durch das Robert-Koch-Institut umgesetzt worden und glichen denjenigen für Arbeit mit infektiösem Material, erklärt Yakubu. In dem Berliner Labor können täglich „bis zu 1000 zusätzliche SARS-CoV-2-Tests“ durchgeführt werden, heißt es in einer Pressemitteilung von Bayer.

Alle Nachrichten zum Coronavirus in Berlin, Deutschland und der Welt: Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Coronavirus in Berlin haben wir hier für Sie zusammengetragen.

In unserem Newsblog berichten wir über die aktuellen Corona-Entwicklungen in Berlin und Brandenburg. Die deutschlandweiten und internationalen Coronavirus-News können Sie hier lesen.

Zudem zeigen wir in einer interaktiven Karte, wie sich das Coronavirus in Berlin, Deutschland, Europa und der Welt ausbreitet.

Alle weiteren wichtigen Informationen zum Coronavirus bekommen Sie hier. Die aktuelle Auslastung der Intensivstationen in Deutschland finden Sie in unserem Klinik-Monitor.

„Ich freue mich sehr darüber, bei der Validierung und Durchführung der Tests zu helfen. Normalerweise arbeite ich in der Abteilung Frauengesundheit. Auch dabei helfe ich Menschen. Aber nun sehe ich die Resultate unmittelbar“, so Jakubu weiter. Zuvor habe sie im Bereich der frühen Forschung gearbeitet, weshalb sie die Ergebnisse zu den von ihr durchgeführten Medikamentenstudien üblicherweise erst nach 15 Jahren sehen kann.

In den kommenden Wochen werde sie abwechselnd in ihrer eigentlichen Abteilung und im Coronavirus-Testlabor arbeiten, so lange sie dort gebraucht werde. Die Corona-Krise stelle für sie persönlich keine große Belastung dar: „Ich kann weiterhin arbeiten und bekomme mein Gehalt. Meine Kinder sind schon groß genug, um auch mal alleine zu Hause zu bleiben“, sagt Anne Yakubu. Sie verfolge regelmäßig in den Medien, was Virologen in der derzeitigen Situation empfehlen, und denke, dass man auf dem richtigen Weg aus der Krise sei. lve

Änderungsschneiderei fertigt Atemmasken in 30 bunten Designs

Als er seine Änderungsschneiderei aufgrund der Corona-Krise einige Tage geschlossen hatte, ging das Cano Haj ziemlich nah. „Diese völlig neue Situation hat mich fertiggemacht“, gesteht der 40-Jährige aus Schöneberg. Seit fast zwölf Jahren betreibt er sein Geschäft an der Westfälischen Straße in Halensee. Doch dann hörte Haj im Radio, dass es aufgrund der Ausbreitung des Virus vor allem an Atemschutzmasken fehle. Und schnell war der Entschluss gefasst, schicke Stoffmasken zu nähen, um den Menschen in diesen schweren Zeiten ein wenig Sicherheit zu geben und sie gleichzeitig mit Schönem aufzuheitern.

Haj weist ausdrücklich darauf hin, dass er in seiner Änderungsschneiderei keine Medizinprodukte herstellt. Doch nachdem er sich darüber informiert hatte, dass auch solche Stoffmasken, wie er sie fertigt, bei der Eindämmung des Infektionsrisikos helfen können, habe er mit der Arbeit begonnen. Das habe ihn aus dem Tief wieder herausgeholt und wieder motiviert, so Haj. „Ich bin gerne aktiv“, sagt er und lacht. „Durch das Maskennähen geht es mir wieder gut und meinen Kunden auch.“

Mit insgesamt drei Angestellten schneidert Haj nun täglich je nach Auftragseingang 50 bis 100 der Masken aus 100 Prozent Baumwolle. Beim Verkauf setzt er auf Werbung in den sozialen Netzwerken und die Mundpropaganda seiner Kunden. Inzwischen beliefert er sogar zwei Apotheken. Anfragen kämen auch aus anderen Bundesländern und von Unternehmen. „Ich freue mich vor allem über die zahlreichen positiven Rückmeldungen und die vielen Weiterempfehlungen unserer Kunden.“

30 verschiedene Muster hat Haj mit seinen Mitarbeitern nach einigen Startschwierigkeiten und Lernprozessen mittlerweile entworfen – von Blumendesigns über bunte Prints bis hin zum Jeans-Look. „Die weißen Masken sind dabei überhaupt nicht gefragt“, verrät er. „Es ist Frühling, und die Menschen wollen etwas Fröhliches, das zu ihnen passt. Weiß erinnert an Krankenhaus.“

Medizinische Einrichtungen profitieren ebenfalls von seinen doppellagig genähten Stoffmasken mit Nasenbügel und weichen Gummis, die sich der Kopfform angenehm anpassen. Mit dem Erwerb jedes seiner Produkte zum Stückpreis von zehn Euro – unterstützten seine Kunden nämlich die Herstellung weiterer Masken, die Haj an gemeinnützige Vereine und Pflegeeinrichtungen spendet: „Ich hoffe, dass wir mit gegenseitiger Solidarität alle gesund durch die Krise kommen“, betont der 40-Jährige. dm

Altenpflegerin begleitet Senioren durch die Krise

Sich um pflegebedürftige Senioren zu kümmern, macht Jana Wernitz große Freude. Und gerade jetzt ist im Umgang mit den älteren Menschen besonders viel Fürsorge gefordert. Aus diesem Grund freut sie sich umso mehr über die Wertschätzung, die vor allem den Pflegeberufen derzeit zuerkannt wird. „Es sind die kleinen Zeichen, die mir jedes Mal Gänsehaut bereiten“, sagt sie.

Jana Wernitz (42) arbeitet als ambulante Altenpflegefachkraft bei der Caritas Sozialstation in Tegel. „Auch, wenn die Gefahr hoch ist, dass ich mich selbst mit dem Virus infiziere, habe ich keine Angst davor, weil ich noch jung und gesund bin und ein gutes Immunsystem habe“, so Wernitz. Vielmehr mache sie sich Sorgen um die Senioren, die zur Risikogruppe gehören. „Da dürfen uns keine Fehler passieren“, so die Altenpflegerin. „Wir tun unser Bestmögliches, damit sich niemand mit dem Virus infiziert.“ Dazu gehören strenge Infektionsschutzmaßnahmen, wie das Tragen von Gesichtsmasken und Handschuhen während der Arbeit sowie gründliche Desinfektion. Bislang sei alles gut gegangen.

Doch nicht alle Senioren haben Verständnis für die Situation. „Einige sind aufgrund der ganzen Maßnahmen verunsichert und fragen beispielsweise, warum wir plötzlich Gesichtsmasken tragen.“ Und eine ihrer Kundinnen habe aus Angst vor Lieferengpässen ihre Medikamente nicht eingenommen. Trotz dieser Herausforderungen macht Jana Wernitz den Job weiterhin gerne. „Die Sinnhaftigkeit, indem ich anderen Menschen helfe, gibt mir unglaublich viel Kraft.“ cb

Wegweiserin durch den Antragsdschungel

Für mehr als 200.000 Antragsteller hat die Investitionsbank Berlin (IBB) die Soforthilfe zur Bewältigung der Corona-Krise bereits ausgezahlt. Nicht ganz so vielen habe Melek Uzun (41) telefonisch beim Eingeben der Anträge im Internet geholfen, sagt sie und lacht.

Uzun arbeitet bei der Telefonhotline der IBB. „Mein Rekord war 95 Telefonate an einem Tag. Die meisten Leute hatten inhaltliche Fragen, aber wollten manchmal auch einfach wissen, wo sie den Antrag stellen können“, erzählt die Angestellte, die auch die Teamleistung der IBB in Sachen Coronahilfe betont.

Melek Uzun ist auch Wegweiserin durch den Antragsdschungel. Gerade ältere Menschen, die ein Unternehmen führen, hätten stärkeren Beratungsbedarf bei der Bearbeitung der Formulare auf den Internetseiten gehabt, so die Telefonistin. Vielen Antragstellern sei anzumerken gewesen, dass sie die Situation emotional belaste, sagt Uzun, die stets versucht habe, den Betroffenen gut zuzureden.

„Ich war an der einen oder anderen Stelle auch zu Tränen gerührt“, gibt sie zu. Da gab es etwa den Fall einer türkisch-stämmigen Friseurin, die Melek Uzun aufgrund ihres Namens sofort auf Türkisch ansprach und um Hilfe bat. „Sie hatte Existenzängste und dachte, ihr Vermieter würde sie rauswerfen. Ich habe ihr Schritt für Schritt den Weg gezeigt“, berichtet Uzun. Nicht wenige Antragsteller hätten noch einmal angerufen, um sich zu bedanken. Melek Uzun hofft nun, dass sie einigen Unternehmern mit ihrer Arbeit ein wenig Luft zum Atmen in der Corona-Krise verschafft hat. ba

Hausarzt behandelt seine Patienten auch am Telefon

In Tagen wie diesen sind es die Patienten, die Wolfgang Kreischer sagen, er solle gesund bleiben. Der Hausarzt hat seine Praxis in Zehlendorf. Seit dem Ausbruch des Coronavirus in Berlin hat er auf Notbetrieb umgestellt – um seine Mitarbeiter und sich zu schützen. In den meisten Fällen berät der Hausarzt über das Telefon, stellt Rezepte aus oder schreibt Patienten krank.

Vor der Pandemie habe Kreischer seinen Patienten aufmunternd die Schulter berühren können oder ihnen einen Moment länger zuhören können. Nun seien die Behandlungen auf kurze Gespräche am Telefon reduziert. Mit anrufenden Patienten vereinbaren seine Helferinnen Rückrufe, die Kreischer abarbeitet. In seiner Praxis behandelt er ausschließlich mit Schutzausrüstung. Patienten müssen mit Mundschutz erscheinen. Wer keinen hat, wird nach Hause geschickt.

Zu Beginn der Krise sei die Schutzausrüstung knapp geworden, so Kreischer. „Es ist frustrierend, dass die Politik uns ohne Bewaffnung gegen das Virus kämpfen lässt“, sagt der Hausarzt. Mittlerweile sei die Situation noch immer nicht befriedigend. Einen Mundschutz müsse er beispielsweise länger tragen als vom Robert-Koch-Institut empfohlen. Teilweise erhitzt er sie im Backofen, um sie zu sterilisieren.

Angst davor, sich selbst anzustecken, habe er nicht. Das werde früher oder später ohnehin passieren. Bislang hat Kreischer bei etwa 80 Patienten einen Abstrich nehmen lassen. Nur drei der Tests seien positiv gewesen. „Das macht mir Hoffnung.“

Coronavirus in Berlin - Das müssen Berliner wissen: