Osterbotschaft

„Eine Krankheit ist keine Strafe Gottes“

Bischof Christian Stäblein sieht die Osterbotschaft als Hoffnungsstifter in der Corona-Krise. Seinen Segen spendet er online.

Der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin Brandenburg, Christian Stäblein.

Der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin Brandenburg, Christian Stäblein.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. Eigentlich hatten wir uns zu einem Osterspaziergang verabredet. Frei nach Johann Wolfgang von Goethes so einfühlsamem Ostergedicht „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden, belebenden Blick…“ Wie das Erwachen vom Frühling kündet ja auch das christliche Osterfest von Auferstehung und neuem Leben. Eine Botschaft, die in diesem Jahr eine besondere Bedeutung hat. Darüber hat Jochim Stoltenberg mit dem Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Dr. Christian Stäblein, gesprochen.

Herr Bischof, hat es das schon einmal gegeben, dass die Gläubigen an Ostern, dem höchsten Feiertag der Christen, keinen Gottesdienst besuchen durften?

Christian Stäblein Ich kann mich nicht daran erinnern. Wir haben gewiss schon größere Krisen im Leben gehabt, und ich bin kein Freund der großen geschichtlichen Vergleiche in dieser Sache. Aber es ist schon eine ganz besondere Zeit. Das betrifft natürlich auch uns als Kirche.

Für die Gläubigen keine Gottesdienste in ihren Kirchen. Dabei ist Ostern doch das zentrale Fest der Auferstehung und damit verbunden die Botschaft der Hoffnung auf Leben auch nach dem Tod. Was bleibt von dieser Botschaft angesichts von Corona?

Es ist ganz wichtig, Karfreitag, den Tag der Kreuzigung und des Todes, in Verbindung mit Ostern, dem Fest der Auferstehung, des Lebens und damit der Hoffnung, zu sehen. Zum einen ist da ein tiefes Vertrauen an einen Gott, der mit leidet, mit stirbt und in diesem Leiden ganz nah bei seinem Sohn ist. Andererseits das tiefe Vertrauen auf die Auferstehung, also auf das Versprechen, dass nach dem Tod eine ungeahnte, unglaubliche Nähe zu Gott durch Gott wieder hergestellt wird.

Wie ist das heute den Menschen zu vermitteln?

Ich glaube, dass wir in der Gesellschaft gerade ein neues Karfreitagsverständnis miteinander entwickeln. Beim Leiden und Sterben so vieler Menschen im Moment oft nichts tun zu können, das ist ja unsere große Ohnmacht. Wir können zwar medizinisch unheimlich viel helfen und die Sterbenden begleiten. Aber wir haben noch kein Mittel gegen diese Krankheit. Wir spüren in dieser Weise fast ein kollektives Karfreitagserleben, wie wir es in den vergangenen Jahren kaum erfahren haben. Der Tod ist in der Gesellschaft präsent, uns plötzlich ganz nah gekommen.

Und die Osterbotschaft?

Sie ist jetzt wieder konkreter spürbar als eine Hoffnung über den Tod hinaus. Die Menschen erleben eine tiefe Sehnsucht danach. Wenn ihnen zugesprochen wird, dass das, was wir gerade erleben, nicht alles ist auf dieser Welt ist, können wir Trost und auch Mut erfahrbar machen. Ich bin beim Wort „vermitteln“, das Sie gebraucht haben, immer sehr zurückhaltend. Weil auch die Osterbotschaft nicht etwas ist, das wir vermitteln und dann kann man das schon glauben. Der Glaube bleibt am Ende ein Geschenk Gottes.

Eine Brückenbotschaft zwischen Karfreitag und Ostern?

Auf jeden Fall. Davon müssen wir glaubwürdig reden. Ostern ist kein Hinwegreden über das Leiden und auch kein einfaches Schönreden. Aber die Auferstehung Jesu ist die Hoffnung darauf, dass diese auch unser aller Zukunft sein wird.

Wie feiert der Bischof Ostern?

Ich habe das Glück, in dieser schwierigen Zeit medial feiern zu können. Am Ostersonntag mit einem Streaming-Gottesdienst in der St. Marienkirche und am Ostermontag live gestreamt eine Predigt im Dom. Ich empfinde es als großes Geschenk, dass ich auch unter diesen ungewöhnlichen Umständen die christliche Osterbotschaft verkünden kann.

Und wie sieht das private Osterfest zu Hause in Frohnau aus?

Ich denke: weniger spazieren gehen als sonst, dafür mehr spielen mit den Jungs. Und natürlich: Ostereier suchen. Dann eben mehr drinnen als draußen.

Sie wenden sich an diesen Ostertagen und auch schon in den Wochen zuvor notgedrungen über die neuen Medien aus der Distanz an die Menschen. Wie steht es um die Resonanz?

Die ist recht groß. Aber es bleibt bei vielen der Kirche verbundenen Menschen der Schmerz, dass man gerade an diesen Tagen nicht in der Kirche sein darf. Man spürt jetzt noch einmal mehr, was einem fehlt. Vielen stellt sich die Frage nach dem Sinn von Gottes Wollen in all den Sorgen und Nöten, die uns in dieser Zeit bewegen. In all dem, was ich aus der Bibel herauslese, ist eine Krankheit keine Strafe Gottes oder gar ein pädagogisches Gebot um zu zeigen, wie wir Menschen leben sollten, wie wir sein sollten. Das ist keine Vorstellung von Gott, die ich teilen kann. Um diese Frage nach dem Willen Gottes ringen gerade jetzt ja sehr viele Menschen. Das spüre ich auch in den vielen Mails und Telefonaten, die mich erreichen. Jeden Mittag um 12 Uhr lade ich alle Berliner, Brandenburger und Oberlausitzer ein, mit mir gemeinsam zu beten.

Über welches Medium?

Über den Sender Radio Paradiso. Und auf YouTube.

Aus dem Selbstverständnis der Kirche ist Seelsorge, zusammen mit Verkündigung und Lehre, das zentrale Gebot der Kirche. Rückt die Seelsorge, die nach Meinung vieler interner Kritiker im Vergleich zum aktuellen gesellschaftspolitischen Engagement der Kirche in den letzten Jahren zu kurz gekommen ist, wieder stärker in den Fokus?

Ich glaube, es wird wieder deutlich, dass die Seelsorge die Muttersprache der Kirche ist. Wenn die Seelsorge nicht mehr im Zentrum steht, werden auch die anderen Dinge alle sehr schnell von innen her nicht mehr so recht glaubwürdig. Mit der Seelsorge als unserer ureigenen Sprache haben wir für die Menschen da zu sein. Das sind wir ja auch, ohne dass es immer so wahrgenommen wird.

Die gegenwärtige Krise auch als Chance auf mehr Gehör?

Ich wehre mich gegen alle Aussagen, die das Gefühl vermitteln, die Krise wäre jetzt eine Chance für die Kirche. Erst einmal müssen wir die Krankheit durchstehen und die Menschen dabei begleiten. Dabei darf es nicht in erster Linie darum gehen, welche Chancen wir daraus ziehen können. Ich will kein instrumentalisierendes Verhältnis der Kirche zu dieser Krise.

Zurück zu Ostern. In Berlin, dieser nicht gerade christlichen Stadt, gibt es bei der Mehrheit der Menschen wohl ein eher rudimentäres Verständnis vom christlichen Kern des Osterfestes. Ein Fest in seiner ursprünglichen Bedeutung nur noch für eine Minderheit?

Neben vielem auch eine Frage der Bildung, warum uns ja auch der Religionsunterricht in den Schulen so wichtig ist…

… der in Berlin nur freiwillig in Zusatzstunden angeboten wird...

Leider. Darüber bin ich mit den Zuständigen aus der Berliner Politik immer wieder im Gespräch. Es ist ja um des Friedens willen in unserer multiethnischen und multireligiösen Stadt ungeheuer wichtig, dass Menschen auch über religiösen Grundfragen aufgeklärt sind. Das heißt ja gar nicht, immer glauben zu müssen. Aber es ist eine friedensstiftende Maßnahme, in religiösen Dingen im besten Sinne aufgeklärt zu sein.

Sagt die Osterbotschaft also nur noch einer Minderheit etwas?

Viele Menschen, die keinen Bezug zur christlichen Kernbotschaft haben, haben doch ein Gespür dafür, dass mit dem Osterfest etwas tief Lebensbegründendes verbunden ist. Gerade in diesem Jahr, da man nicht im größeren Familienkreis und mit Freunden feiern darf, da Reisen oder gemeinsamer Sport nicht möglich sind, auch der Osterspaziergang in größerem Kreis untersagt ist. Es entsteht womöglich doch ein Gespür dafür, dass an diesem Fest etwas stattfindet, was unser Leben insgesamt gründet. Ich glaube, auch ohne die ganze christliche Dogmatik aufsagen zu können – und wer kann das schon - haben die Menschen doch ein Gespür dafür, dass uns das Osterfest sagt, woher das Leben kommt.

Die Kirche nicht nur in dieser schweren Zeit als Trostspender und Mutmacher?

Unbedingt.

Zum Schluss, Herr Bischof, die Bitte um Ihre persönliche Osterbotschaft an die Menschen in Berlin und Brandenburg.

Ich denke dabei an bildliche Darstellungen, die man in den Kirchen oft entdecken kann: Jesus steht mit einem Fähnchen im Sarg oder in einem Grab, als Zeichen des Sieges über den Tod. Ich mochte das Bild schon als Kind. Ich denke in diesen Tagen, dass dieses Fähnchen doch ziemlich flattert, wir erleben gegenwärtig ein Gemisch an Gefühlen, haben Schweres durchzustehen. Da flattert die Fahne, aber sie bleibt ganz fest als Zuspruch an uns alle: da ist der Sieg über den Tod.