Corona-Krise

Virologe Christian Drosten ist Welterklärer wider Willen

Der Berliner Virologe Christian Drosten ist eine der wichtigsten Stimmen in der Corona-Krise. Doch sein Einfluss ist begrenzt.

Das ist der Coronavirus-Experte Christian Drosten

Der Virologe Christian Drosten hat damals schon SARS mit entdeckt. Nun ist er der führende Experte für das neuartige Coronavirus. Von der Berliner Charité aus berät er Politiker und klärt die Bürger auf.

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  • Christian Drosten gilt in der Corona-Krise als einer der bekanntesten und einflussreichsten Virologen Deutschlands.
  • Drostens Podcast beim NDR wird täglich hundertausendfach gehört.
  • Doch der Berliner Virologe macht klar: Die Wissenschaft habe nichts zu entscheiden in der gegenwärtigen Krise, sie könne nur Daten liefern und Szenarien berechnen.
  • Christian Drosten wohnt mit seiner Frau und seinem Sohn in Prenzlauer Berg.
  • Drosten trägt eine Gesichtsmaske, wenn er etwa in den Supermarkt einkaufen geht

Berlin. Vergangene Woche plagte Christian Drosten eine Erkältung. Die Stimme machte nicht mehr mit. Auch, wenn er sogleich negativ auf das Virus getestet wurde, musste Deutschlands bekanntester Virologe schweigen.

So ganz unrecht kam es dem Professor wohl nicht, kürzer zu treten in seiner medialen Präsenz. Seit Wochen war der 47-Jährige mit dem wuscheligen dunklen Haar Dauergast in den TV-Talkrunden. Hunderttausende hören seine halbstündigen täglichen Podcasts beim NDR. 210.000 Follower bei Twitter lauern auf seine seltenen Tweets wie auf Botschaften eines großen Weisen.

Die Berliner Komödiantin Sarah Bosetti verlas neulich im ZDF einen Brief an den „coolen Typ“, dem „halb Twitter Heiratsanträge“ mache. Er möge doch seine Macht missbrauchen, zwischen die echten Fakten ein paar Fake News einstreuen, so wie „Corona befällt bevorzugt Rassisten“. Drosten habe doch so ein „kleines bisschen Weltherrschaft“.

Christian Drosten: Kein Wissenschaftler hat ein demokratisches Mandat

Nun ist Christian Drosten ein Mann mit Humor, der Comedy vom Ernst des Lebens zu unterscheiden weiß. Gleichwohl sind es solche Zuschreibungen, die den Forscher auf die Palme bringen. Die Wissenschaft habe nichts zu entscheiden in der gegenwärtigen Krise, sie könne nur Daten liefern und Szenarien berechnen, wobei sie aber auch sagen müsse, wo deren Sicherheit aufhöre, predigt er seit Wochen. „Kein Wissenschaftler wird Dinge sagen wie: Diese politische Entscheidung war richtig“, betonte Drosten neulich in dem NDR-Podcast.

Die Politik müsse nach Abwägung von Empfehlungen auch anderer Disziplinen Beschlüsse fassen und Kontakte beschränken, Schulen schließen oder Ausgangssperren verhängen. Aber dabei, so die Botschaft, könne sie sich nicht auf ihn und seine Kollegen berufen. Kein Wissenschaftler habe ein demokratisches Mandat, sagte Drosten.

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Christian Drosten: „Ich sehe mich selber als Comicfigur gezeichnet“

Der Mann, der auf einem emsländischen Bauernhof aufwuchs, ist inzwischen selbst Objekt medialer Betrachtung. „Ich sehe mich selber als Comicfigur gezeichnet, und mir wird schlecht dabei. Ich bin wirklich wütend darüber, wie hier Personen für ein Bild missbraucht werden, das Medien zeichnen wollen, um zu kontrastieren. Das muss wirklich aufhören“, schimpfte der sonst so freundliche Emsländer. Wissenschaftlern, also auch ihm, würden „Dinge angehängt, die so nicht stimmen“.

Er berichtete von einer E-Mail, in der er für den Selbstmord des hessischen Finanzministers Thomas Schäfer verantwortlich gemacht worden sei. Das sei ein Signal, dass wir „über eine Grenze von Vernunft schon lange hinaus sind in dieser mediengeführten öffentlichen Debatte. Und ich habe damit langsam wirklich ein Problem.“

Was epidemiologisch richtig ist, wird nicht immer richtig verstanden

Der vor wenigen Wochen nur einer Fachwelt bekannte Mediziner hat mit seiner großen Offenheit selber dazu beigetragen, dass er so berühmt geworden ist. Doch schon in den ersten Wochen der Krise, als er noch öffentliche Vorlesungen hielt und Gruppen von Journalisten empfing, war ihm klar, in welche Richtung es laufen würde. Schon damals reagierte er unwirsch auf Fragen, die er als unsinnig betrachtete. So wie die, wie man denn jetzt nicht in Panik verfallen solle. Seine Prognose, 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung würden sich infizieren, hatte diese Verunsicherung mit ausgelöst. Was epidemiologisch richtig ist, wird eben in der Öffentlichkeit nicht immer richtig verstanden.

Auch um die Ehre seiner Zunft zu retten, macht Drosten trotzdem weiter. Dabei brauche er dieses „öffentliche Exponieren“ gar nicht, sagte er. Es könne für einen Wissenschaftler sogar „karriereschädigend“ sein, sich in die Öffentlichkeit zu begeben. „Denn da muss man vereinfachen.“ Und das ist ja gerade bei einer komplexen Thematik wie einem neuen Virus und seinen Folgen nicht immer die richtige Methode, schon gar nicht für einen, der zu den führenden Experten für Coronaviren auf der Welt gehört.

Drostens Ruf an die Berliner Charité war eine Herausforderung

Gerade Drostens Fähigkeit, medizinische Sachverhalte auch für Laien nachvollziehbar zu erklären, macht ihn so populär. Der Körper fresse mit seiner Immunreaktion ein Loch in die Schleimhaut, in die sich die Viren angelagert haben, sagte der Professor zum Beispiel mal auf die Frage, was die Beschwerden bei Covid-19 eigentlich konkret auslöse. Die folgende inflammatorische Reaktion sei dann das „Reparaturprogramm des Körpers“. Ein Nicht-Mediziner hätte womöglich „Entzündung“ gesagt. Aber ansonsten kann das interessierte Publikum solche Aussagen komplett nachvollziehen. Nur selten verliert sich Drosten in Fachbegriffen. Dann hört er sich kurz so an wie der Nerd, der er auf seinem Feld natürlich ist.

Nur wegen seiner großen Sachkenntnis fühlt er sich überhaupt gewappnet, Formate wie den halbstündigen Podcast mit den NDR-Moderatorinnen fast wie Monologe zu führen. „Ich bewege mich seit Jahren in diesem Forschungsfeld und fühle mich zu epidemischen Coronaviren sicher“, sagte Drosten. 2003 gehörte er, noch zu seiner Zeit an der Universität Bonn, zu den Mitentdeckern des SARS-assoziiertem Coronavirus (SARS-CoV). Mit seiner Gruppe erforschte er später die im Mittleren Osten verbreitete MERS-Variante. 2017 wechselte er an die Charité und zog 25 Mitarbeiter mit sich an die Spree.

Das Institut in Bonn sei zwar „sehr erfolgreich“ gewesen, sagte er lange vor dem Ausbruch der aktuellen Krise in einem Interview für die Wissenschaftsinitiative Brain City Berlin. Die Charité habe aber eine „besondere Anziehungskraft auf jeden Mediziner“. Berlins Universitätsklinik sei „sicher kein sanftes Ruhekissen sondern ein Ort, wo man etwas bewegen muss – aber auch kann und darf“, beschrieb er seine Beweggründe. Deutschlandweit sei das bekannt, weswegen eine Professur an der Charité sowohl eine Herausforderung als auch eine Auszeichnung sei.

Virologe Christian Drosten sieht sich nicht als genialen Einzelgänger

Seinem Thema, den Coronaviren, blieb er auch an der neuen Wirkungsstätte in dem historischen Bau auf dem Charité Campus Mitte treu. Für das neue Sars-Cov-2, das seit Dezember 2019 der Welt den Atem nimmt, entwickelte sein Team schon im Januar einen Test, den die Berliner weltweit zur Verfügung stellten.

Drosten ist ein Anhänger von geteilter Information. Das altmodische Bild eines genialen Wissenschaftlers, der im Labor alleine vor sich hin werkelt, trifft bei ihm so wenig zu wie auf die meisten Forscher heutzutage. Ein „prima Typ“ sei der neuerdings so prominente Kollege, lobt der Vorstandschef der Charité Heyo Kroemer, der schon mehrfach mit Drosten als Politik-Berater in Ministerpräsidentenkonferenzen, Telefonschalten oder Senatssitzungen präsent war.

Drosten untersuchte im Team erste in Deutschland mit Corona Infizierte

Neben all diesen Auftritten kommt der Professor sogar noch zu seinem eigentlichen Job und verfasst Studien. So galt sein Interesse in den vergangenen Tagen vor allem der ersten in Deutschland mit Corona infizierten Patienten, die er gemeinsam mit Bayerischen Medizinern untersucht hat. Mitarbeiter eines Automobilzulieferers aus dem Kreis Starnberg bei München hatten sich schon im Januar bei einer chinesischen Kollegin angesteckt, mehr als 200 Kontaktpersonen wurden identifiziert. „Zu diesem Zeitpunkt wussten wir wirklich nur sehr wenig über das neuartige Coronavirus, das wir jetzt als SARS-CoV-2 kennen“, sagte Drosten als einer beiden leitenden Autoren der Studie. „Wir haben diese neun Fälle über ihren Krankheitsverlauf hinweg deshalb sehr engmaschig virologisch untersucht – und so viele wichtige Details über das neue Virus erfahren.“

Viele dieser Erkenntnisse sind heute schon fast Allgemeingut – wie die Tatsache, dass sich Covid-19 stark im Rachenraum und weniger tief in der Lunge festsetzt und deshalb so ansteckend ist. Drosten und seine Mitstreiter haben aber auch die Wahrscheinlichkeiten von Ansteckungen ermittelt. In der Familie mit engeren Kontakten hätten sie bei zehn Prozent gelegen, in der Arbeitswelt oder Freizeit bei etwa fünf Prozent.

Jeder 20. Kontakt, mit dem ein Infizierter 15 Minuten normal gesprochen hatte, steckt sich also an. Ob das viel oder wenig, beruhigend oder beängstigend ist, sagen die Forscher nicht. Das wäre nicht wissenschaftlich. Aber jeder könne solche Hinweise für sein persönliches Verhalten nutzen, rät Drosten. Denn totalitär sind die Aussagen des Professors nie. Immer wieder sagt er, dass Treffen in der Familie eben nicht komplett unterbunden werden könnten. Wenn er junge Leute „im Partymodus“ sehe, dann frage er sich zwar schon „ob das denn gut geht“. Auf die Idee, alles noch strenger zu verbieten, kommt er jedoch nicht.

Drosten trägt beim Einkaufen eine Gesichtsmaske

Inzwischen werden die Verhaltenstipps des Menschen Christian Drosten fast ebenso wichtig genommen wie die Sätze des Virologen. Der Star-Mediziner, so zeigt es sich, lebt ganz normal. Drosten ist überzeugter Stadtbewohner. Statt in eine Professoren-Villa im Südwesten zog er nach Prenzlauer Berg, wo er mit Frau und Sohn lebt. Eine große Stadt sei „ein Stimulus, den ich zum Leben brauche – und da ist Berlin natürlich die beste und zweifelsfrei interessanteste Stadt in Deutschland“, verriet er im Brain City Interview. Wie so viele andere Prenzlauer Berger nutzt er meist das Fahrrad, wenn er ins Institut muss oder zu anderen Terminen. Regelmäßig gehe er laufen, sei „ganz gut im Training“.

Er trage eine Gesichtsmaske, wenn er etwa in den Supermarkt einkaufen geht, auch mal sonntags an der Friedrichstraße. Dort fragt er sich dann wie viele andere Menschen auch, ob die Leute wirklich alle den geforderten Abstand einhalten. Die Maske, die ihm das Team einer Intensivstation geschenkt hat, dient ihm aber nicht zum Selbstschutz. Da helfen die Masken nicht zuverlässig. Er trägt sie aus Rücksicht auf seine Mitmenschen. Falls er infiziert wäre, blieben die vor seinem Husten und Speichel verschont. „Maskentragen ist eine höfliche Geste“, sagt er. Auch zur diskutierten Ortung von Infizierten und Kontaktpersonen via Handy hat er eine klare Meinung: „Ich würde das als aufgeklärter Bürger sofort freischalten“, sagt er, ohne zuvor nicht verschwiegen zu haben, dass er technisch davon nichts verstehe.

Christian Drosten übt sich in Geduld

Er sagt oft, dass er etwas nicht weiß. Dass es dazu keine Erkenntnisse gibt. Dass es sich nur um Spekulationen handele. Dass ihm der Name eines Hoffnung machenden Medikaments gerade nicht einfalle. Womöglich ist es gerade diese Ehrlichkeit, die bei vielen Menschen so gut ankommt. Künftig wird Christian Drosten wohl weniger öffentlich zu sehen sein. Nur seinen Podcast beim NDR, den hat er auch mit kratzender Stimme wieder aufgenommen. Hat ausgiebig über den Stand der Entwicklung von Impfstoffen gesprochen, obwohl er doch als „Wald- und Wiesen-Virologe“ kein Spezialist für dieses Thema sei. Große Hoffnung, dass ein Impfstoff vor dem nächsten Sommer zur Verfügung stehen werde, konnte er nicht machen. Das sei doch alles ziemlich kompliziert und langwierig.

Und so muss sich auch Deutschlands bekanntester Mediziner in Geduld üben. Die Zurückhaltung ist auch der Lage geschuldet. Die Kontaktsperren sind verhängt bis 20. April. Die Menschen passen sich an. Als Welt- und Virenerklärer wird Christian Drosten weniger benötigt denn als das, was er wirklich ist: Ein Wissenschaftler, der mit seinen Kollegen nun Zeit braucht, um Covid-19 besser zu verstehen und Gegenmittel zu entwickeln.

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