Corona in Berlin

Berliner Wirtschaft im Griff der Corona-Krise

95 Prozent der Unternehmen berichten laut einer Umfrage von schlechteren Geschäften. Ein Überblick.

Merkel: Corona-Zahlen machen "ein wenig Hoffnung"

Laut Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) machen die neuesten Corona-Infektionszahlen Hoffnung, eine Lockerung der Ausgangsbeschränkungen komme allerdings noch nicht in Frage.

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Berlin. Die Lage ist verheerend. Bei einer Umfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) unter 2300 Berliner Firmen berichteten 95 Prozent der Unternehmen angesichts der Corona-Krise von schlechteren Geschäften. Mehr als die Hälfte der Betriebe hat wegen der Pandemie vorübergehend geschlossen, andere wiederum kämpfen so gut es geht dagegen an. In einigen Bereichen kann die Unterstützung des Staates helfen.

22.600 Firmen in Berlin hatten bereits Kurzarbeit für ihre Mitarbeiter beantragt. Zumindest eine Zeit lang übernimmt dann die Arbeitsagentur das Gehalt für die Beschäftigten. Das Land Berlin hatte darüber hinaus rund 1,3 Milliarden Euro Zuschüsse an etwa 150.000 Kleinunternehmer, Freiberufler und Solo-Selbstständige ausgezahlt. Auch mithilfe von Darlehen können die Betriebe zumindest eine kurzfristige Pleite verhindern. Auf die Liquiditätshilfen setzt laut IHK aber nur eins von drei Unternehmen. 81 Prozent beantragten Soforthilfen des Bundes und des Landes, 61 Prozent Kurzarbeitergeld.

Dennoch fürchtet laut Kammer-Umfrage ein Drittel der befragten Unternehmen sogar die Insolvenz. Jede zweite Berliner Firma plant in den nächsten Monaten Arbeitsplätze abzubauen, auch weil sich durch die Krise deutliche Umsatzeinbußen abzeichnen: 50 Prozent der Unternehmen rechnen damit, mindestens die Hälfte ihrer üblichen Erträge in diesem Jahr zu verlieren. In der Tourismusbranche gehen sogar 80 Prozent der Firmen von Umsatzverlusten aufgrund der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Schließungen von Hotels und Restaurants aus.

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Anders als mit verheerend lasse sich die aktuelle Lage für die Berliner Unternehmen nicht bezeichnen, kommentierte IHK-Präsidentin Beatrice Kramm die Stimmung. „Die Berliner Wirtschaft ist im bundesweiten Vergleich flächendeckend stärker von den Auswirkungen der Corona-Maßnahmen betroffen und wir müssen uns darauf einstellen, dass nicht alle Unternehmen den derzeitigen Lockdown überleben“, sagte Kramm.

Coronavirus in Berlin: Wörlitz Tourist fordert Hilfen vom Land

Ulrich Basteck musste sich als Reiseunternehmer zuletzt ein dickes Fell wachsen lassen: Mit seiner Firmengruppe hat er in den vergangenen Jahren zahlreiche Krisen durchgemacht, darunter der Rückgang des Türkei-Geschäfts und die Pleiten von Air Berlin, Germania sowie zuletzt von Thomas Cook. „Wir sind krisenerprobt. Aber das, was derzeit passiert, war unvorstellbar“, sagt Basteck mit Blick auf die aktuelle Corona-Krise.

Vor 30 Jahren hatte der Unternehmer Wörlitz Tourist gegründet, für den Sommer stand eigentlich eine große Jubiläumsfeier an. „Mit 60 steige ich jetzt nochmal in den Ring, ziehe mir die Boxhandschuhe an und kämpfe“, erzählt Basteck. Corona hat seine Firma mit insgesamt 16 Reisebüros, 22 Bussen und mehr als 200 Mitarbeitern hart getroffen. Eigentlich sollte die Reisesaison im März langsam beginnen. Basteck hatte für verschiedene Gruppenreisen bereits Hotels und auch drei Fluss-Kreuzfahrtschiffe gebucht und bezahlt. Die Kosten dafür sollten durch die Reisen refinanziert werden. Doch wegen Corona hat sein Unternehmen nun zunächst bis Ende April alle Aktivitäten abgesagt. „Wir müssen schauen, wie und ob es ab Mai weitergeht“, so der Geschäftsführer. Für einen Großteil seiner Belegschaft hat er zunächst Kurzarbeit anmelden müssen.

Erste Hilfe hat Basteck über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) in Form eines Darlehens beantragt. Deutlich mehr Unterstützung hatte er sich hingegen von der Berliner Landespolitik erhofft. Der Senat hat im Gegensatz zu zahlreichen anderen Bundesländern bislang darauf verzichtet, Zuschüsse für Unternehmen mit mehr als zehn Mitarbeitern bereitzustellen. Ein einzelnes Reisebüro bekäme bis zu 15.000 Euro Zuschuss, eine Firma, die 16 Reisebüros betreibt hingegen nichts, beklagt er. Basteck hält das für falsch. „Die Probleme sind nicht weniger, sondern 16-Mal so groß“, so der Firmenchef.

Menzel setzt in der Corona-Krise auf Prinzip des Baukastens

Die Technik von Menzel Elektromotoren ist auf der ganzen Welt gefragt. Erst in der vergangenen Woche brachten Mitarbeiter des Mittelständlers aus Moabit einen Elektromotor in den US-Bundesstaat Texas zu einem Kunden, der dort ein Zementwerk betreibt. Mathis Menzel, Geschäftsführer des Unternehmens, erzählt, dass er auch mal Flugzeuge chartere. Kürzlich etwa wurde so ein Elektromotor in die algerische Wüste gebracht. Dort bohrt der Kunde von Menzel, ein indonesischer Konzern, nach Öl. Aufträge für ähnlich langfristige Projektgeschäfte seien wegen der Corona-Krise allerdings deutlich zurückgegangen, beklagt der Firmenchef. „Viele Kunden schrecken aufgrund der derzeitigen Lage davor zurück, Aufträge mit längerem Vorlauf zu erteilen“, sagt Menzel. Je nach Größe des Projekts könne die Fertigung eines Elektromotors bis zu neun Monate dauern.

Kurzarbeit gibt es bei Menzel dennoch nicht. Die 85 Mitarbeiter in dem Berliner Werk des Mittelständlers arbeiten unter Volllast. Grund dafür ist die explosionsartig gestiegene Nachfrage für kurzfristige Projekte. Kunden, die innerhalb von ein paar Tagen Ersatz für kaputt gegangene Technik suchen, kann Menzel dank seines vollen Lagers (Wert: gut zehn Millionen Euro) helfen. Dort lagern die für einen Elektromotor wichtigen Grundkomponenten wie Gehäuse, Rotoren oder Wicklungen. Die Menzel-Mitarbeiter müssten die Teile nur noch montieren und an die Gegebenheiten beim Kunden anpassen. „Das funktioniert in etwa so wie bei einem Ikea-Schrank“, sagt Menzel. Zu den Kunden zählen auch Berliner Krankenhäuser. Macht in den Einrichtungen zum Beispiel der Belüftungsmotor einer Klimaanlage schlapp, sorgt Menzel für Ersatz.

Spandauer BMW-Werk will Verluste bei der Produktion wieder aufholen

Im Spandauer Motorradwerk des bayrischen Konzerns BMW stehen seit gut zwei Wochen die Bänder still. Die weltweite Pandemie habe immense Auswirkungen auf die Nachfrage nach den Zweirädern, sagt Werksleiter Helmut Schramm. Gesundheit und Schutz der Belegschaft vor einer Infektion hätten oberste Priorität. „Darauf haben wir vorausschauend reagiert“, so Schramm. Konzernweit hatte BMW für knapp 20.000 Mitarbeiter Kurzarbeit angemeldet, teilte das Unternehmen erst vor ein paar Tagen mit.

Im Spandauer Motorradwerk befänden sich viele der rund 2000 Mitarbeiter darüber hinaus im Homeoffice. Andere konzentrieren sich zudem bereits auf Vorbereitungen, um die Produktion bald wieder aufnehmen zu können. „Natürlich ist es nicht so, dass wir alle Lichter ausgeschaltet und sämtliche Hallen verschlossen haben. Wir nutzen die Unterbrechung der Serienproduktion, um uns auf die Anläufe kommender Produkte vorzubereiten und Anlagen zu warten“, erklärt Schramm. Derzeit arbeiten seine Leute an Lösungen, um den durch Corona ausgefallenen Produktionsumfang wieder aufzuholen. „Das ist sehr anspruchsvoll. Es wird eine Zeit nach Corona geben, davon bin ich fest überzeugt. Mit unserem exzellenten Team ist mir überhaupt nicht bange“, sagt der Werksleiter.

Im vergangenen Jahr hatte BMW im Spandauer Werk insgesamt 155.367 Maschinen produziert. Mit langfristigen Änderungen im Motorrad-Geschäft rechnet der Ingenieur zunächst nicht. „Wir haben hervorragende und begehrte Produkte und weltweit eine starke Fan-Gemeinde. In den vergangenen Jahren haben wir mehrfach bewiesen, dass wir im Werk Berlin nicht nur die besten Motorräder bauen, sondern auch absolut wettbewerbsfähig sind“, erzählt der Werksleiter. Wie lange es allerdings dauern werde, die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise zu überwinden, sei nicht verlässlich vorherzusagen.

Zeitfracht-Flieger müssen derzeit am Boden bleiben

Vor allem für die Lufthansa-Tochter Eurowings waren die Maschinen des Berliner Misch-Konzerns Zeitfracht vor der Corona-Krise unterwegs. Da Eurowings mittlerweile einen Großteil des Flugbetriebs eingestellt hat, müssen auch die 20 Zeitfracht-Flieger, die von den Berlinern über die Tochterfirmen LGW und WDL betrieben werden, am Boden bleiben. Für die mehr als 500 betroffenen Mitarbeiter habe das Unternehmen bereits Kurzarbeit angemeldet, sagt Finanz-Vorstand Wolfram Simon-Schröter. Insgesamt sei etwa ein Drittel der konzernweit 3000 Beschäftigten von Kurzarbeit betroffen. Denn auch bei dem erst im vergangenen Sommer übernommenen Buchgroßhändler KNV habe Corona zu Einschnitten geführt, so Simon-Schröter.

KNV beliefert vor allem deutsche Buchhändler. Doch wegen der staatlich verordneten Beschränkungen mussten die stationären Geschäfte schließen. KNV reduzierte aufgrund der sinkenden Nachfrage die Zahl der Touren, liefert statt zuvor sechsmal nur noch viermal wöchentlich Bücher. Kurzarbeit sei vor allem für den Verwaltungsbereich des Großhändlers beantragt worden.

Die derzeitige Lage bezeichnet Simon-Schröter als „enorme finanzielle Sonderbelastung“. „Wir werden auch Gebrauch von den durch die Politik zugesagten Hilfsleistungen machen und zum Beispiel Kredite bei der KfW beantragen“, sagt er. Bei Zeitfracht gebe es aber die Prämisse, dass sich einzelne Sparten aus sich selbst heraus tragen sollten. „Wir wissen nicht, wann und wie es weitergeht. Deswegen müssen wir uns mit allen möglichen Szenarien vertraut machen“, so Simon-Schröter.

Die Corona-Krise sei zweifellos ein „schwerer Test“, aber nicht die schlimmste Zeit für das Unternehmen, sagt der Finanzchef mit Blick auf die fast 95-jährige Geschichte von Zeitfracht und dem dazwischen liegenden Zweiten Weltkrieg.

Chef des E-Scooter-Anbieters Tier verzichtet auf Gehalt

Berlinweit haben die E-Scooter-Anbieter ihre schnellen Flitzer angesichts der Corona-Krise und der dadurch gesunkenen Nachfrage von den Straßen genommen. Das junge Berliner Unternehmen Tier Mobility hingegen ist einen anderen Weg gegangen. „Wir haben uns als einziger Anbieter in Berlin dazu entschieden, weiterzumachen“, sagt Tier-Mobility-Gründer Lawrence Leuschner. Von den zuvor rund 2000 E-Scootern seien derzeit noch etwa 700 im Berliner Stadtgebiet verteilt. Leuschner sagt, er habe beobachtet, dass Beschäftigte in systemrelevanten Berufen nach wie vor noch zur Arbeit kommen müssten und dabei aber zunehmend den öffentlichen Nahverkehr meiden würden.

Tier stellt deswegen Menschen, die in systemrelevanten Berufen tätig sind – etwa medizinischem Personal, Supermarkt-Angestellten oder Polizisten –, die E-Scooter in den nächsten zwei Wochen kostenlos zur Verfügung, kündigt Leuschner an. „Wir wollen unseren Beitrag leisten“, sagt der Unternehmer.

Tier selbst hat unterdessen intern bereits Sparmaßnahmen eingeleitet. Für einen Großteil der rund 200 Mitarbeiter in Berlin sei Kurzarbeit beantragt worden. Mit vielen Vertragspartnern habe sich sein Unternehmen zudem darauf geeinigt, Zahlungen zunächst auszusetzen. Die fünf Mitglieder der Tier-Geschäftsleitung hätten sich zudem darüber verständigt, zur Bewältigung der Corona-Krise vorübergehend komplett auf ihr Gehalt zu verzichten, so Leuschner. Das Start-up müsse sparen, um durch die Krise zu kommen, erzählt er.

Hilfe in Form von Zuschüssen oder Darlehen durch das Land Berlin oder den Bund gab es für Start-ups zunächst nicht. Erst am vergangenen Mittwoch legte die Bundesregierung ein kurzfristiges Hilfspaket für die jungen Firmen auf. Leuschner will nun schauen, ob auch Tier Hilfe erhalten könne.

Coronavirus in Berlin - Das müssen Berliner wissen: