Corona in Berlin

Das sind Berlins Helden des Alltags in der Corona-Krise

Sie transportieren den Müll ab, liefern die Post aus, kümmern sich um Zootiere oder führen Corona-Tests aus: Berlins Corona-Helden.

Sascha Dornbusch arbeitet bei der BSR.

Sascha Dornbusch arbeitet bei der BSR.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Sie transportieren den Müll ab, liefern die Post aus, kümmern sich um Zootiere, helfen bei Rückenschmerzen oder führen Corona-Tests aus: Berlin hat viele Helden des Alltags.

Hier kommen Sie zu Teil 1 der Serie: Helden der Krise - Ob im Supermarkt, in der Kita, bei der Feuerwehr oder in der Pflege – diese Menschen halten die Stadt am Laufen.

Müllmann aus Überzeugung

Es gibt nicht viel, was Sascha Dornbusch aus der Fassung zu bringen scheint. Der 34 Jahre alte Kraftfahrer der Müllabfuhr arbeitet für die Berliner Stadtreinigung (BSR) mit Elan und Witz – auch und besonders in Corona-Krisenzeiten: „Der Job macht mir immer noch sehr viel Spaß.“ Ein Beruf, der schon vor der Pandemie hohe Standards von seinen Mitarbeitern verlangte, die jetzt noch einmal gesteigert werden. „Ich achte noch mehr auf die Hygiene, natürlich. Vor allem wasche ich mir die Hände viel öfter“, so Dornbusch. Wie viele andere auch, gibt er zu, den Virus zunächst unterschätzt und wie eine normale Grippewelle behandelt zu haben: „Mittlerweile ist mir aber schon ein bisschen mulmig. Ich nehme die Situation sehr ernst.“ Was nicht bedeutet, dass die Pandemie nicht auch positive Entwicklungen mit sich bringt, wie Dornbusch zu berichten weiß: „Was wirklich toll ist, ist die Wertschätzung der Leute.

Manche sprechen mich auf der Tour direkt an – natürlich mit gebührendem Abstand – und bedanken sich für das, was wir tun.“ Das motiviere ihn jeden Morgen aufs Neue, sich auf den Weg zu machen – plötzliche Wertschätzung für einen Beruf, der leider noch immer mit einigen Klischees behaftet ist.

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Denn natürlich wirkt sich die Corona-Krise auch bedrückend auf den Alltag des Kraftfahrers aus und stellt ihn vor Probleme: „Das soziale Miteinander ist in jedem Fall eingeschränkt, auch bei uns auf der Arbeit unter den Kolleginnen und Kollegen.“ Besonders vermisst er dabei die Treffen in der mittlerweile geschlossenen Cafeteria. Doch Dornbusch ist ein Mann, der gerne lacht und positiv in die Zukunft sieht: „Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann dass die Corona-Krise morgen vorbei ist“, sagt er mit einem Augenzwinkern. „Ich glaube aber, wir müssen noch ein bisschen mit der Situation klarkommen.“

Dass Deutschland das als Gesellschaft schafft, da ist er sich sicher. Einen Appell an seine Mitmenschen möchte Dornbusch dann aber doch noch loswerden. Ihm falle auf, dass viele das Zuhausebleiben nutzen, um ihre Wohnung aufzuräumen. Denn häufig sind die Müllplätze auf Hinterhöfen illegalerweise mit Sperrmüll vollgestellt. „Das erschwert uns unseren Job enorm, weil wir kaum an die Tonnen kommen“, so Dornbusch. „Verzichtet bitte momentan auf Entrümplungsaktionen. Und wenn das nicht möglich ist, bringt die Sachen zum Recyclinghof.“

Tierpflegerin Anja Seiferth kümmert sich um die Panda-Bärchen

Tierpflegerin Anja Seiferth kümmert sich in den Berliner Zoos auch in diesen schwierigen Zeiten täglich um das Wohlergehen der Tiere. „Den Tieren ist es egal, ob es eine Corona-Krise gibt oder nicht. Sie wollen trotzdem versorgt werden“, sagt die Tierpflegerin. Anja Seiferth ist vor allem für den Panda-Garten zuständig und kümmert sich um die aus Asien stammenden Bären – darunter auch die sechs Monate alten Baby-Zwillinge Pit und Paule.

Seitdem das Coronavirus auch in Deutschland ausgebrochen ist, habe sich bei ihrer Arbeit im Zoo viel verändert, sagt Seiferth. Als Schutzmaßnahme vor einer Ansteckung wurden die Tierpfleger in zwei Teams eingeteilt, die zurzeit versetzt voneinander arbeiten. Das solle dazu dienen, dass sich die Mitarbeiter möglichst nicht mehr über den Weg laufen. Diese Abstandsregelung sei wichtig, findet auch Seiferth. Noch etwas hat sich für die Tierpflegerin geändert: Da keine Besucher mehr im Zoo zugelassen sind, finden keine kommentierten Fütterungen mehr statt. „Ich finde es etwas komisch, dass der Zoo auf einmal so leer ist“, sagt sie.

Abgesehen davon sei ihre Tagesroutine weiterhin die Gleiche. Morgens um acht Uhr fängt sie ihre Schicht an, begrüßt zuerst ihre Schützlinge und versorgt sie dann mit Frühstück. Danach stünden Reinigungsarbeiten an. Zurzeit gehört Seiferth zu den wenigen Menschen, die die Pandas beobachten können. Ihnen gehe es sehr gut, und sie würden ganz normal viel schlafen und sich zwischendurch austoben, versichert die Tierpflegerin. Auch die Baby-Zwillinge Pit und Paule seien wohlauf. „Die Kleinen wollen ständig beschäftigt werden und viel spielen“, so Seiferth. Nach rund neun Stunden Arbeit, nachdem sie die Pandas mit ihrem Abendbambus versorgt und in ihre Stallung gebracht hat, endet Seiferths Schicht gegen 17 Uhr.

Trotz der schwierigen Situation ist es für die junge Tierpflegerin „ganz selbstverständlich“, weiterhin zu arbeiten und sich um die Tiere zu kümmern. Ihr Job und die Coronakrise sind für sie „zwei unterschiedliche paar Schuhe“. „Ich fühle mich im Zoo nicht gefährdeter als in meinem ganz normalen Alltag zu Hause“, erklärt sie. Außerdem würden im Zoo viele Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden, sodass die Tierpfleger keine Bedenken haben müssen, findet Seiferth. Dennoch habe sie durchaus Respekt vor dem Virus. Wie es weitergeht, weiß die Tierpflegerin jedoch nicht. „Jeden Tag verändert sich die Situation.“ Doch eins ist sicher: Für ihre Schützlinge will sie auf jeden Fall weiterhin da sein.

Studentin aus Reinickendorf hilft bei Corona-Tests

Gelber Ganzkörperanzug mit Kapuze, Schutzbrille, Handschuhe und Atemschutzmaske: So eingepackt hilft Medizinstudentin Nina Leimer (20) bei Coronavirus-Tests in Lübars. „Wenn man die Nachrichten schaut – ein bisschen beängstigend ist das schon alles“, sagte die gelernte Rettungssanitäterin. Sie selbst habe aber keine Angst vor einer Ansteckung: „Ich glaube, Ruhe zu bewahren ist das Wichtigste.“ Sie versuche zu helfen sowie Schutzmaßnahmen und die Regeln einzuhalten.

Patienten werden seit dem 20. März in einem Zelt neben der Arztpraxis von Nina Leimers Stiefmutter Ulrike Leimer-Lipke im Bezirk Reinickendorf getestet: ab 6 Uhr morgens, vor der normalen Sprechstunde. Zwar frören die Patienten ebenso wie das Personal, aber man achte penibel auf eine räumliche und zeitliche Trennung der Corona-Verdachtsfälle von anderen Patienten, schilderte die Ärztin. 150 Abstriche habe das Team bisher genommen, sieben Patienten seien positiv getestet worden. Momentan fehle es jedoch an Abstrichen, sagt Leimer-Lipke. Für die Labore sei es auch eng bei den Reagenzien, sodass die Bestimmung länger dauern könne.

Am Tag kämen inzwischen 20 bis 30 Menschen zu ihnen, sagte Nina Leimer. Die Wertschätzung der Menschen für ihre Hilfe sei groß. Wie viele niedergelassene Ärzte in Berlin Patienten testen, konnte eine Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin zunächst nicht sagen. Auch mehrere Kliniken haben Test-Anlaufzentren eingerichtet.

Leimer-Lipke ist nach eigenen Angaben die einzige Ärztin in Reinickendorf, die eng mit dem Gesundheitsamt zusammenarbeitet. Sie habe vor einigen Wochen von der Überforderung dort gehört und helfen wollen. Ihr gehe es auch darum, Vorerkrankungen wie Diabetes von positiv getesteten Patienten weiter zu versorgen. „Ich möchte, dass die Niedergelassenen mutiger werden“, appelliert sie an Kollegen. Die Schutzausrüstung habe sie vom Gesundheitsamt bekommen. „Wir sehen aus wie die Minions“, sagt sie mit Blick auf die Animationsfilme mit den kleinen gelben Männchen. Das Schlimmste seien die Schutzbrillen – „die beschlagen dauernd“. Weitermachen wolle sie mit dem Testen aber auf jeden Fall.

Physiotherapeutin mit Sorgen

Marion Jager ist selbst Risikopatientin, sie leidet unter Asthma. In ihrem kontaktintensiven Beruf als Physiotherapeutin hat sich die Berlinerin daher auch schon vor der Krise besonders vor Bakterien, Viren und Tröpfchenübertragung schützen müssen. „Persönlich behandle ich Corona wie jeden anderen Virus“, so die 52-Jährige. „Große Sorgen mache ich mir aber um die Gesundheit meiner Mitarbeiter und Patienten. Und dass unsere Praxis irgendwann Insolvenz anmelden muss, wenn es so weiter geht.“ Jager leitet ein Team von Physiotherapeuten in Wilmersdorf. „Es ist paradox“, sagt sie. Bis vor kurzem sei die Praxis bis zur Schmerzgrenze ausgelastet gewesen, Wartelisten und Überstunden waren an der Tagesordnung. Jetzt sagen viele Menschen aus Angst vor dem Körperkontakt ab, Ärzte stellten wegen der Pandemie keine Folgeverordnungen mehr aus. „So werden die Patienten noch zusätzlich verunsichert“, kritisiert Jager.

Dabei sei auch ihre Branche systemrelevant: „Wir haben viele Neuro-Patienten und neurologische Kinder, die dringend auf die Behandlung angewiesen sind.“ Von einzelnen Behandelten und sogar einem ganzen Pflegeheim, das seine Termine absagte, komme mittlerweile die Rückmeldung, dass sich die Symptome verschlechtert hätten. „Wir sind jetzt selbstverständlich wieder für diese Menschen da.“ Manchmal bringen Patienten als Dankeschön sogar mal einen Kuchen vorbei.

Um dieses Vertrauen auszubauen, hat Marion Jager die Hygienestandards ihrer Praxis noch einmal verstärkt. So arbeitet das Team grundsätzlich mit Mundschutz, es werde immer auf Abstand zwischen den Patienten geachtet, die Kleidung täglich intensiv gewaschen, und alles bis zum Kugelschreiber werde desinfiziert. Außerdem entwickle das Team alternative Ideen wie etwa Video-Therapiestunden. „Unser Zusammenhalt gibt mir Kraft“, so Jager.

Für sie zeigt sich, dass in der Krise gerade die unterbezahlten Jobs alles am Laufen halten. „Ich würde mir von Seiten der Regierung, der Ärzte und der Patienten mehr Anerkennung wünschen, für das was wir hier leisten. Wir helfen, die ambulante Versorgung in Deutschland aufrecht zu erhalten und sollten deswegen nicht vergessen werden.“

Rezepte vom Arzt an die Haustür

„Ein mulmiges Gefühl habe ich bei der Arbeit nicht“, sagt Annett Krüger. Wenn sie jeden Tag Briefe und Pakete an ihre Kunden ausliefert, fühle sie sich sicher. „Denn wenn wir die Vorschriften einhalten, kann uns auch eigentlich nichts passieren.“ Die sind: Abstand halten, Handschuhe tragen und gegebenenfalls die Hände desinfizieren. „Aber wichtig ist auch, positiv zu denken.“

Krüger ist 37 Jahre alt und arbeitet seit 1998 bei der Deutschen Post. Sie trägt Briefe und Pakete im Nordosten Berlins aus. Jeden Morgen nimmt sie dazu ihre Sendungen am Zustellstützpunkt in Pankow entgegen. Um dort die Ansteckungsgefahr zu verringern, kommen nicht mehr alle Kollegen gleichzeitig, sondern in zwei Schichten nacheinander. Um zehn Uhr fährt sie dann auf Tour durch Pankow, Wilhelmsruh, Niederschönhausen und Rosenthal.

Weil in der Corona-Krise mehr Menschen online bestellen und Ostern vor der Tür steht, habe sie derzeit deutlich mehr Pakete auszuliefern. „Das ist von täglich 50 auf 65 bis 70 Stück gestiegen.“ Aber die Arbeit sei auch leichter, weil die meisten Kunden zu Hause seien. Etwas bei Nachbarn abgeben oder sogar wieder mitnehmen, müsse sie kaum noch. Krüger liefert dabei auch lebenswichtige Dinge.

So erinnert sie sich an eine ältere Dame, die vor wenigen Tagen aufgeregt an ihrem Briefkasten stand. „Sie wartete auf ein wichtiges Rezept vom Arzt, das sie an dem Tag bei der Apotheke einlösen wollte“, sagt die 37-Jährige und schiebt mit fröhlicher Stimme hinterher: „Und das hatte ich auch dabei.“

„Natürlich ist die Situation nicht einfach und hoffentlich bald wieder vorbei“, so Krüger. Es seien vor allem Ältere, die mit den Kontaktbeschränkungen zu kämpfen hätten. Denn der sonst übliche kurze Plausch an der Tür falle weg. Aber die meisten Menschen, denen sie bei der Arbeit begegnet, hätten dafür Verständnis. „Und manche warten schon mit ausgestrecktem Arm.“