Corona-Krise

Berliner Amtsärztin: „Wir sind an vorderster Front“

Mehr Mitarbeiter, neue Struktur: Die Corona-Krise ist auch für das Gesundheitsamt Spandau eine Herausforderung.

Spandaus Amtsärztin Gudrun Widders führt das Gesundheitsamt durch die Corona-Krise.

Spandaus Amtsärztin Gudrun Widders führt das Gesundheitsamt durch die Corona-Krise.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Berlin. Es ist ruhig geworden im Rathaus Spandau. Wo sich sonst Besucher sammeln, die auf ihren Termin im Bezirksamt warten, herrscht Leere. Auch Mitarbeiter sind kaum noch auf den Gängen unterwegs. Ein Bereich aber bildet die Ausnahme: Der, wo die Kollegen des Gesundheitsamts arbeiten – und die, die aus anderen Ämtern hinzugezogen wurden, um die Corona-Krise zu bewältigen. „Es gibt eine gewisse Ambivalenz“, sagt Gesundheitsstadtrat Frank Bewig (CDU). „Wir haben ganz viele Mitarbeiter nach Hause geschickt, gleichzeitig aber das Gesundheitsamt ausgebaut.“

Knapp zehn Kollegen seien anfangs mit dem Coronavirus beschäftigt gewesen, inzwischen seien es etwa 70. An den Mitarbeitern hängt eine Reihe von Aufgaben: Die Quarantäne von Infizierten überwachen, Kontaktpersonen identifizieren, Abstriche organisieren, entscheiden, wann die Isolation aufgehoben wird. „Wir sind an vorderster Front“, sagt Amtsärztin Gudrun Widders.

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Quarantäne-Ende: Spandau setzt auf negatives Testergebnis

Die Quarantäne für Infizierte und Kontaktpersonen beginnt mit einer Anordnung vom Gesundheitsamt und endet erst, wenn das Amt sie offiziell aufhebt. In der Regel dauert die Isolation zwei Wochen, es können bei Erkrankten aber bis zu vier werden. Denn: In Spandau setzt man auf ein negatives Testergebnis, bevor die Quarantäne von Coronavirus-Infizierten aufgehoben wird – obwohl dieses laut Robert Koch Institut (RKI) nicht zwingend benötigt wird. In den RKI-Kriterien heißt es, erforderlich für eine Entlassung aus der häuslichen Isolation sei nur, dass diese mindestens 14 Tage seit Symptombeginn gedauert hat und der Betroffene seit 48 Stunden symptomfrei ist.

Trotzdem wird in Spandau, meist am 13. Tag der Quarantäne, noch ein Abstrich durchgeführt. Die Isolation gelte bis zum Vorliegen des Ergebnisses. Andernfalls habe sie Bauchschmerzen, sagt Widders. Auch Stadtrat Bewig sagt: „Wir sichern uns doppelt ab.“ In der Berliner Statistik gelten Covid-19-Erkrankte, die häuslich isoliert waren, als genesen, wenn mehr als 14 Tage seit Erkrankungsbeginn vergangen sind.

Coronavirus: Krisenstab trifft sich in Spandau täglich um 12 Uhr

Spandau ist bislang einer der Bezirke mit verhältnismäßig wenig Erkrankten, 99 sind es bislang. Dennoch war schnell klar: Die Mitarbeiter des Gesundheitsamts können die Arbeit allein nicht bewältigen. Personalmangel ist ein Thema, gut 20 Stellen waren Ende 2019 laut einer Erhebung für den öffentlichen Gesundheitsdienst in Spandau unbesetzt. Sie habe, als der Coronavirus im März ein wachsendes Thema wurde, an Wochenenden bis nach Mitternacht gearbeitet, mehrere Wochen keinen freien Tag gehabt, erzählt Amtsärztin Widders. Ständig habe das Telefon geklingelt. „Wir waren anfangs nicht sicher, kriegen wir das gewuppt“, räumt auch Bewig ein.

Deshalb wurde eine neue Arbeitsstruktur entwickelt. Heute gibt es unter anderem ein „Ermittlungsteam“, „Kontaktverfolgungsteams“, ein „Abstrichteam“ und ein „Postteam“. Um 8.15 Uhr trifft sich jeden Morgen der Arbeitsstab Gesundheit, um 12 Uhr der Krisenstab, zudem auch Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank (SPD) und die Personalvertretung gehören. Die Hilfsbereitschaft aus anderen Ämtern sei groß, sagt Bewig.

In der Stadtbibliothek sitzen inzwischen extra geschulte Mitarbeiter aus dem Amt für Weiterbildung und Kultur und betreuen die bezirklichen Corona-Hotlines. Bis zu 400 Anrufe wurden in der Anfangszeit registriert, inzwischen hat sich die Zahl halbiert. Verdachtsfälle vermittelt das Hotline-Team weiter an die Gesundheitsaufsicht. Die dortigen Mitarbeiter betreuen die Infizierten und ermitteln deren Kontaktpersonen – allein für Spandau sind das mehr als 500 Menschen, die ebenfalls in häusliche Quarantäne geschickt werden mussten. Dabei geht es auch um Schnelligkeit. Sie bitte Erkrankte, innerhalb einer Stunde Kontaktpersonen zu nennen, sagt Fachbereichsleiterin Inas Abdelgawad.

Abstrichteam arbeitet mobil und stationär

Weitere Aufgaben von Abdelgawad und ihren Kollegen: überwachen, wie sich die Symptome der Betroffenen entwickeln und ob diese die Quarantäne einhalten. Im Zweifel wird die Polizei um eine Kontrolle vor Ort gebeten. Außerdem wird hier entschieden, wer auf das Virus getestet wird.

Diesen Job übernimmt das Abstrichteam, das mobil aber auch stationär arbeitet. Die Teststelle ist in dem Gebäude untergebracht, das eigentlich vom Kinder- und Jugendgesundheitsdienst genutzt wird. Die Abstriche werden hier durch ein Fenster gemacht, erklärt Stadtrat Bewig – weil für ein anderes Vorgehen nicht genügend Schutzkleidung zur Verfügung stehe.

Wer sich als Kontaktperson in häuslicher Quarantäne befindet, für den ist das „Team Kontaktbetreuung“ zuständig. Alle zwei Tage bekommen die Betroffenen einen Anruf: Sind neue Symptome aufgetreten? Welche Temperatur wurde gemessen? Ist die Versorgung gesichert? Unter den Menschen seien auch Alleinlebende, die dankbar seien, dass sich jemand nach ihnen erkundige, sagt Tanja Götz. „Wir leisten hier auch soziale Arbeit.“

Amtsärztin kritisiert fehlende Würdigung der Gesundheitsämter

Inzwischen hat sich alles etwas eingespielt im Spandauer Gesundheitsamt, es gibt sogar eine Reserve von geschulten Kollegen. „Man schläft wieder besser“, sagt Amtsärztin Widders. Lange Schichten lassen sich aber weiterhin nicht verhindern. „Elf- bis 14 Stunden-Dienste sind nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel.“ Hinzu kommen Bereitschaftsdienste, E-Mails werden oft am Abend zu Hause noch beantwortet.

Hier setzt auch ihre Kritik an: Die Kollegen würden eine „Knochenarbeit“ leisten, Berlins Gesundheitsämter hätten insgesamt bereits Tausende Kontakte von Corona-Infizierten ermittelt und isoliert – und so entscheidend dazu beigetragen, die Ausbreitung des Virus einzudämmen. „Aber wir werden nicht gesehen“, sagt Widders. Sie wünscht sich eine stärkere Würdigung der Arbeit. Trotzdem sieht die Amtsärztin auch positive Dinge, die die Corona-Krise mit sich bringt. „Man ist sich menschlich nähergekommen“, sagt Widders, „auch mit Kollegen, die man sonst nur aus der Ferne im Bezirksamt gesehen hat.“