Verkehr in Berlin

Weniger Autos in Berlin, aber Lkw-Verkehr legt kräftig zu

Während immer weniger Autos unterwegs sind, fahren teils bis zu 40 Prozent mehr Lastwagen auf den Straßen. Der Radverkehr sinkt wenig.

Der Verkehr ist in Berlin durch die Corona-Krise stark zurückgegangen.

Der Verkehr ist in Berlin durch die Corona-Krise stark zurückgegangen.

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Berlin.  Ein Blick auf die Straße genügt für die Erkenntnis: Der Verkehr ist in Berlin durch die Corona-Krise stark zurückgegangen. Wie sehr zeigen Zahlen der Verkehrsinformationszentrale (VIZ), die am Mittwoch veröffentlicht wurden. In ihrer Auswertung vergleicht die VIZ auf einzelnen Straßen das Verkehrsaufkommen aus der ersten Märzwoche mit den Zahlen der Woche vom 23. bis 29. März, nachdem die Maßnahmen zur Ausgangsbeschränkung in Berlin in Kraft getreten waren. Auf der Leipziger Straße etwa sank die Zahl der Fahrzeuge in der Vorwoche auf unter 70 Prozent des Wertes vom Monatsbeginn und hat sich bei rund zwei Dritteln der gewöhnlichen Verkehrslast eingependelt. Ähnlich fallen die Werte an der Berliner Straße Ecke Clayallee in Zehlendorf aus.

Verkehr in Berlin: Bis zu 40 Prozent mehr Lkw unterwegs

Weniger deutlich ist der beobachtete Rückgang im Straßenverkehr auf der Bornholmer Straße Ecke Schönhauser Allee. Dort fuhren in der vergangenen Woche trotz Ausgangsbeschränkungen noch mehr als 80 Prozent der üblich dort verkehrenden Fahrzeugmenge.

Die Veränderungen fallen dabei je nach Fahrzeugklasse ganz unterschiedlich aus. Während der Autoverkehr durchweg zurückgegangen ist, fuhren auf einigen Strecken deutlich mehr Lastwagen und Busse als zu gewöhnlichen Zeiten. Auf dem Adlergestell in Köpenick legte das Lkw-Aufkommen zu Beginn der vergangenen Woche an mehreren Tagen um 40 Prozent zu im Vergleich zu Vorkrisenzeiten. Auch auf der Berliner Straße in Zehlendorf verzeichnete die Messstelle ähnliche Ausschläge nach oben. Grund dürften zusätzliche Lieferungen für die stark nachgefragten Güter des Einzelhandels sein. In der Innenstadt nahm die Zahl der Lkw leicht ab.

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Weiterhin viele Fahrradfahrer auf Berlins Straßen unterwegs

Die These, wonach nun alle Berliner aufs Rad umsteigen, lässt sich nicht überall bestätigen. Querten in der ersten Märzwoche noch 47.500 Radfahrer die Messstelle an der Jannowitzbrücke, fuhren in der vergangenen Woche nur noch 30.250 Berliner mit dem Fahrrad über diese Strecke.

An der Berliner Straße in Pankow hingegen blieb die Zahl der Radfahrer in den beiden untersuchten Wochen trotz Ausgangsbeschränkungen mit rund 31.500 Fahrern in etwa gleich hoch. Betrachtet man nur die Werktage der ersten und letzten vollen Märzwoche, ist die Zahl der an allen Messstellen in Berlin beobachteten Radfahrer im Schnitt um 13 Prozent gesunken. Deutlich weniger stark also als an vielen Stellen im Autoverkehr. Auch im Bus- und Bahnverkehr sind die Rückgänge viel dramatischer: Hier nannten die Berliner Verkehrsbetriebe zuletzt (BVG) 70 bis 75 Prozent weniger Fahrgäste. Offenbar schwingen sich viele Berliner in der Coronakrise doch lieber auf den Sattel als im ÖPNV unterwegs zu sein.

Wegen Coronavirus weniger Tote im Berliner Verkehr im März

Das gesunkene Verkehrsaufkommen hat offenbar auch einen positiven Nebeneffekt: Im Vergleich zu den Vormonaten sind deutlich weniger Menschen im Berliner Straßenverkehr gestorben. Im März meldete die Berliner Polizei zwei Tote bei Unfällen. Ein Fußgänger starb bei einem Zusammenstoß mit einer Tram. Am Montag erst geriet ein 83-Jähriger mit seinem Krad in den Gegenverkehr und stieß frontal mit einem Lkw zusammen. Er erlag im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen. Zum Vergleich: Im Januar und Februar waren laut Polizeimeldungen insgesamt 18 Menschen auf Berlins Straßen ums Leben gekommen.

Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer spricht von einem „klaren Zusammenhang“ zwischen den Totenzahlen und dem reduzierten Verkehrsaufkommen durch die Corona-Krise. „Die Verkehrsmenge hat immer Einfluss auf das unmittelbare Unfallgeschehen“, sagte er. Auch bei allen weiteren Unfällen mit Verletzten und Blechschäden würden die Zahlen sinken. „Da werden wir einen deutlichen Rückgang sehen in den Monaten, in denen wir im Home Office sind.“ Wie sich die Unfallzahlen in Berlin seit Beginn der Ausgangsbeschränkungen entwickelt haben, konnte die Berliner Polizei am Mittwoch nicht mitteilten. Die Daten lägen erst in einigen Wochen vor.

Von einem grundsätzlich geänderten Verhalten geht Brockmann jedoch nicht aus. „Es wird niemand etwas dazu lernen. Sobald wir die alten Verkehrsmengen wieder haben, werden auch die Unfälle wieder kommen.“ Von der Forderung einiger Verkehrsaktivisten, während der Corona-Pandemie in Berlin flächendeckend Tempo 30 zu erlassen, hält er nichts. Hintergrund der Forderung ist die Überlegung, dadurch die Unfälle und Verletzten zu reduzieren, damit die knappen Krankenhauskapazitäten für Corona-Patienten zur Verfügung stehen.

Brockmann sieht diesen Effekt begrenzt. „Bei Radfahrern passiert der ganz überwiegende Teil der Unfälle beim Abbiegen von Kraftfahrzeugen.“ Dies geschehe ohnehin in geringerer Geschwindigkeit. Autofahrer wiederum seien auch bei Tempo 50 in ihrem Vehikel gut genug geschützt. Profitieren könnten hingegen Fußgänger, die die Straße überqueren. Der Unfallforscher sieht die aktuelle Lage daher nicht geeignet, um diese Maßnahme zu debattieren. „Wir können gerne über Tempo 30 nachdenken“, sagte Brockmann. „Aber nicht nur weil wir jetzt diese Situation haben.“