Coronavirus

Coronavirus: Familien wollen Angehörige aus Heimen holen

Familien in Berlin sind in großer Sorge. Denn in den Pflegestätten wird es immer schwieriger, die Alten und Pflegenden zu schützen.

Ein Rollator und ein Rollstuhl stehen in einer Pflegeeinrichtung auf dem Flur.

Ein Rollator und ein Rollstuhl stehen in einer Pflegeeinrichtung auf dem Flur.

Foto: dpa

Berlin. Der Appell an die Politik ist eindringlich. Patientenschützer sind angesichts immer knapper werdender Schutzmaterialien auch in Berliner Pflegeheimen in großer Sorge. „Wenn es brennt, reicht es nicht, Geld zu überweisen. Es müssen auch Personal und Material geschickt werden“, sagte der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, am Dienstag. „Die ganze Exekutive muss endlich handeln, angefangen bei den Bezirken“, betonte Brysch.

„Wir wissen, dass es an jeder Ecke kneift. Wir haben bereits Material ausgeliefert, es kommt noch mehr“, verspricht der Sprecher der Gesundheitsverwaltung, Moritz Quiske. Brysch wies darauf hin, dass auch ambulante Pflegedienste kaum noch Zugriff auf Mundschutze und Desinfektionsmittel hätten. „Die hoffen, dass sich das Personal darauf einlässt und trotzdem arbeiten geht. Das ist Russisches Roulette.“

Familien seien oft verzweifelt. „Die rufen bei uns an und wollen wissen, wie sie ihre Angehörigen aus den Heimen holen können, damit sie sich nicht mit Corona infizieren“, berichtete Brysch. Die Stiftung rate aber dazu, jetzt nicht in Panik zu verfallen.

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Pflegeheime in Berlin: Allein gelassen in der Corona-Krise?

In Berlin berichten verschiedene Betreiber von Pflegeheimen, dass sie zwar Pandemiepläne haben und Hygieneregeln einhalten. Doch Engpässe gibt es beim Material: „In Bezug auf Schutzkleidung fühlen sich die Heime von Seiten der Politik allein gelassen, angekündigte Lieferungen sind im Wesentlichen nicht angekommen oder liegen weit unterhalb der im Vorfeld durch die Einrichtungen gemeldeten Bedarfe“, berichtete Diakonie-Sprecherin Susanne Gonswa.

„Die Schutzmittel werden in Kürze an vielen Stellen ausgehen“, warnte sie. Eine kleine Menge sollten die Einrichtungen am Dienstag über das Land Berlin erhalten. „Das ist aber ein Tropfen auf den heißen Stein“, meinte Gonswa.

Noch etwa eine Woche reicht das Material in den Häusern der Volkssolidarität, berichtete Sprecherin Constance Frey. „Wir bestellen permanent bei allen verfügbaren Quellen und haben unseren Bedarf auch für die zentrale Beschaffung durch die Senatsgesundheitsverwaltung angemeldet“, sagte die Sprecherin. „Zusätzlich nähen Freiwillige aus Stoffspenden Mundschutz für unsere und weitere Einrichtungen, damit wir den Schutz unserer Pflegebedürftigen auch bei eventuellem Mangel an Wegwerf-Mundschutz sicherstellen können“, ergänzte sie. Die Volkssolidarität erfahre zwar viel Solidarität von Seiten der Politik, der Pflege- und Krankenkassen sowie der Trägerverbände. „Dennoch kommt es in der derzeitigen Ausnahmesituation teilweise zu unbefriedigenden Ergebnissen“, sagte Frey.

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Bestände werden immer knapper

„Wir verfügen noch über Atemschutzmasken und Desinfektionsmittel für unsere Pflegekräfte. Die Bestände werden aber langsam knapp“, berichtete Caritas-Sprecher Thomas Gleißner. Die Caritas sei mit der Politik in einem konstruktiven Dialog. „Wir erwarten aber mehr Unterstützung bei der Bereitstellung von Schutzmaterial. Hier sollten die Altenpflege gleichrangig mit den Krankenhäusern bedacht werden“, forderte Gleißner.

In den Häusern von Pro Seniore sei die Bevorratung auch durch Unterstützung von außen und Kreativität in der Beschaffung und der Herstellung von Schutzhilfen gerade noch akzeptabel, berichtete Sprecher Peter Müller. In den Einrichtungen von Vivantes sei noch ausreichend Material vorhanden, erklärte eine Referentin. Das Unternehmen habe mit der Bevorratung begonnen, als in Europa erste Verdachtsfälle gemeldet wurden.

Ältere Menschen sind besonders gefährdet, an einer Coronavirus-Infektion zu sterben. 87 Prozent aller Toten seien 70 Jahre und älter, sagte RKI-Präsident Lothar Wieler am Dienstag in Berlin.

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Einzelne Alten- und Pflegeheime in Berlin von der Pandemie betroffen

In allen Berliner Bezirken sind nach Angaben des Reinickendorfer Amtsarztes Patrick Larscheid inzwischen auch einzelne Alten- und Pflegeheime von der Pandemie betroffen. „Ein großes Problem sind die Pflegenden. Sie tragen den Erreger auch hinein. Und auf sie können wir ja nun schlecht verzichten“, sagte Larscheid am Wochenende.

Einen Fall wie Würzburg mit zwölf Toten in einem Seniorenheim habe Berlin zum Glück noch nicht. „Aber wegen der miserablen Ausstattung mit Barrieremaßnahmen und auch Basishygienemaßnahmen schon im Normalfall kann sich so etwas an jedem Ort in Deutschland wiederholen“, ergänzte er.

Die Situation macht auch Berliner Senioren in Heimen Angst. „Die Stimmung ist angespannt, besorgt. Alle geben ihr Bestes, unsere Mitarbeitenden denken sich immer wieder etwas Neues aus, um die Stimmung hoch zu halten“, berichtete Gonswa. Es herrsche eine große Verunsicherung unter den Bewohnern, vor allem bei denjenigen, die etwa aufgrund von Demenzerkrankungen nicht verstehen, warum so starke Regeln aufgestellt worden seien. Besonders schlimm sei es für die Bewohner, wenn die Besuche ihrer Angehörigen abnehmen oder ausfallen - auch wenn den meisten klar ist, dass dies eine notwendige Schutzmaßnahme ist.

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