Corona-Krise

Wohlfahrtsträger schlagen Alarm – Insolvenzen drohen

Sozialarbeiter können wegen Kontaktbeschränkungen die Familien nicht mehr besuchen – Anstieg von häuslicher Gewalt befürchtet.

Foto: Sebastian Kahnert / dpa

Berlin. Die freien Wohlfahrtsträger schlagen wegen der sozialen Folgen der Corona-Krise Alarm. Da die Sozialarbeiter wegen der Kontaktsperre die Familien nicht mehr besuchen könnten, befürchten sie einen Anstieg der häuslichen Gewalt. „Gerade in der Zeit der Krise wäre es umso wichtiger, die Familien zu betreuen“, sagt der Präsident des Berliner Roten Kreuzes (DRK) und ehemalige Gesundheitssenator, Mario Czaja. Die Betreuung über Anrufe oder Kurzmitteilungsnachrichten reiche nicht aus, um die angespannte Situation in den Familien zu entschärfen. „Da liegt schon viel Sprengstoff drin“, sagt Czaja.

Vor allem Kinder würden darunter leiden. „Die Tafeln funktionieren nicht mehr, die Familienarbeit findet nicht mehr statt und auch die Hausaufgabenhilfe ist nur eingeschränkt möglich“, sagt Czaja. Aber gerade diese Angebote seien es, in denen Kinder aus sozial schwachen Familien für ein paar Stunden die Wohnung verlassen und betreut werden könnten. „Viele Kinder sagen, dass sie erst nach Hause kommen dürfen, wenn es dunkel wird, sonst setzt es zu Hause Prügel“, sagt Czaja. Durch die Kita- und Schulschließungen fehle es zudem an Möglichkeiten, erlittene Misshandlungen festzustellen.

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Corona-Krise in Berlin: Vielen sozialen Organisationen drohe das finanzielle Aus

Auch in Krisen-Stadtteilen wird ein Anstieg der Gewalt befürchtet. „Wir haben Familien, die teilweise in mehrere Angebote bei uns eingebunden sind“, sagt der Geschäftsführer des DRK-Nordost, Rainer Oetting. „Es wird derzeit zunehmend schwieriger mit solchen Familien zu arbeiten, weil die Anspannung steigt.“

Statt zu versuchen, über Kurzarbeit die finanziellen Lasten der sozialen Träger zu senken, wäre in der aktuellen Situation im Gegenteil mehr Arbeit mit den Problemfamilien nötig. „Wenn wir diese Familien nicht weiter betreuen, möchte ich mir nicht vorstellen, was passiert“, sagt Oetting. Er befürchtet, dass dann mehr Kinder aus ihren Familien in staatliche Obhut kommen.

Zudem droht vielen sozialen Trägern das finanzielle Aus. Da sie gemeinwohlorientiert arbeiten, verfügen die meisten Sozialunternehmen kaum über Rücklagen. „Ein Damoklesschwert schwebt über uns“, sagt Oetting. Zwar hat der Bund eine Regelung gefunden, soziale Träger weiter zu finanzieren, obwohl sie derzeit nur eingeschränkt Leistungen erbringen können. Wann das Geld tatsächlich fließt, ist derzeit noch unklar. „Wir befürchten, dass es zu einem Riesenwust an Anträgen für das Kurzarbeitergeld kommt und wir deshalb nicht schnell genug Hilfe bekommen“, sagt Oetting. Alle Versuche, sich selbst Kredite zu besorgen, seien bislang gescheitert, vor allem, weil die Angebote der Investitionsbank Berlin (IBB) nicht auf Sozialunternehmen zugeschnitten seien. Sechs bis acht Wochen könne das DRK-Nordost die Situation noch bewältigen, dann drohe die Insolvenz. Doch gerade in Zeiten der Krise und vor allem danach seien soziale Angebote für in Not geratene Menschen umso wichtiger. „Die sozialen Herausforderungen sind immens“, sagt DRK-Präsident Czaja.