Corona-Krise

Neuköllner Pflegekräfte schreiben Brandbrief

Bei den „Helden des Alltags“ hat sich viel Wut angestaut auch bei Pflegekräften des Klinikums Neukölln.

Ein Intensivbett auf einer Intensivstation (Symbolbild).

Ein Intensivbett auf einer Intensivstation (Symbolbild).

Foto: Ronald Bonß / dpa

Berlin. Geboren wurde die Idee in einer Chatgruppe unter Pflegekräften des Vivantes Klinikums Neukölln. Am Donnerstagmorgen war der Punkt erreicht, dass jemand meinte, sie sollten einen Brandbrief schreiben. Sie schickten Sätze und Formulierungen hin und her und einigten sich auf eine Version, hinter der alle Beteiligten stehen können. Der Brief liegt der Berliner Morgenpost vor und was nach der Anrede „Liebe Politiker Deutschlands“ kommt, zeigt die Wut, die sich in den vergangenen Wochen bei diesen „Helden des Alltags“, wie sie heute gern genannt werden, angestaut hat.

„Wir, das Gesundheitssystem, sind krank, wir können nicht mehr!“, schreiben sie. „Ich bin so unfassbar wütend!“ Schon vor der Corona-Krise sei es oft so gewesen, dass zwei Pflegekräfte für eine gesamte Station zuständig waren, aber da Leasing-Kräfte nicht verlängert würden, sehe es so aus, als seien sie jetzt bald allein für 50 Patienten zuständig. „Nicht genug, dass wir Pflegenden euch seit Jahren vollkommen egal sind, dass es lange kaum Übernahmen nach der Ausbildung gab, dass wir am finanziellen Existenzminimum arbeiten (...) und immer weniger Zeit am Patienten haben (...) – Jetzt echt noch das?“

Coronavirus – „Wir fehlen auf unseren eigenen Stationen“

Mit „das“ meinen sie die Corona-Krise, die zusätzliche Belastung für die Pflegekräfte bedeutet. „Wir werden auf Intensivstationen verliehen und fehlen auf unseren eigenen Stationen, wir bekommen einen (!) Stoffmundschutz pro Mitarbeiter, der eine komplette Schicht getragen werden und dann zu Hause gewaschen werden soll (...).“ Der Brief endet mit einem beinahe verzweifelten Appell: „Ihr habt eine Verantwortung! Handelt endlich entsprechend!“

Ein Mitarbeiter, der nicht namentlich genannt werden will, spricht gegenüber der Berliner Morgenpost von chaotischen Zuständen. „Es ist schon versäumt worden, einen Corona-Verdacht bei der Übergabe mitzuteilen, weil schlicht zuviel zu tun ist“, sagt er. Außerdem sei die Schutzkleidung nicht ausreichend für einen medizinischen Beruf. „Was ist, wenn wir uns infizieren und ausfallen?“ Er habe schwangere Kolleginnen und solche mit Kindern zu Hause. Die Stationsleitung stehe hinter ihnen, sagt er. Den Dank der Kanzlerin und der klatschenden Menschen auf Balkonen habe er mitbekommen. Aber er vermisse eine Wertschätzung einer Arbeit, die sozusagen „an der Front“ stattfindet.

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