Corona-Krise

Landeseigene Wohnungsgesellschaft mahnt Berliner Hotelier ab

Erst auf Nachfrage rudert Stadt und Land zurück. Nun soll die Miete gestundet werden. Dem betroffenen Unternehmer ist das nicht genug.

Jens Strobl vor seinem Hotel in Schöneberg. Wegen Corona seien alle Buchungen bis in den September hinein storniert worden, sagte er. 

Jens Strobl vor seinem Hotel in Schöneberg. Wegen Corona seien alle Buchungen bis in den September hinein storniert worden, sagte er. 

Foto: Jörg Krauthöfer / FUNKE Foto Services

Berlin. Das Hotel von Jens Strobl befindet sich in einem denkmalgeschützten Gebäude nahe dem Heinrich-von-Kleist-Park in Schöneberg. Auf 4000 Quadratmetern und in unterschiedlichen Zimmergrößen hat Strobl hier 160 Betten untergebracht. Vor allem Gruppen und Schulklassen buchen üblicherweise Übernachtungen im Jugendhotel Berlin City. Wäre es eine normale Woche, wäre sein Hotel ausgebucht. „Zu einhundert Prozent“, sagt Strobl. Doch wegen der weiteren Ausbreitung des Coronavirus und der Reisebeschränkungen ist sein Haus derzeit leer. „Mein Lebenswerk steht am Abgrund“, beklagt der 60 Jahre alte Hotelier, der das Haus seit 1998 betreibt. Für acht seiner neun Mitarbeiter hat der Unternehmer bereits Kurzarbeit beantragt. Lediglich ein Notbetrieb werde noch aufrechterhalten.

Selbst wenn die staatlich verhängten Beschränkungen wieder gelockert würden, wird das Hotel die Auswirkungen der Corona-Krise noch lange spüren. Denn Buchungen bis in den September hinein seien storniert worden, so Strobl. Die dadurch entgangenen Einnahmen bewegen sich im sechsstelligen Bereich. Nach der Absage der Internationale Tourismus-Börse ITB hat der Hotelier deswegen zunächst keine Miete mehr bezahlt.

Alle Nachrichten zum Coronavirus in Berlin, Deutschland und der Welt: Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Coronavirus in Berlin haben wir hier für Sie zusammengetragen. In unserem Newsblog berichten wir über die aktuellen Coronavirus-Entwicklungen in Berlin und Brandenburg. Die deutschlandweiten und internationalen Coronavirus-News können Sie hier lesen. Zudem zeigen wir in einer interaktiven Karte, wie sich das Coronavirus in Berlin, Deutschland, Europa und der Welt ausbreitet. Alle weiteren wichtigen Informationen zum Coronavirus bekommen Sie hier.

Stadt und Land entschuldigte sich bei dem Hotelier

Sein Vermieter, die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land, hatte Strobl daraufhin bereits Mitte März abgemahnt. Erst auf Nachfrage am Donnerstag habe sich das Unternehmen entschuldigt und erklärt, dass die Miete zunächst gestundet werden könne.

Stadt und Land bestätigte auf Morgenpost-Anfrage den Sachverhalt. „In diesem Fall ließ sich der automatisch generierte Mahnlauf unsererseits leider nicht mehr rechtzeitig stoppen, dafür haben wir uns bei dem Kunden entschuldigt. Wir haben angeboten, nach Sichtung der Unterlagen zu prüfen, inwiefern wir dem Mieter entgegenkommen können, um die Zeit zu überbrücken, bis die avisierten Finanzhilfen des Bundes beziehungsweise der Länder abrufbar sind und bei den Betroffenen, so auch bei ihm, ankommen“, sagte ein Sprecher des Unternehmens.

Lompscher hat städtische Wohnungsbaugesellschaften angewiesen, kulante Lösungen zu finden

Angesichts der Corona-Krise biete Stadt und Land allen Gewerbetreibenden, die in wirtschaftliche Schwierigkeiten gekommen sind, Gespräche an. Man suche darüber hinaus nach individuellen Lösungen wie Ratenzahlungen, Stundungen oder Mietnachlässen. „Pauschale Mietverzichte ohne Eingehen auf den konkreten Einzelfall üben wir nicht aus“, so der Sprecher. Den automatischen Mahnlauf habe Stadt und Land angesichts der aktuellen Situation aber für alle Gewerbekunden, die sich gemeldet hätten, bis Juni 2020 ausgesetzt.

Berlins Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen, Katrin Lompscher (Linke), hatte erst in dieser Woche angekündigt, dass der Senat bei den städtischen Wohnungsgesellschaften dafür Sorge tragen werde, dass diese bis auf Weiteres bei Mietrückständen individuelle und kulante Lösungen vereinbaren, keine Kündigungen wegen Zahlungsrückständen aussprechen und auch keine Räumungen bewohnter Wohnungen durchführen. Gleiches solle für Gewerberäume gelten, so Lompscher. Eine Sprecherin der Senatorin teilte auf Anfrage mit, dass alle städtischen Wohnungsbaugesellschaften angewiesen wurden, bei Mietrückständen individuelle und kulante Lösungen mit den Mietern zu vereinbaren.

Hotelier regt angesichts ausbleibender Einnahmen Miet-Erlass an

Thomas Lengfelder, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) in Berlin, mahnte am Donnerstag, Mietzahlungen sollten in der jetzigen Lage nicht nur gestundet, sondern ausgesetzt werden. „Keinem ist damit geholfen, wenn es nach der Krise Tausende leer stehende Gewerbeimmobilien gibt“, sagte er.

Hotelier Jens Strobl ist das nicht genug. Nach der Mahnung durch Stadt und Land verfasste er einen Brief an Senatorin Lompscher. Null Einnahmen könnten auch nur null Miete bedeuten, schrieb er. „Denn selbst, wenn es Lösungen der Stundung von Mietrückständen geben sollte, wie sollen diese jemals rückgeführt werden“, so Strobl. Um sein Geschäft am Leben zu erhalten, sieht er nun den Senat in der Verantwortung. „Ein Erlass der Netto-Mietzahlungen bis Ende des Jahres wäre hier eine mehr als wünschenswerte Entscheidung“, schrieb der Hotelier.