Corona-Krise

Erster Lieferdienst nimmt keine Neukunden mehr an

Regional-Anbieter Märkische Kiste arbeitet am Limit. Auch andere Supermarkt-Lieferdienste verzeichnen in Berlin Rekordzuwächse.

Viele Berliner lassen sich derzeit ihre Lebensmittel nach Hause liefern. Die Nachfrage ist stark gestiegen.

Viele Berliner lassen sich derzeit ihre Lebensmittel nach Hause liefern. Die Nachfrage ist stark gestiegen.

Foto: Christin Klose / dpa

Berlin. Das junge Berliner Start-up Foodly bietet seinen Kunden Menüvorschläge an. Produkte dafür können Nutzer dann per Smartphone über die App des jungen Unternehmens bei Lieferpartner wie Bringmeister von Edeka oder Food.de bestellen. Einige Tausend registrierte Kunden hat Foodly derzeit, so Gründer Hannes Kübel. Vor allem seit Berlin wegen der Corona-Krise Kindergärten und Schulen geschlossen hat, sei die Zahl der Bestellungen extrem angestiegen, sagte Kübel am Donnerstag. „Im Vergleich zum Februar hat sich unser Bestellvolumen im März fast verdreifacht“, so der Gründer.

Die Partner allerdings, die bestellte Lebensmittel an Kunden liefern, sehen sich dem Ansturm auf die Lebensmittel kaum noch gewachsen. So wie es zuletzt im stationären Handel leere Regale gab, seien auch einige Produktkategorien bei den Online-Lebensmittelhändlern komplett leergeräumt gewesen, so der Foodly-Gründer. Freie Lieferzeitfenster gebe es zudem häufig nur noch mit bis zu zwei Wochen Abstand. Kübel hat angesichts der gestiegenen Nachfrage nach Bringdiensten für Lebensmitteln auf der Internetseite seines Unternehmens eine Suchmaschine eingerichtet. Unter 13 Anbietern können Kunden so noch freie Liefermöglichkeiten für ihr Postleitzahlgebiet finden.

Märkische Kiste verzeichnet in drei Wochen 400 Neukunden

Erste Anbieter müssen angesichts der gestiegenen Nachfrage aber bereits die Notbremse ziehen. „Wir haben uns entschlossen, keine Neukunden mehr anzunehmen“, erklärte Christoph Scholz, Geschäftsführer des regionalen Lebensmittellieferdienstes Märkische Kiste. Das vergleichsweise kleine Unternehmen arbeitet mit 30 regionalen Erzeugern zusammen. Derzeit beliefert es etwa 3500 Haushalte mit regionalem Gemüse, aber auch mit Obst, Käse oder kleineren Snacks. In den vergangenen drei Wochen seien 400 Neukunden dazugekommen. Scholz führt das auf die Corona-Krise zurück.

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Wegen der höheren Nachfrage sei zuletzt der Umsatz seines Unternehmen um 20 Prozent gestiegen. Seine rund 50 Mitarbeiter lässt Scholz zudem neuerdings im Schichtdienst arbeiten. Um der wachsenden Zahl der Bestellungen überhaupt gerecht werden zu können, hat er sich zudem dazu entschieden, mit einer Zeitarbeitsfirma zusammenzuarbeiten.

Lebensmittel-Lieferdienst Get Now mit deutlichem Anmeldeplus in Berlin

Auch die konventionellen Lieferdienste Bringmeister und Rewe melden ein gestiegenes Interesse an Lebensmittel-Lieferungen. „Wir verzeichnen eine sehr stark erhöhte Nachfrage nach lang haltbaren Lebensmitteln, Nährmitteln, Konserven und Drogerieartikeln. Die hohe Nachfrage bringt Wartezeiten von ein bis zwei Wochen mit sich“, sagte ein Rewe-Sprecher auf Anfrage. Wartezeiten seien allerdings abhängig vom jeweiligen Liefergebiet und nicht der Regelfall, betonte er.

Zahlen des kleineren Anbieters Get Now, der mit dem Großhändler Metro zusammenarbeitet, zeigen allerdings, dass vor allem in Berlin seit dem Beginn der Corona-Krise das Interesse nach Lebensmitteln aus dem Internet zugenommen hat. Nach Angaben des Unternehmens ist die Zahl der Neuanmeldungen in Berlin auf der Get-Now-Internetseite seit Anfang März um 330 Prozent gestiegen. Deutschlandweit verzeichnete der Anbieter hingegen nur ein Plus von 230 Prozent. Auch die Lieferungen hätten in Berlin stark zugenommen. Get Now würde wohl noch mehr Lebensmittel bis vor die Haustür bringen; derzeit allerdings fehle es dafür an Personal, sagte ein Sprecher.

Berliner bestellen Mehl, Milch, Spaghetti und Hefe

13 Tage müsse ein Get-Now-Kunde in Berlin derzeit nach der Bestellung auf die Auslieferung warten. „Die Nachfrage bleibt stabil extrem hoch, obwohl wir die Werbung um 90 Prozent zurückgefahren haben“, so der Sprecher weiter. Einer regionalen Auswertung zufolge hatten die Hauptstadt-Bewohner im Angesicht der Krise zuletzt vor allem Weizenmehl, H-Milch, Spaghetti, Trockenbackhefe und Kidneybohnen bestellt. Danach folgten Salatgurken, passierte Tomaten, Gemüsemais und Dosen-Thunfisch.

Anders als die Online-Supermärkte haben gängige Essens-Lieferdienste wie Lieferando in den vergangenen Wochen keinen sprunghaften Anstieg der Bestellungen erlebt. „Die Nachfrage ist nicht so explodiert wie bei den Supermärkten“, gab Jörg Gerbig, der Deutschlandchef des Anbieters Lieferando gegenüber der Berliner Morgenpost zu. Sein Unternehmen arbeitet berlinweit mit rund 2000 Restaurants zusammen. Es vermittelt als Marktplatz einerseits Bestellungen an Restaurants und Lieferdienste, die das Essen dann eigenständig zum Besteller bringen. Andererseits beschäftigt Lieferheld aber auch eigene Fahrer, die für Restaurants dann die Auslieferung übernehmen.

Lieferando: Corona hat Gewohnheiten verändert

Wegen Corona hätten allerdings zahlreiche Gastronomen in Berlin den Betrieb vorübergehend eingestellt, weil die zunächst verkürzten Öffnungszeiten und nun das Liefergeschäft sich allein nicht lohnten, so Gerbig. Die Corona-Krise habe allerdings alltägliche Rituale vieler Verbraucher zerstört. Bestelle ein Kunde am Freitagabend ein Essen, sei die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er auch am Freitag darauf bei einem Lieferservice ordere. Bis sich Gewohnheiten wieder einpendelten, werde es wohl etwas dauern, schätzte Gerbig.

Hoffnung macht Lieferando allerdings, dass sich seit Corona deutschlandweit 2500 neue Restaurants auf der Plattform angemeldet hätten, davon 700 in Berlin. Das Unternehmen kommt derzeit betroffenen Wirten entgegen: Die Kommissionsrate für Restaurants, die sich für die Abholung durch Lieferando-Fahrer öffnen, werde auf null Prozent gesenkt, kündigte das Unternehmen an. Bundesweit liefert Lieferando jeden Monat etwa acht Millionen Bestellungen aus.

Lieferando-Fahrer allerdings müssen sich wegen Corona umgewöhnen: „Unsere Fahrer klingeln an den Türen, stellen die Lieferbox ab und öffnen sie, gehen zwei Schritte zurück, und der Kunde kann sich dann sein Essen selbst herausnehmen“, sagte Gerbig. Bezahlt werde ohnehin meistens vorab im Internet.

Ähnlich hat auch die Deutsche Post reagiert. „Wir verzichten bei der Übergabe von Einschreiben und Paketen auf die Quittierung“, sagte eine Post-Sprecherin. Die Zahl der Sendungsmengen befinde sich derzeit aber im üblichen Bereich, so die Post.