Ehrengräber

Posthume Ehre für Pfitzmann und Loriot

Die Ruhestätten elf berühmter Berliner werden jetzt zu Ehrengräbern. Darunter sind auch Widerstandskämpfer.

Das Grab von Günter Pfitzmannauf dem Waldfriedhof Zehlendorf in Berlin.

Das Grab von Günter Pfitzmannauf dem Waldfriedhof Zehlendorf in Berlin.

Foto: Reto Klar

Wenn man sie alle wieder auferstehen lassen könnte, was wäre das für ein Treffen: Harald Juhnke und Gustav Stresemann, Marlene Dietrich und Willy Brandt, dazwischen Baronin Elisabeth Ardenne, das literarische Vorbild für „Effi Briest“ samt ihrem Autor Theodor Fontane – sie alle liegen in Berlin begraben. 224 Friedhöfe hat die deutsche Hauptstadt, 185 davon sind für die Öffentlichkeit zugänglich. Viele, wie etwa der Dorotheenstädtische Friedhof in Mitte oder der Südwestkirchhof in Stahnsdorf vor den Toren der Stadt, sind über Berlin hinaus bekannt. Dort liegen „Promis“ und Persönlichkeiten der Berliner Geschichte begraben. 670 von ihnen ruhen in Ehrengrabstätten, darunter allerdings nur 76 Frauen.

Elf weitere Ehrengräber kommen nun dazu. Das beschloss der Senat am vergangenen Dienstag. Auf der Liste stehen neben Groß-Berlins „Gründervater“ Adolf Wermuth (1855-1927) Berlins beliebter Volksschauspieler Günter Pfitzmann (1924-2003) und Bernhard-Viktor (Vicco) von Bülow, besser bekannt als Loriot (1923-2011), der als Humorist und Karikaturist ebenfalls noch in guter Erinnerung sein dürfte. Ab jetzt wird der jeweilige Bezirk die Kosten der Grabpflege übernehmen, zunächst für 20 Jahre – so soll das Andenken an die bekannten Persönlichkeiten gefördert werden. Die Gräber werden jeweils mit einer Plakette versehen, die auf die Widmung hinweist.

Gründer von Groß-Berlin wird erst 93 Jahre nach Tod geehrt

Günter Pfitzmann musste auf diese Ehre 17 Jahre lang warten, doch seine Grabstätte auf dem Waldfriedhof Zehlendorf wirkt nicht, als wäre er vergessen. Als Arzt in der „Praxis Bülowbogen“ oder als Familienpatriarch im „Havelkaiser“ gehörte „Pfitze“ für viele Berliner quasi zur (Fernseh-)-Familie. Er starb am 30. Mai 2003. Neben seinem schwungvollen Namenszug stehen auf seiner Grabplatte zwei Grablichter, rot und grün, als sollte betont werden: Das Leben geht weiter. Schon seit 2017 erinnert in seinem Heimatbezirk Zehlendorf auch ein kleiner Platz an den Volksschauspieler. Ein erster Versuch einer Straßenwidmung war 2014 in Schöneberg an der Frauenquote für Straßennamen gescheitert.

Loriot, geboren 1923 in Brandenburg an der Havel, starb 2011 in Ammerland (Oberbayern), wo er seit den 60er-Jahren lebte. Beigesetzt wurde er 2011 im engsten Familienkreis auf dem Waldfriedhof Heerstraße in Westend. Sein Grabstein zeigt unter anderem das Wappentier der Familie, den Pirol, den von Bülow sich zum Künstlernamen wählte – „Loriot“ ist das französische Wort für „Pirol“.

Wermuth war Oberbürgermeister des neuen Groß-Berlin

Weniger bekannt dürfte der letzte Name auf der Liste der „neuen“ Ehrengräber sein: Adolf Wermuth (1855-1927) war 1920 Oberbürgermeister der maßgeblich durch ihn selbst neustrukturierten Einheitsgemeinde Groß-Berlin. Vielleicht, weil dieses Jubiläum nun ansteht, erklärt man seine Grabstätte auf dem Kirchhof der Schlosskirche in Buch nun zum „Ehrengrab“ – knapp 100 Jahre nach seinem Tod.

Wermuth, geboren 1855 in Hannover, war Jurist, Verwaltungsbeamter und parteiloser Politiker, und sein Leben verdient es eigentlich, ausführlicher erzählt zu werden. Zunächst Regierungsassessor im preußischen Staatsdienst, wurde er Amtsrichter, baute den Reichswetterdienst mit auf, war nach Abschluss des Helgoland-Sansibar-Vertrages 1890/91 Interimsverwalter der Insel Helgoland. Er leitete als Reichskommissar die deutschen Beiträge für die Weltausstellungen in Melbourne und Chicago.

Seine wirkliche Großtat aber war sicher, Berlin durch die schwierigen Jahre des Krieges zu führen – und dann zum Zusammenschluss der Gemeinden, aus dem 1920 die Millionen-Metropole Berlin entstand. Warum er vergessen wurde? Vielleicht, weil Politik auch damals schon ähnlich funktionierte wie heute. Wermuth galt als Pragmatiker, war parteilos, trat noch 1920 von der politischen Bühne ab. Das Projekt Groß-Berlin hatte – wie kann es in Berlin anders sein – auch viele Gegner. So weiß man nicht viel über den Großstadt-Vater, auch sein Grabstein gibt nicht viel Auskunft. Eine allerdings schon, die in diesen Tagen ganz besonders klingt: „Seid fröhlich in Hoffnung!“ steht auf schwarzem Granitstein in Goldschrift über Wermuths Namen und dem seiner Frau Marie.

Besuche an einigen der Grabstätten sind wieder möglich

Unter den weiteren Persönlichkeiten sind NS-Widerstandskämpfer wie Friedrich Weißler (1891-1937), Klara (genannt Kläre) Bloch (1908-1988) oder die Ärzte Georg (1904-1944) und Anneliese Groscurth (1910-1996) als „Gerechte unter den Völkern“. Auch der Bildhauer und Grafiker Günter Anlauf (1924-2000) gehört dazu, Grafiker Johannes Hegenbarth, genannt Hannes Hegen (1925-2014) oder die Kunsthistorikerin und erste Direktorin der Berliner Schlösserverwaltung Margarete Kühn (1902-1995).

Und noch eine gute Nachricht: Auch Besuche an einigen der Grabstätten sind nun wieder möglich. Nachdem der Evangelische Friedhofsverband Berlin vergangene Woche angekündigt hatte, seine insgesamt 45 meist innerstädtischen Areale zu schließen, darunter auch der Dorotheenstädische Friedhof und die Bergmann-Friedhöfe, sollen diese ab diesem Donnerstag zumindest werktags von 8 bis 13 Uhr wieder zugänglich sein, am Wochenende sogar ganztägig. Wenn auch nur „probehalber“, wie der Verband betont.

Corona-Partys auf einigen Friedhöfen

Auf einigen Friedhöfen seien Corona-Partys gefeiert und Fußball gespielt worden, erklärte Chistiane Bertelsmann, Sprecherin des Friedhofsverbandes, die Schließung. „Wir mussten uns entscheiden, und die wichtigste Nutzung der Friedhöfe sind eben die Bestattungen.“ Zudem stehe das Personal der Friedhöfe durch die Corona-Auflagen vor großem Aufwand. Nach Protesten habe man nun anders entschieden. „Wichtig ist aber, dass die Bevölkerung versteht, dass Friedhöfe Orte der Stille sind, auf denen Menschen von ihren Liebsten Abschied nehmen.“

Auch auf anderen Friedhöfen kann es zu geänderten Öffnungszeiten und Nutzungsregeln kommen. Informationen gibt es bei den Friedhofsverwaltungen und Grünflächenämtern.